Ärger in der Tech-Branche Das Silicon Valley hat ein Sexismusproblem

Anzügliche Witze, frauenfeindliche Gesinnung - Gründerinnen und Programmiererinnen kämpfen in Amerikas Tech-Branche mit Chauvinismus. Jetzt beginnt die überfällige Debatte über den Sexismus im Silicon Valley.
Yahoo-Chefin Marissa Mayer: In der Tech-Branche sind nur wenige Frauen so erfolgreich wie sie

Yahoo-Chefin Marissa Mayer: In der Tech-Branche sind nur wenige Frauen so erfolgreich wie sie

Foto: RUBEN SPRICH/ REUTERS

Vor kurzem hat die Mitgründerin der Dating-App Tinder ihr eigenes Unternehmen wegen sexueller Belästigung verklagt. Über Monate sei sie bedrängt und schikaniert worden, sagt Whitney Wolfe - von ihren männlichen Mitgründern und vor allem vom Chef der erfolgreichen Anwendung. In den Gerichtsunterlagen (siehe PDF)  breitet Wolfe - bis vor kurzem auch Tinder-Marketingchefin - im Detail aus, wie sie aus dem Unternehmen gedrängt worden sei, weil sie eine Frau ist. Wie sie als "Hure" und "Schlampe" verunglimpft wurde. Als Beweismittel hat Wolfe einen ganzen Stapel SMS-Nachrichten vorgelegt, die zeigen, wie sie von einem ihrer Ex-Kollegen angegangen wurde.

Kurz zuvor hatten schon wilde E-Mails  aus den College-Tagen des Snapchat-Gründers Evan Spiegel die Runde gemacht, die er unter anderem mit "Fuckbitchesgetleid" unterschrieb. Was so viel heißt wie: "Treib's mit Schlampen, bekomm' eine ins Bett."

Und gleich zwei US-Magazine haben gerade Erlebnisberichte von Start-up-Gründerinnen  publiziert, die berichten, was sie als Frauen im Silicon Valley ertragen müssen, wenn sie sich um Startkapital von männlichen Investoren bemühen. Eine App-Entwicklerin erzählt etwa, wie ein Wagniskapital-Finanzierer ihr ins Gesicht sagt: "Ich mag es nicht, wie Frauen denken." Eine andere Gründerin berichtet, wie sie begann, einen falschen Ehering bei Treffen mit Investoren zu tragen, um die ständigen Annäherungsversuche zu unterbinden. Ihre Schlussfolgerung: "Die schlechte Behandlung von weiblichen Gründerinnen ist kein Programmierfehler, sondern ein Funktionsmerkmal des Silicon Valley." Und das sind nur die Beispiele der vergangenen Wochen.

Männerdomäne Tech-Branche

Auch in anderen Branchen haben Frauen mit Chauvinismus und Männercliquen zu kämpfen. Aber selten ist der Sexismus so institutionalisiert, wird er so offen ausgelebt, wie in der Tech-Industrie.

Anzügliche Witze, frauenfeindliche Sprüche sind an der Tagesordnung. Das sieht dann gern mal so aus: Zum Auftakt der jährlichen Start-up-Konferenz der Technologie-Nachrichtenseite TechCrunch präsentierten zwei Programmierer vergangenes Jahr eine von ihnen entwickelte App names "Titstare" , "mit der man sich fotografieren kann, während man auf Titten starrt".

Solche Geschichten gelten in der Branche zwar als unschön, werden aber gleichzeitig als unvermeidlich akzeptiert. Schließlich, so heißt es dann, sei nicht nur die IT-Branche, sondern die ganze Technikwelt schon immer Männerdomäne gewesen.

Silicon Valley diskutiert und streitet neuerdings

Wenn ich mit Gründerinnen, Programmiererinnen, Ingenieurinnen oder Informatik-Studentinnen spreche, höre ich immer wieder ähnliche Geschichten: von Frauen, denen nicht zugetraut wird, dass sie auch nur einen Schraubenzieher halten können, obwohl sie Elektrotechnik studiert haben. Die, wenn sie Startkapital auftreiben wollen, zu hören bekommen: "Du bist ja mal eine Hübsche, deswegen können wir darüber reden." Immer wieder sagen Start-up-Gründer, dass sie keine Frauen einstellen wollen, "weil sie nicht ins Team passen".

Manche Frauen ertragen all das mit Gleichmut, andere mit stiller Wut, die meisten aber weitgehend fatalistisch. Ahnend, dass sich die Verhältnisse wohl nie ändern werden. Seit einigen Wochen jedoch wird im Silicon Valley, dem chauvinistischen Herz der Techwelt, diskutiert, gestritten sogar, ob es wirklich so weitergehen kann.

Sam Altman, Chef von Y-Combinator, des einflussreichsten Start-up-Inkubators im Valley, hat etwa in einem Blogbeitrag  festgestellt: "Es gibt Sexismus in der Tech-Branche." Die Aussage ist alles andere als banal, denn das Silicon Valley hält sich gleichzeitig für den egalitärsten und progressivsten Ort der Welt, an dem zu Recht über Zukunft und Fortschritt der Menschheit entschieden werde. Deswegen, so Altman, sei die offizielle Linie bislang immer gewesen: "Andere Industrien haben vielleicht ein Problem mit Sexismus, unsere aber nicht."

Frauen wollen nicht freiwillig in feindlicher Umgebung arbeiten

Das Argument auf Männerseite geht dabei bislang oft so: Frauen können es vielleicht schon aus genetischen Gründen einfach nicht. Das ist oft zu hören hier, von 25-jährigen Programmierern beim Bier genauso wie von 45-jährigen Wagniskapitalgebern beim Abendessen. Hinter vorgehaltener Hand natürlich, aber ihre Meinung ist klar: Frauen seien veranlagungsbedingt weniger risikobereit, von der Natur auf Sicherheitsdenken festgelegt. Nicht einmal bereit, das Studium hinzuschmeißen wie Marc Zuckerberg oder Bill Gates, um sich ganz auf eine Idee zu stürzen. Frauen wollten oft einfach keine Unternehmer sein.

Wahrscheinlicher ist, dass nicht viele Frauen freiwillig in so einer feindlichen Umgebung arbeiten wollen. Auch, weil sie oft nicht einmal in Betracht gezogen werden für Führungsaufgaben. Twitter zum Beispiel sah sich erst nach einer öffentlichen Debatte genötigt, zumindest eine Frau in den achtköpfigen Verwaltungsrat des Unternehmens zu holen.

Nur 13 Prozent der Führungskräfte in der IT-Branche sind weiblich. Nur zehn Prozent aller Wagniskapital-Deals werden mit von Frauen geführten Unternehmen gemacht. Die Risikokapital-Szene ist nahezu eine reine Männerrunde. Nur eine Handvoll der 50 größten Wagniskapitalgeber hat mehr als eine weibliche Partnerin in der Führungsetage, die mitentscheidet, welche Unternehmen eine Anschubfinanzierung bekommen.

Das Web ist zunehmend weiblich

Großes Aufsehen erregte deshalb vor rund zwei Jahren Ellen Pao, eine taffe Computerwissenschaftlerin aus der Führung des Wagniskapital-Finanzierers Kleiner Perkins Caufield & Byers, als sie ihren Arbeitgeber wegen sexueller Belästigung und absichtlicher Benachteiligung von Frauen am Arbeitsplatz verklagte.

Viele Frauen im Silicon Valley sind allerdings skeptisch, dass sich mehr Respekt erklagen lässt. Wichtiger sei, dass mehr Frauen sich selbst als Investoren engagieren und sich das wichtigste Machtinstrument überhaupt mehr zu eigen machen: Geld.

Führende Managerinnen wie Yahoo-Chefin Marissa Mayer oder die Facebook-Führungskraft Sheryl Sandberg empfehlen, sich in den Job so sehr es geht "reinzuhängen" und sich gegenseitig zu fördern.

In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Netzwerke entstanden mit Titeln wie "Girls in Tech" oder "Women Who Code" (zu Deutsch: Frauen, die programmieren). In Berlin haben sich über 200 Frauen aus der Tech-Szene unter dem Namen Geekettes zusammengeschlossen.

Und noch eines macht Hoffnung: Selbst die größten Tech-Chauvinisten kommen nicht vorbei an einigen zentralen wirtschaftlichen Fakten: Das Web ist zunehmend weiblich, das legen Studienergebnisse wie die folgenden nahe: In den USA besitzen mehr Frauen als Männer Smartphones . Die Mehrheit der US-Nutzer von Facebook und Twitter ist weiblich . Ebenso kaufen Frauen mehr über das Internet ein.

Wer also Software, Online-Angebote und Geräte für eine weibliche Zielgruppe entwickeln will, der kann das auf Dauer nicht allein Männer machen lassen.

Zum Autor
Foto: Sarah Girner

Thomas Schulz ist USA-Korrespondent des SPIEGEL, zunächst vier Jahre in New York, jetzt in San Francisco. Studium der Politikwissenschaften in Frankfurt und der Kommunikationswissenschaften in Miami, Fulbright-Stipendiat, Forschungssemester in Harvard. Anschließend mehrjähriges Intermezzo bei einem Frankfurter Internet-Start-up, erlebte dort Aufstieg und Fall der New Economy.

Seit 2001 beim SPIEGEL im Ressort Wirtschaft. Ausgezeichnet mit dem Henri-Nannen-Preis, Holtzbrinck-Preis für Wirtschaftspublizistik, Reporter des Jahres.

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