Sascha Lobo

Schule der Zukunft Weniger Bildung für die nächste Schülergeneration!

Das Internet ist, trotz allem, die mächtigste jemals erfundene Bildungsmaschine. Also könnten sich die Schulen doch verstärkt auf ihren anderen Auftrag konzentrieren: Erziehung. Nötig wäre das ganz offensichtlich.
Ja, ja, Schreibschrift mit Füllfederhalter ist natürlich auch wichtig.

Ja, ja, Schreibschrift mit Füllfederhalter ist natürlich auch wichtig.

Foto: Julian Stratenschulte / DPA

Wenn elf-, zwölf-, vierzehnjährige Täter eine Frau vergewaltigen, aber auch wenn Kinder freitags für mehr Klimaschutz streiken und wenn Rezo mit einer fast einstündigen Faktenkanonade die Bundesrepublik erzittern lässt, dann zeigen sich die Umrisse der Schule der Zukunft, mit all ihren hellen, grellen und bitterschlimmen Facetten. Die Schuldebatten der Mehrheitsgesellschaft werden meist allein über "Bildung" geführt. Schon weil niemand gegen Bildung ist. Bildung als magische Rettungssoße, die man über Probleme aller Art gießt, um Schwierigkeiten der Integration zu lösen, der Digitalisierung, des Rechtsrucks, der Verschwörungstheorien und so weiter, Bildung, Bildung, Popildung. Wenn ein Begriff derart breitgetreten wird, existiert selten ein zielführendes Verständnis seines Inhalts.

Ich fordere: Weniger Bildung für die Schule! Und mehr Erziehung. Zugegeben plakativ, aber es ist die Essenz der Aufgabenverschiebung, vor der die Schule der Zukunft steht. Der Wandel der Gesellschaft durch Digitalisierung, Migration und Globalisierung wirkt natürlich auch auf die Schule. Besser gesagt: Müsste auch auf die Schule wirken. Traditionell funktioniert Schulpolitik in Deutschland mit der Geschwindigkeit der Kontinentaldrift.

Massives Erziehungsversagen

Der Mülheimer Fall der Schulkinder, die eine Frau vergewaltigt haben sollen, ist ebenso schwer zu begreifen wie offenbar sinnvoll zu diskutieren. Die Tatverdächtigen sind türkischsprachige Bulgaren, weshalb von rechter und rechtsextremer Seite exakt die erwarteten Reaktionen kommen. Von liberaler und linker Seite dröhnt betretenes Schweigen, was ich als Zeichen der Ratlosigkeit deute.

Angenommen, die Sachlage entspricht der derzeitigen Behördendarstellung, dann ist Basis des Verbrechens ein massives Erziehungsversagen. Zuerst der Eltern, aber dass diese derart versagen können, sagt auch etwas über Funktion und Möglichkeiten des Schulsystems aus. Die Eltern haben Hilfe abgelehnt und wollten mit dem Jugendamt offenbar nur über die Gegensprechanlage  kommunizieren, was die Vermutung stärkt, dass es sich um ein kulturelles Problem handelt. Denn es gibt stark patriarchal geprägte Kulturen, in denen sexuelle Übergriffe gegen Frauen strukturell verharmlost werden. Die bayerische Oktoberfestkultur zum Beispiel, in der offene sexuelle Belästigung nicht selten heruntergespielt wird als "ist doch nur ein Klaps auf den Po". Oder die Alltagskultur in einigen islamischen Gesellschaften, wie zum Beispiel in Ägypten, wo einer UN-Untersuchung von 2013 zufolge mehr als 99 Prozent der Frauen sexuelle Belästigung erleiden mussten, davon 96 Prozent körperlich.

Kinder bilden ihre Umgebung ab

Die alltagskulturellen Prägungen, die solche Auswüchse und die mangelnde, gesellschaftliche Reaktion darauf ermöglichen, verschwinden nicht durch einen Ortswechsel oder Abwarten aus den Köpfen. Sie können im Gegenteil sogar an kommende Generationen weitergegeben werden. Kinder bilden nicht nur die positive Zukunft, sondern auch den Grad der Monstrosität ihrer Umgebung ab. Das gilt übrigens ebenso für die Achtklässler, die in einer Schule im Erzgebirge  einen Antirassismus-Workshop sprengten. Sie hatten SS-Runen gemalt, über die Vernichtung von Menschen hämisch gelacht und den Vorschlag gemacht, die Workshop-Leiterin solle "in ein KZ gehen und die Gaskammer anmachen".

Die Vorfälle in Mülheim wie im Erzgebirge sind unterschiedliche Formen des Integrationsversagens in die liberale Gesellschaft. Ebenso wie das verstärkte Aufkommen von aggressivem Antisemitismus an deutschen Schulen, von urdeutschem bis muslimisch geprägtem Antisemitismus. Es fehlt den Kindern jeweils ein Teil des zivilisatorischen Wertegerüsts, dessen Vermittlung man bisher von den Eltern erwartet hat. Das Bildungssystem einer liberalen Demokratie aber ist immer nur so gut wie diejenigen mit den größten Schwierigkeiten, die es durchlaufen. Da kann die Bundesregierung noch so viel mit Exzellenzclustern jonglieren oder KI-Kindergärten in Berlin Mitte fördern.

Erziehung als Teil von Bildung begreifen

Es hat sich in Teilen der Gesellschaft ein Erziehungsvakuum gebildet. Vielleicht war es längst vorhanden und weniger sichtbar, der entscheidende Punkt aber ist, wie man ihm begegnet. Mein Vorschlag: mit dem Grundgesetz. In einem Beschluss  des Bundesverwaltungsgerichts von 2008 zu elterlichen und schulischen Aufgaben heißt es: "Der Staat ist in der Schule nicht auf das (...) Wächteramt beschränkt. Vielmehr ist der staatliche Erziehungsauftrag in der Schule (...) dem elterlichen Erziehungsrecht nicht nach-, sondern gleichgeordnet. Weder dem Elternrecht noch dem Erziehungsauftrag des Staats kommt ein absoluter Vorrang zu. (...) Dabei beschränkt sich der Auftrag des Staates (...) nicht auf die Vermittlung von Wissensstoff, sondern hat auch zum Inhalt, das einzelne Kind zu einem selbstverantwortlichen Mitglied der Gesellschaft heranzubilden." Amen. Kurzes Winken in Richtung jener Eltern, die sexuelle Aufklärung, eine eindeutig ablehnende Haltung zu Menschenfeindlichkeit oder Schwimmunterricht in der Schule für optional halten.

Wir steuern auf eine Gesellschaft zu, sind schon mitten drin, in der die schulische Erziehungsleistung wichtiger wird, um ein gemeinsames zivilisatorisches Wertefundament herzustellen. Was wiederum viel zusätzliches Geld, Personal und Zeit erfordert.

Umfassendes Wissen - von YouTube

Aber die Bildung! Rufen Leute, die glauben, dass Schreibschrift mit Füllfederhalter noch zweihundert Jahre lang Unterrichtsstoff sein sollte. Ja, Bildung, da gehen die Kids schon mal vor, ohne dass ihr es merken wollt, entgegne ich und bringe eine kluge Beobachtung der Schülerinnen und Schüler der Medien-AG des Windeck-Gymnasiums  in Bühl* ein. Sie glauben, dass sich vor allem über YouTube "eine unabhängige, selbstbestimmte Lernkultur entwickelt" habe, "die von den Schulen noch nicht wahrgenommen wurde". In der Tat, und sie wird nicht nur von Schulen ignoriert, sondern vor allem von Eltern und Politik. Das Wörtchen "digital" hat die Medien-AG übrigens nicht vor die Lernkultur gesetzt, weil jede kommende Lernkultur digital ist.

Allen negativen Seiten zum Trotz ist das Internet auch immer noch die mächtigste jemals erfundene Bildungsmaschine. Während also die Schule der Zukunft stärker Erziehung in den Fokus nehmen muss, um Integrationsleistungen aller Art zu erbringen, ist ein Teil der Aufgaben aus ihrer Verantwortung herausdiffundiert - durch die Lernenden selbst. Schule der Zukunft kann auch bedeuten, Kindern beizubringen, wie sie sich diese selbstbestimmte Lernkultur aneignen und weiterentwickeln.

Diese von der Medien-AG postulierte Lernkultur ließ sich mustergültig an Rezos Video erkennen. Schon kurz nach Erscheinen hatte der Medienwissenschaftler Christoph Engemann  erkannt, dass Rezos Erfolg für die Rückkehr der Vorlesung unter digitalen Vorzeichen steht: "Die neue Vorlesung erwartet Menschen, die unter anderem am Lesen gebildete, komplexe Diskurse verfolgen wollen und zugleich in der Masse und Verfügbarkeit von Texten Orientierung erwarten."

Engemann gibt der Beobachtung der Medien-AG ein medien- und bildungswissenschaftliches Fundament. Die Wirkung lässt sich schließlich an "Fridays for Future" erkennen. Die Demonstrierenden sind überraschend umfassend gebildet, was den Klimawandel angeht. Bis in wissenschaftliche Tiefen hinein, wie Fachleute von Weltrang erklären . Woher aber haben die Kinder und Jugendlichen ihr umfassendes Wissen? Nicht aus der Schule, sondern von YouTube, lautet die Antwort. Nicht, dass alles dort aus glänzendem Bildungsgold wäre, gewiss nicht. Aber wenn man bedenkt, dass Björn Höcke vor Kurzem noch Geschichtslehrer war, kann es so viel schlimmer kaum sein. Die Umrisse der Schule der Zukunft werden deutlicher, einer Erziehungs- und Bildungsinstitution im Wandel zwischen Digitalisierung, Integration und Vorbereitung der Kinder auf ein chaotisches Jahrhundert.

* Der Kontakt zur Medien-AG kam mithilfe der konzeptionellen Unterstützung des twitternden "Netzlehrers" Bob Blume  zu Stande. Danke dafür.