Stuxnet-Attacke in Iran Geheimdienste warnen vor zweitem Tschernobyl

Wie gefährlich war und ist Stuxnet wirklich? Die Nachrichtenagentur AP behauptet, Einblick in Unterlagen eines nicht genannten Geheimdienstes zu haben: Demnach könnte die Schadsoftware einen GAU in iranischen Atomanlagen verursachen. Die These ist stark umstritten.
Buschehr-Reaktor: GAU-gefährdet, wenn er online geht?

Buschehr-Reaktor: GAU-gefährdet, wenn er online geht?

Foto: Abedin Taherkenareh/ dpa

iranischen Atomanlage

Tschernobyl

Es wäre ein Horrorszenario: In einer gibt es einen Störfall, die Sache gerät außer Kontrolle, schließlich kommt es zu einem GAU mit den Ausmaßen der Katastrophe von . Im April 1986 war der Reaktor in der heutigen Ukraine infolge einer Kernschmelze explodiert. Der Vorfall gilt als eine der schlimmsten Umweltkatastrophen aller Zeiten.

Erst vor zwei Wochen hatte die britische Tageszeitung "Daily Telegraph" auf Basis von Informationen nicht genannter westlicher Geheimdienste vor der Gefahr eines solchen nuklearen Unfalls in Irans Buschehr-Reaktor berichtet. Jetzt bekräftigt die Nachrichtenagentur AP diese Warnung. Ein der Agentur vorliegender Geheimdienstbericht - "zusammengestellt von einer Nation, die Irans Atomprogramm intensiv überwacht" - behaupte, dass Dementis und Beschwichtigungen von iranischer und russischer Seite, es bestünde keine derartige Gefahr mehr, verfrüht seien und auf einer "beiläufigen Einschätzung" beruhten, heißt es.

Stuxnet

Die Gefahr geht demnach einmal mehr vom Schadprogramm aus. Der Computervirus soll mit amerikanischer Hilfe von Israel in Umlauf gebracht worden sein und hatte Berichten zufolge Abläufe in den Zentrifugen iranischer Atomanlagen gestört. So sollte offenbar die Qualität des dort aufbereiteten Urans gemindert werden.

Laut AP habe Stuxnet außerdem Steuerungscomputer befallen und könnte diese auch gezielt stören. Daher habe zumindest die Möglichkeit bestanden, dass Techniker beim Hochfahren des Reaktors Buschehr im Störfall keine Fehlermeldungen bekommen hätten. Es hätte damit zu einer Kernschmelze wie in Tschernobyl kommen können. Angeblich sind diese Probleme gelöst, der von der AP zitierte Geheimdienstbericht widerspricht dem jedoch.

Echte Gefahr - oder propagandistisches Störfeuer?

Neu ist ein solches Szenario nicht. Es wurde allerdings nicht nur von russischen und iranischen Offiziellen, sondern auch von unabhängigen IT-Experten bestritten. Die Schadroutinen von Stuxnet zielten demnach sehr genau auf die Steuerungsgeräte für die Zentrifugen - und nichts anderes.

Das schließt zwar nicht aus, dass die Backdoor-Funktionen einer Schadsoftware nicht dazu genutzt werden könnten, auch andere Rechner mit anderen Funktionen anzugreifen. Die Steuerungsrechner der Nuklearanlage selbst aber seien gar nicht über das Internet ansprechbar, erklären iranische und russische Offizielle.

Das würde zwar ein Update des Virus verhindern, den ursprünglichen Befall aber nicht: Denn der Verbreitungsweg von Stuxnet lief mehrgleisig, unter anderem über USB-Sticks. AP zitiert daher auch einen Experten der International Atomic Energy Agency, der einen Befall der Steuerungsrechner für möglich hält. Der russische Nato-Botschafter Dimitri Rogozin soll außerdem bestätigt haben, dass es tatsächlich einen solchen Befall und die Gefahr erheblicher Schäden gegeben habe. Das aber sei Vergangenheit, die Systeme seien inzwischen wieder sicher. "Der Virus hätte sehr ernste Folgen verursachen können", so Rogozin, "er hätte zu einem zweiten Tschernobyl führen können."

Skepsis ist dennoch angebracht. Entsprechend äußert sich unter anderem der Hamburger IT-Sicherheitsexperte Ralph Langner, der schon im Herbst als einer der ersten eine detaillierte Analyse von Stuxnet vorlegen konnte. Er erklärt, dass Stuxnet anders als von den iranischen und russischen Offiziellen behauptet durchaus auch Rechenanlagen in Buschehr befallen habe. Das Virus sei aber nicht dazu gemacht, diese Systeme zu sabotieren: "Eine thermonukleare Explosion kann durch so etwas wie Stuxnet nicht verursacht werden." Allerdings könne es bis zu einem Jahr dauern, alle Systeme von Stuxnet zu befreien.

Dass innerhalb von zwei Wochen inhaltlich sehr ähnliche Informationen jeweils von namentlich nicht genannten Geheimdiensten an Medien gegeben werden, ist ungewöhnlich. Die Behauptungen des "Daily Telegraph" hatten innerhalb eines Tages zu einem offiziellen Dementi von Seiten der russischen Atombehörde Rosatom geführt.

Russland kooperiert mit Iran beim Aufbau der umstrittenen Atomanlage. Westliche Geheimdienste gehen davon aus, dass die Iraner versuchen könnten, den Reaktor innerhalb weniger Monate startbereit zu machen.

Unter anderem hat sich Russland bereit erklärt, nicht nur Brennstoff zu liefern, sondern auch die Entsorgung von Atommüll zu übernehmen. Damit soll verhindert werden, dass Iran waffenfähiges Nuklearmaterial in die Hände bekommt. Vor allem die USA und Israel beobachten das Projekt mit erheblichem Misstrauen, sie würden den Start des Reaktors gern völlig verhindern.

pat/AP
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