Studie zum NSA-Skandal Deutsche Internetnutzer sind enttäuscht von Merkel

Die Geheimdienste überwachen das Internet, die Deutschen sind verunsichert. Drei Viertel sind der Meinung, die Bundesregierung tue nicht genug für die Sicherheit im Netz. Das Misstrauen gegen US-Unternehmen ist groß - doch nur die wenigsten Nutzer ziehen Konsequenzen.
Computerüberwachung: Deutsche sind verunsichert, ziehen aber keine Konsequenzen

Computerüberwachung: Deutsche sind verunsichert, ziehen aber keine Konsequenzen

Foto: Corbis

Hamburg - Fast zwei Monate dauert der NSA-Skandal bereits. Den Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden zufolge kann sich der US-Geheimdienst NSA Zugriff auf die Datenbestände vieler großer Internetunternehmen verschaffen, außerdem speichert der britische Geheimdienst GCHQ weite Teile des transatlantischen Internet-Traffics für bis zu drei Tage, die Verbindungsdaten sogar bis zu 30 Tage. Das System XKeyscore greift offenbar zusätzlich auf Internet-Traffic zu, der an Standorten rund um die Welt aufgezeichnet und zwischengespeichert wird. Digitale Totalüberwachung ist offenbar eine reale Möglichkeit.

Wie reagieren Internetnutzer auf diese Enthüllungen? Ändern sie ihr Verhalten im Netz?

Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hat im Auftrag der Unternehmensberatung FleishmanHillard eine repräsentative Befragung zum Thema durchgeführt. 1001 Deutsche über 18 Jahren beantworteten Fragen zum Abhörskandal, ihren Einstellungen zu Internetunternehmen und den persönlichen Konsequenzen. Die Ergebnisse, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, sind teils verblüffend. Klar ist eins: Die Deutschen sind enttäuscht von ihrer Regierung.

69 Prozent vertrauen deutschen Anbietern mehr als US-Anbietern

Fast die Hälfte der Befragten (48 Prozent) erklärte, ihr Vertrauen in die Anbieter von Online-Diensten sei "etwas" oder sogar "sehr" gesunken, über zwei Drittel (69 Prozent) gaben an, sie vertrauten deutschen beziehungsweise europäischen Anbietern mehr als US-amerikanischen. Unter den jüngeren (18-29 Jahre) sind es sogar drei Viertel der Befragten.

Doch Konsequenzen aus diesem Unbehagen gegenüber US-Anbietern ziehen nur die wenigsten: Zwei Prozent gaben an, sie hätten Dienstleister etwa für E-Mail oder Social Media seit Bekanntwerden der Abhöraktivitäten gewechselt, weitere vier Prozent erklärten, sie hätten vor zu wechseln. 94 Prozent planen dagegen keine Änderung bei den Internetdiensten, die sie nutzen.

Das könnte allerdings damit zusammenhängen, dass sehr viele Deutsche etwa für E-Mail ohnehin die Angebote deutscher Unternehmen nutzen - und dass es für andere Dienste wie Suchmaschinen oder soziale Netzwerke keine oder zumindest keine ausreichend populären Alternativen gibt.

Mindestens zwei Drittel der Deutschen nutzten einer Studie der Beratungsgesellschaft Convios zufolge noch 2011 Web.de, GMX oder T-Online als primären E-Mail-Anbieter. Der Anteil von Googles Gmail lag der Studie zufolge damals noch bei knapp sechs Prozent. Allerdings wurde die Studie von GMX und Web.de in Auftrag gebeben. Dennoch dürfte das grobe Bild der deutschen E-Mail-Nutzer darin nicht ganz verkehrt sein - viele hätten demnach gar keinen Anlass für einen Wechsel, weil sie ihr primäres Konto ohnehin bei einem deutschen Anbieter haben.

Überwiegende Meinung: Die Regierung tut nicht genug

Dass sich deutsche oder europäische Anbieter mehr um Datensicherheit oder den Schutz der Persönlichkeitsrechte im Netz kümmern, glauben ohnehin nur 48 Prozent, fast genauso viele (47 Prozent) glauben, es gebe da keinen Unterschied.

Auf die Frage: "Haben Sie Ihr Verhalten bei der Kommunikation im Internet aufgrund der bekannt gewordenen Abhöraktionen verändert oder nicht?" antworteten 89 Prozent mit "Nein", nur elf Prozent geben an, ihr Verhalten geändert zu haben. Als etwas flexibler stellen sich hier die jüngeren (18-29 Jahre) Teilnehmer da: Hier geben 19 Prozent an, sie hätten ihr Verhalten geändert.

Klar ist das Bild vor allem beim Blick auf die Versäumnisse der deutschen Politik. Auf die Frage, ob die Bundesregierung genug tue, um Sicherheit im Datenaustausch und Schutz der Persönlichkeitsrechte im Internet zu gewährleisten, antworten fast drei Viertel der Befragten (73 Prozent), die Bundesregierung "müsste mehr tun". Nur 20 Prozent finden, die Regierung unternehme in dieser Hinsicht genug.

Durchgeführt wurde die Befragung vor den neuesten Enthüllungen über das XKeyscore-System, das nach SPIEGEL-Informationen auch der deutsche Bundesnachrichtendienst einsetzt und das Bundesamt für Verfassungsschutz eigenen Angaben zufolge derzeit "testet". Dem Vertrauen der Bürger in die Bundesregierung dürften die neuen Enthüllungen weiter schaden.

cis