Schulabschluss in Corona-Zeiten Ein Algorithmus, der Träume zerstören kann

In der Coronakrise hat ein Algorithmus die Endnoten britischer Schüler errechnet - die Ergebnisse sorgten für Aufruhr. Doch auch in Deutschland entscheidet eine geheime Formel über die Noten bestimmter Schüler.
"Ein Algorithmus hat über meine Zukunft entschieden. Ich bin stinksauer!"- so steht es Mitte August in London auf dem Schild einer Demonstrantin

"Ein Algorithmus hat über meine Zukunft entschieden. Ich bin stinksauer!"- so steht es Mitte August in London auf dem Schild einer Demonstrantin

Foto: HENRY NICHOLLS / REUTERS

Als Sophia Kamal-Bederski Anfang Juli ihre Abschlussnoten bekam, war sie schockiert: "Meine Lehrer hatten eine 39 vorhergesagt, aber am Ende habe ich nur eine 30 bekommen. Ich bin wirklich abgerutscht." 39 entspricht einer Abiturnote von 1,5 - 30 hingegen nur einer 3,0. Das Resultat für die britische Absolventin: Die Durham University, ihre Traum-Uni, zog ihre Zusage für einen Studienplatz zurück.

Kamal-Bederski ist eine von vielen, die von ihrer Abschlussnote negativ überrascht wurden. Was zunächst nach einem wirklich schlechten Prüfungstag klingt, hatte allerdings nichts mit Prüfungen zu tun, denn die waren wegen der Coronakrise ausgefallen. Es muss also einen anderen Grund für die unerwartete Verschlechterung geben - nur ist der für die Schülerin nicht leicht zu ermitteln.

Sie hat das "International Baccalaureate"  (IB) gemacht, eine international anerkannte Alternative zum Abitur. Die gleichnamige Schweizer Stiftung dahinter führt weltweit standardisierte Prüfungen durch, die von Hunderten Universitäten als Zugangsprüfung anerkannt sind. Weltweit haben dieses Jahr mehr als 170.000 Schülerinnen und Schüler den Abschluss gemacht. In Deutschland wird das Programm an mehr als 80 Schulen angeboten, vornehmlich an Internationalen Schulen, aber auch an normalen Gymnasien.

Die Prüfungen sind normalerweise entscheidend

Mit dem IB können sich Absolventen weltweit an Universitäten bewerben - und zwar schon, bevor sie den Abschluss in der Tasche haben. Dazu geben die Lehrer bereits vorab eine Note an, die vom jeweiligen Schüler wahrscheinlich zu erwarten ist. Auf dieser Grundlage können die Absolventen dann einigermaßen planen, auch wenn die Prüfungen noch ausstehen und natürlich besser oder schlechter ausfallen können als die Vorhersage.

Dieses Jahr allerdings sagte der IB die Abschlussprüfungen komplett ab. Zu der "historischen Entscheidung" entschloss sich die Organisation , um "Gesundheit und Wohlbefinden" von Schülern und Lehrern während der Corona-Epidemie zu sichern. Normalerweise tragen die Abschlussprüfungen etwa 80 Prozent zur Endnote bei.

Zunächst freute sich Schülerin Kamal-Bederski: "Ich war froh, keine Prüfungen schreiben zu müssen." Doch an die Stelle der wichtigen Prüfungen rückte ein Algorithmus. Die Benotung der Schüler folgte einer Berechnungsformel, die auch ohne die wichtigen Prüfungsergebnisse auskommen musste.

Der IB gab an , dass diese Formel "rigoros" durch "Bildungsstatistiker" getestet worden sei. Es handele sich auch nicht um "einen computerbasierten Algorithmus", sondern um ein spezielles Bewertungsmodell. Das System basiere grundsätzlich auf "menschlicher Intelligenz" und ermögliche eine faire Bewertung der Schüler. Doch wie die sichergestellt werden soll, behält die Stiftung weitgehend für sich.

Drei Daten-Kategorien sollen zur Note führen

Nach eigenen Angaben  berechnet IB die Noten basierend auf drei Kategorien von Daten: Erstens Bewertungen durch Lehrer, zweitens Hausarbeiten - und drittens einen Wert für den "Kontext" der Schule, einem vom IB selbst erzeugten Score. Kritik wurde an allen drei Kategorien geübt.

Lehrerbewertungen sind subjektiv, und auch bei den Hausarbeiten gab es Probleme : Manche IB-Schüler hatten ihre plötzlich viel wichtigeren Arbeiten bereits vor der Absage der Prüfungen abgegeben, andere erst danach. Am heftigsten kritisiert wurde der IB jedoch dafür, den Faktor "Schulkontext" in die Benotung einzubeziehen. Diesen Wert errechnet IB nach eigener Aussage  aus zwei Gründen: um einzuschätzen, wie zutreffend Lehrkräfte in der Vergangenheit die Abschlussnoten ihrer Schüler vorhergesagt und wie gut Schüler im Verhältnis zu ihren Hausarbeiten in den Abschlussprüfungen abgeschnitten haben.

Der Wert sei aber zum einen willkürlich, wie Stefan Wester berichtet, IB-Koordinator der privaten Leibniz-Schule in Elmshorn. Mehrere seiner Schüler hätten Noten erhalten, die unterhalb der Lehrereinschätzung und der Hausarbeitsnoten lagen. Zum anderen berge die Berechnung ein Diskriminierungsrisiko, so Hye Jung Han  von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, da sie zu "unfairer Behandlung" atypischer Schüler führen könne.

Das Verfahren birgt gleich mehrere Probleme: Schüler haben keinen Einfluss auf das Abschneiden ihrer Vorgänger. Diesen Wert mit in die Benotung einzubeziehen, widerspricht der Idee, dass individuelle Leistungen den Ausschlag für eine Beurteilung geben sollten. Zudem besteht die Gefahr einer sogenannten Rückkopplungsschleife, wie sie häufig bei automatisierten Entscheidungssystemen vorkommt: Schüler an schlechter bewerteten Schulen werden aufgrund der historisch weniger genauen Lehrereinschätzungen automatisch abgewertet  - was dazu führt, dass auch die Noten zukünftiger Schüler schlecht bleiben. Es gibt kein Entkommen aus der Vergangenheit.

Mitte August reagierte der IB

So argumentiert auch die norwegische Datenschutzbehörde . Sie sieht in dem Benotungssystem eine Verletzung des Rechts auf "sachlich richtige Datenverarbeitung" nach der Datenschutzgrundverordnung und forderte den IB dazu auf, den Schulkontext nicht zur Benotung der Schüler einzusetzen.

Mitte August reagierte  der IB: Der Schulkontext solle unter bestimmten Umständen an Bedeutung verlieren, was für einige Schüler zur Verbesserung ihres Ergebnisses führte. Auf SPIEGEL-Anfrage erklärte die Stiftung, man habe das System überarbeitet und die Anhebung einiger Noten empfohlen. Das Feedback der Schüler und Schulen prüfe die Stiftung stets mit Sorgfalt und Respekt, zudem verpflichte man sich stets zu fairem und richtigem Handeln.

Es ist unklar, ob die Änderungen des Systems ausreichen, um in Norwegen eine komplette Neubenotung zu verhindern. Denn auch mit der Geheimniskrämerei des IB hatte die norwegische Behörde ein Problem - bis heute sind Details darüber unbekannt, wie der Algorithmus zu seinen Ergebnissen kommt, etwa die Gewichtung der verschiedenen Faktoren. Es bleibe dabei unklar, "warum es für den IB so wichtig ist, ein Modell geheim zu halten, das sie für fair und richtig halten."

Während in englischsprachigen Medien bereits über die intransparente Berechnung berichtet  wurde, ist das IB-System unter Corona-Bedingungen in Deutschland bislang noch kein großes Thema - womöglich wegen der vergleichsweise geringen Zahl der Schülerinnen und Schüler, die hierzulande diesen Abschluss machen. Auf eine Anfrage der Grünenabgeordneten Anna Christmann antwortete die Bundesregierung lediglich, die Kultusministerkonferenz (KMK) sei zuständig und habe sich zuletzt im April mit dem International Baccalaureate befasst.

Da hatte die KMK dem IB bescheinigt, dass die automatisierte Benotung nichts daran ändern werde, die Ergebnisse als Hochschulzulassung anzuerkennen. Wie die endgültige Notenberechnung allerdings genau funktioniert und welche Daten in die Vorhersage einfließen, konnte auch die Kultusministerkonferenz auf Nachfrage nicht sagen: "Eine Bewertung dieser Daten hat die KMK nicht vorgenommen, weil diese der KMK auch nicht vorlagen", so der Sprecher auf die Frage, wie die Faktoren Lehrerbewertung und Schulkontext eingeschätzt würden.

In Großbritannien wurde das Verfahren gestoppt

Der IB war nicht die einzige Organisation, die aufgrund der Pandemie einen Algorithmus einsetzte, um Prüfungen zu ersetzen. In Großbritannien wurde ein ähnliches System  benutzt - mit gravierenden Folgen. 40 Prozent der vom Algorithmus errechneten Schulabschlussnoten waren schlechter als die Noten, die von den Lehrern vorhergesagt wurden. Nachdem mehr als 250.000 Menschen eine Petition  gegen das Verfahren unterschrieben und mehrere Organisationen Rechtsmittel  eingelegt hatten, stoppte die Regierung das Experiment.

Sophia Kamal-Bederski hatte mit ihrem überraschend schlechteren IB-Abschluss Glück im Unglück. Sie kann demnächst ihr Studium an der Queen’s University in Belfast beginnen. Die hatte entschieden, wegen der Corona-Pandemie ihre Zulassungsbeschränkungen aufzuheben. Doch das eigentliche Problem ist damit Kamal-Bederskis Ansicht nach nicht gelöst: "Ein Algorithmus kann schließlich nicht mein individuelles Verhalten voraussagen."

Transparenzhinweis:  Justin Braun arbeitet für die Berliner Nichtregierungsorganisation AlgorithmWatch . 2017 machte er selbst den IB am UWC Robert Bosch College in Freiburg. Er studiert Politikwissenschaften und Informatik an der Stanford University in Kalifornien.

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