Statistik-Zwischenruf Twitter sagt nicht das Wahlergebnis vorher

Die Nennung bestimmter Hashtags auf Twitter lässt sich prima auszählen und in schönen Grafiken verarbeiten. Doch über Wahlergebnisse sagt das Tweet-Auszählen wenig aus, warnt der Politologe Andreas Jungherr.
Twitter-Logo auf einem Smartphone: Die Nennung von Parteien in Tweets hat wenig mit Wahlergebnissen zu tun

Twitter-Logo auf einem Smartphone: Die Nennung von Parteien in Tweets hat wenig mit Wahlergebnissen zu tun

Foto: AP/dpa

Wer regiert Deutschland nach der Bundestagswahl, was bringt die Zukunft? Unsere Vorfahren warfen in ähnlichen Situationen Runen, studierten den Stand der Sterne oder schnitten Schafe auf, um zukünftige Ereignisse abzulesen. Moderne Wahrsager haben sich auf die Deutung von Social-Media-Kennzahlen verlegt. Das ist weniger blutig und lässt sich schöner in bunten Kurven darstellen.

Besonders Twitter rückt in den Fokus deutscher Zukunftsgucker. Und das obwohl Twitter-Daten in Deutschland 2009 zu eher überraschenden Prognosen für die Bundestagswahl führten.

Das Diagramm unten vergleicht die Hashtag-Nennungen der Parteien zwischen dem 18. Juli und 1. Oktober 2009 mit ihrem Stimmanteil bei der Bundestagswahl. Ergebnis: Die Twitter-Prognosen lagen weit daneben.

Twitter-Analyse 18. Juli bis 1. Oktober 2009: Die Piraten sind Sieger nach Hashtags

Twitter-Analyse 18. Juli bis 1. Oktober 2009: Die Piraten sind Sieger nach Hashtags

Foto: Andreas Jungherr

Wäre das Twitter-Orakel über zukünftige Wahlergebnisse aussagekräftig, hätten die Piraten die Bundestagswahl 2009 deutlich gewonnen.

Nun gut, diese Zahlen sind vier Jahre alt. Was sagt das Twitter-Orakel über das Ergebnis der kommenden Bundestagswahl?

Mit der Analyseplattform Crimson Hexagon  identifizierte ich in der Woche vom 17. August bis zum 23. August 2013 alle Tweets, in denen Parteien entweder im Fließtext oder mit Hashtags erwähnt wurden. Das Diagramm unten zeigt einen direkten Vergleich der Parteinennungen innerhalb dieser Woche.

Twitter-Analyse 17. bis 23. August 2013: Die Piraten sind Sieger nach Hashtags

Twitter-Analyse 17. bis 23. August 2013: Die Piraten sind Sieger nach Hashtags

Foto: Andreas Jungherr

Links sehen wir die Anteile, die die jeweiligen Parteien an der Gesamtzahl aller Hashtag-Nennungen auf sich ziehen konnten. Rechts sehen wir die Anteile, die die jeweiligen Parteien an der Gesamtsumme aller Nennungen im Fließtext von Parteien auf sich ziehen konnten.

Bereits ein oberflächlicher Blick auf die Grafik zeigt, dass die Anteile an Nennungen von Parteien auf Twitter (sei es nun im Fließtext oder in Hashtags) ein sehr originelles Wahlergebnis versprechen. Bei beiden Zählungen würden die Piraten als stärkste Partei nach dem 22. September zu Koalitionsgesprächen einladen. Auch die AfD könnte sich über einen sicheren Parlamentseinzug freuen. Eine solche Prognose hat offensichtlich mit dem zu erwartenden Wahlergebnis wenig zu tun, zeigt aber deutlich, dass Twitter-Nennungen anderen Dynamiken folgen als das zu erwartende Abstimmungsverhalten am Wahlsonntag.

Besonders findige Zukunftsschauer könnten nun natürlich vorschlagen, die Piraten und die AfD aus der Untersuchung auszuschließen, so dass man sich nur auf Nennungen der im Parlament bereits vertretenen Parteien konzentrieren könnte. Dieses Vorgehen mag vielleicht Ergebnisse erzielen, die einem wahrscheinlichen Wahlergebnis scheinbar näherkommen. Dennoch wäre es eine Bankrotterklärung in Bezug auf das ursprüngliche Argument, Online-Kennzahlen der Parteien würden Aussagen über zu erwartendes Wahlverhalten erlauben. Ich kann die Stärke von Parteien nicht online messen, um dann alle Parteien aus meiner Analyse auszuschließen, die ich am Wahlsonntag für offensichtlich chancenlos erachte.

Dies bedeutet nicht, dass die Analyse von Twitter-Daten nicht Aussagen über den Verlauf politischer Kampagnen erlaubt. Wir wissen aus anderen Untersuchungen, dass Twitter ein Medium ist, dass von seinen Nutzern verwendet wird, um über gesellschaftliche oder mediale Großereignisse zu diskutieren. Twitter-Daten sind also unter Umständen spannende Datenquellen für die Analyse, welchem politischen Akteur es wann gelang, politische Diskussionen und Kommentare auf Twitter auf sich zu ziehen.

Auch für Forscher, die an Publikumsreaktionen auf politische Medienereignisse (wie dem TV-Duell) interessiert sind, bietet Twitter interessante Daten dazu, wie auf Twitter öffentlich unter Nutzern über die politische Deutungshoheit eines Ereignisses gestritten wird. Das sind spannende Fragen, da kann man mit Twitter-Analysen Antworten finden. Nur eben nicht auf die Frage, wer am 22. September die Wahl gewinnen wird.


Andreas Jungherr  ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politische Soziologie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Dort forscht er über die Rolle des Internets in der politischen Kommunikation und in Wahlkämpfen.