Lavabit Angriff auf Snowdens E-Mails

Als das FBI kam und Zugang zu Edward Snowdens E-Mail-Account verlangte, wehrte sich der Betreiber vergeblich dagegen. Jetzt erzählt er, mit was für harten Bandagen Amerikas Dienste die Bespitzelung ihrer Bürger durchsetzen. Vorher ging das nicht: Man hatte ihm per Gericht den Mund verboten.
Kryptografie: Mit genügenden Bitlängen verschlüsselte Inhalte sind ohne Zugangscodes kaum zu knacken

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Freiheit ist einer der zentralen Begriffe, die Amerikas Werte definieren. Nach den Erfahrungen, die Ladar Levison im Sommer 2013 machte, endet diese Freiheit dort, wo der Staat das will. Im Zweifel heißt das nicht nur, dass eine Polizeibehörde vollständigen Zugang zu allen vertraulichen Daten eines Unternehmens verlangen, sondern dem Unternehmer auch bei Strafe verbieten kann, darüber zu reden.

Ladar Levison war der Betreiber von Lavabit, eines E-Mail-Dienstes, der angeblich abhörsichere E-Mail-Konten anbot. Anfang August wurde Levison für Bürgerrechts- und Datenschutzbewegte zu einer Art Märtyrer, als er seine Firma im Protest gegen die Fahndungsmethoden des FBI dichtmachte.

Die US-Bundespolizei hatte versucht, Zugang zum Kundenkonto des NSA-Whistleblowers Edward Snowden zu bekommen, Levison hatte sich vergeblich dagegen gewehrt. So viel war seit dem 8. August bekannt, auch SPIEGEL ONLINE hatte berichtet.

Das FBI wollte nicht Snowden. Es wollte alles

Aber es war nicht die ganze Wahrheit, wie die "New York Times" nun berichtet. Die konnte Levison bisher nicht erzählen, weil er nicht durfte: Es war ihm bei Haftandrohung gerichtlich verboten, "zu viel" über die Umstände zu verraten, die dazu führten, dass Levison seine Firma schloss.

Am Mittwoch, berichtete die "New York Times" , verlor diese "Knebel-Anordnung" ihre Wirkung, als ein Bunderichter Akten über die Vernehmungen Levisons öffentlich machte. Demnach hatte der weltweit beachtete Showdown zwischen Levison und dem FBI eine ruppige Vorgeschichte.

Die begann mit der Visitenkarte eines FBI-Agenten, die Levison vor seiner Tür vorfand. Der interessierte sich für die von Levisons Lavabit-Dienst angebotenen Verschlüsselungstechniken und verlangte die Herausgabe der Codes, die er zur Überwachung eines E-Mail-Kontos brauchte.

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Levison war solchen Anordnungen in anderen Fällen gefolgt. Für so etwas gibt es in den USA eine rechtliche Basis: Wenn eine richterliche Anordnung zur Überwachung vorliegt, muss der Provider der auch Folge leisten.

Jetzt aber war der Datenhunger der Fahnder weit größer: Sie hatten nicht nur Zugang zu Snowdens Konto verlangt, sondern eine Art virtuellen Generalschlüssel zu allen rund 410.000 Kundenkonten, die Levison zu diesem Zeitpunkt betreute. Daraufhin stellte er sich quer: "Man muss nicht eine ganze Stadt verwanzen, wenn man nur die Telefonate eines einzigen Kerls abhören will", erklärte er seine Motivation in einem Interview.

Levison vor Gericht: Mauern, tricksen - aushebeln

Levison wurde vor Gericht bestellt. Vom Richter unterzeichnet war auch die Anordnung, dort die verlangten Zugangscodes auszuhändigen. Levison folgte der Anordnung, allerdings nicht dem Trend zum papierlosen Büro: Er überreichte die Codes in Form seitenlanger Ausdrucke in einer besonders schwer zu entziffernden Schrift, um ein Lesen, geschweige denn Einscannen zu erschweren. Der Richter verdonnerte ihn zur Zahlung von 5000 Dollar pro Tag, bis er die Codes in digitaler Form aushändige.

Am zweiten Verhandlungstag gab Levison nach, überreichte die Codes - und stellte den Betrieb seiner Firma ein.

Damit hatte er sein Geschäft, der bis dahin nichts ahnende Snowden sein E-Mail-Konto und das FBI die Möglichkeit verloren, diesen elektronisch abzuhören. Ein Trick, der "an eine Straftat grenze", beschied man Levison. Das Gericht verurteilte ihn wegen Missachtung und bei Haftandrohung dazu, über die näheren Umstände der weltweit beachteten Firmenschließung öffentlich zu schweigen.

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Levison hatte zehn Jahre gebraucht, seine Firma aufzubauen. Irgendwann, sagt er jetzt, hoffe er, das Geschäft wieder aufnehmen zu können. Gegenüber der "New York Times" erklärte er aber, dass er keine Alternative zur Schließung gesehen hätte. Für ihn gehe es bei der ganzen Geschichte darum zu zeigen, "wie weit der Staat bereit zu gehen ist, um die Internetüberwachung einer einzigen Person durchzusetzen".

Er aber habe nicht das Geld gehabt, sich einen Anwalt zu leisten, der solche richterlichen Entscheidungen anfechten könnte und dann auch noch eine Rechtspraxis ändern zu lassen, über die sich wohl noch nicht einmal der Kongress der USA im Klaren wäre. Die öffentliche Meinung in den USA heiße so etwas auch noch gut.

Die Leserkommentare zum Bericht der liberalen "New York Times" bestätigen diesen Eindruck zunächst nicht. Nur vereinzelt wenden sie sich gegen Levison, dann aber mit erschreckender Grundsätzlichkeit. "Von wegen Held", schreibt da einer: "Die einzigen, die so einen (verschlüsselten) E-Mail-Dienst brauchen, sind Kriminelle, Kinderpornografen, Spione, Terroristen und Verräter."

Eine Argumentation, die man hierzulande auch schon gehört hat. Sie bedeutet unter dem Strich, dass jeder, der seine Privatsphäre schützt, verdächtig wäre, Kapitalverbrecher oder Staatsfeind zu sein.