Lobbygruppen Das Silicon Valley wird endlich politisch

Wenn man wissen will, was das Silicon Valley bewegt und vor allem, wohin es sich bewegt, dann ist Kevin Hartz eine gute Anlaufstelle. Wenige sind an so vielen Erfolgsgeschichten der vergangenen Jahre beteiligt wie er.

Mitglieder der Internet Association: Gemeinsame Lobby der Netzkonzerne
Internet Association / YouTube

Mitglieder der Internet Association: Gemeinsame Lobby der Netzkonzerne

Von , San Francisco


Seitdem Hartz bereits Ende der neunziger Jahre sein erstes IT-Unternehmen verkaufte, hat er immer wieder früh in allerlei Start-ups investiert, die auch dank seiner Hilfe zu globalen Größen aufstiegen: PayPal, Aibnb, Pinterest, Flickr, Yammer - unter anderem.

Hartz ist Teil der sogenannten PayPal-Mafia: eine Handvoll einflussreicher Figuren in der Tech-Welt, die vor mehr als zehn Jahren zusammen die Online-Bezahlplattform hochzogen, damit viel Geld verdienten und anschließend eine zweite Welle erfolgreicher Unternehmen gründeten. Dazu gehören etwa Elon Musk, der Gründer von SpaceX und Tesla, YouTube-Gründer Chad Hurley und Peter Thiel, der Facebook-Investor.

Hartz hat 2006 Eventbrite gegründet, eine Online-Plattform für Veranstaltungstickets. Ich habe ihn vor einigen Tagen im Hauptquartier von Eventbrite getroffen, eine große Loftetage in der Innenstadt von San Francisco. Am Eingang leuchtet auf einem Monitor die Zahl der bislang verkauften Tickets, über 100 Millionen. Wie die meisten erfolgreichen jungen Tech-Unternehmen will Eventbrite wachsen, möglichst schnell und global, auch in Deutschland. Aber alle kämpfen zunehmend mit dem gleichen Problem: Es wird immer schwerer, gutes Personal zu finden, vor allem Programmierer.

"Das Valley befindet sich in einer Phase starker Expansion und entsprechend herrscht ein knallharter Wettbewerb um Personal da draußen", sagt Hartz. Verglichen mit den ersten Jahren nach dem Dot-Com-Bust sei die Lage heute so unterschiedlich wie Tag und Nacht: Damals gab es kein Kapital und zu viele gute Leute, die einen Job suchten. Heute sei es genau umgekehrt.

Der Ressourcenmangel hat einen wichtigen Nebeneffekt: Die Tech-Elite kommt endlich nicht mehr daran vorbei, politischer zu werden. Viel zu lange haben die meisten der führenden Figuren des Silicon Valley versucht, sich aus politischen Entscheidungsprozessen herauszuhalten. Stattdessen lästerten sie lieber hinter den Kulissen, wie ineffizient und planlos es in Washington und Brüssel zugeht. Allenfalls wurden immer mehr Lobbyisten engagiert, um die eigenen Interessen zu schützen. Dabei sind die Berührungspunkte zwischen Politik und Technologie bei Themen wie Datenschutz, Copyright oder Bildungspolitik so groß, dass eine viel intensivere Beteiligung an der öffentlichen Debatte längst fällig wäre.

"Die Ironie ist, dass viele von uns in Studententagen politisch aktiv waren", sagt Hartz, selbst einst Vorsitzender der lokalen Uni-Gruppe der Demokratischen Partei an der Stanford University. Die Politik habe sich aber als "aufgeblasener, bürokratischer Prozess" herausgestellt, als Technologie-Unternehmer lasse sich mehr bewegen, so würden viele kluge Köpfe im Silicon Valley denken. Jetzt aber würden viele begreifen, dass sie mehr Einfluss nehmen müssen in Washington.

Anzeichen dafür: Google-Manager Eric Schmidt handelt zunehmend als politisches Sprachrohr des Konzerns, kommentiert Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik. Facebook-COO Sheryl Sandberg hat mit ihrem Buch "Lean in" eine neue Feminismusdebatte entfacht. Und eine ganze Reihe der führenden Köpfe des Silicon Valley, allen voran Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und Yahoo-Chefin Marissa Mayer, haben eine Lobbygruppe gegründet, um öffentlich für eine bessere Schul- und Uni-Ausbildung sowie eine neue Einwanderungspolitik zu kämpfen, die mehr Fachkräfte ins Land lässt.

Der neue politische Aktivismus zeigt Wirkung: Diese Woche hat nun eine parteiübergreifende Gruppe von US-Senatoren einen Gesetzentwurf für eine grundlegende Reform der Einwanderungspolitik vorgelegt, die weitreichende Folgen für große Teile der US-Wirtschaft haben würde. Dabei würde auch die Zahl der jährlich vergebenen Visa für gut ausgebildete ausländische Fachkräfte erheblich erhöht werden - die Visa sind in der Tech-Branche heiß begehrt, etwa um indische Programmierer ins Land zu holen.

Einwanderung alleine wird aber nicht reichen, um die Knappheit an Software-Ingenieuren zu beheben. Und bis die Bildungspolitik sich darauf einstellt, dass die Welt mehr Informatiker als BWLer braucht, wird es auch noch dauern. Stattdessen braucht es mehr neue Ausbildungsangebote wie zum Beispiel die Hacker School in New York: Ein dreimonatiges Vollzeit-Ausbildungsprogramm für Programmierer, gegründet und betrieben von mehreren Tech-Veteranen und erfahrenen Software-Ingenieuren. Der Besuch der Schule ist kostenlos und wird von Sponsoren und durch Einnahmen aus anderen Geschäften finanziert. In den vergangenen Ausbildungsrunden waren rund 40 Prozent der Teilnehmer Frauen, bewusst gefördert durch Stipendien. Auch dies kann man als politisches Statement verstehen. Bewerben kann man sich übrigens auch aus Deutschland.



insgesamt 2 Beiträge
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lugner55 19.04.2013
1.
Hallo Herr Schulz, sicherlich ein ganz interessanter Artikel, auch wenn das Politische hier dem Anschein nach nur wieder einmal vom Wirtschaftlichen angetrieben wird und in sofern komplett apolitisch ist. Jenseits dessen wäre aber schön, Sie läsen noch Korrektur vor dem Veröffentlichen, denn "Anzeigen" sind zwar im Zusammenhang mit Google sicher ein einleuchtender Begriff, was Sie aber meinen, sind "Anzeichen". Ich schreibe das nicht (nur), weil ich so wahnsinnig pingelig bin, sondern weil mich der zunehmende Sprachverfall und die Unwissenheit oder Unbeholfenheit derer, die sich selbst zur Zunft zählen, mittlerweile richtig nerven. Zu viel twittern macht eben doch was mit dem Hirn.
yoinky 21.04.2013
2.
"Es wird immer schwerer, gutes Personal zu finden, vor allem Programmierer." Ja klar. Das hört sich verdächtig nach der immer gleichen "wir haben Ingenieurmangel"-Platte an, die der hiesige VDI mit der Bitkom immer spielt. Hintergrund ist und bleibt der Wunsch, durch ein Überangebot von Fachkräften die Löhne drücken zu können. Das ist hier in Deutschland so und ist in den USA nicht anders. Es ist mir *absolut* unverständlich, wie Thomas Schulz hier so einen komplett unkritischen Gefälligkeitsartikel abliefern kann. "Und bis die Bildungspolitik sich darauf einstellt, dass die Welt mehr Informatiker als BWLer braucht." Ach? Die Bildungspolitik? Seit wann ist denn die Bildungspolitk dafür verantwortlich, daß so viele in den USA Psychologie, BWL, Kommunikationswissenschaften und freie Künste studieren? Ingenieursstudiengänge waren schon immer in den USA schon immer uncool und werden es auch immer bleiben. "Stattdessen braucht es mehr neue Ausbildungsangebote wie zum Beispiel die Hacker School in New York: Ein dreimonatiges Vollzeit-Ausbildungsprogramm für Programmierer" Der Autor bleibt schuldig zu erklären, wie eine solche Weiterbildungseinrichtung den "Mangel" mildern soll. Dort werden nämlich nicht neue Programmierer ausgebildet, sondern Programmierer können sich dort weiterbilden und ihren Horizont erweitern. Herrn Zuckerberg und seinen Kollegen wird das also nicht helfen, da es dem Personal mehr Selbstbewußtsein verleiht und diese durch diese Maßnahmen mehr Gehalt fordern werden. Im Übrigen kenne ich in den USA aus privaten und beruflichen Gründen viele Ingenieure und Programmierer dort. Außer den Leuchtturm-Firmen im Silicon Valley gibt es wenige begehrenswerte Firmen im IT-Sektor dort. Daher will dort so ziemlich *jeder* hin. Anscheinend ist die Auswahl an Personal aber immer noch nicht groß genug.
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