Tim-Berners Lee über Aktivist Swartz "Tut, was Aaron tat"

Protest und Trauer: Freunde des verstorbenen Internet-Aktivisten Aaron Swartz haben auf dem South-by-Southwest-Festival in Texas eine Reform der Anti-Hackergesetze der USA gefordert. Web-Erfinder Tim Berners-Lee würdigte das Wunderkind und forderte zum Kampf für ein freies Internet auf.
Aaron Swartz (Foto von 2008): "Warum geht ihr nicht auf die Barrikaden?"

Aaron Swartz (Foto von 2008): "Warum geht ihr nicht auf die Barrikaden?"

Foto: NOAH BERGER/ Reuters

"Ein Kampf ist im Gange", sagt ein junger Mann mit langem braunem Haar. Er hat eine eindringliche Stimme, im großen Saal des Austin Convention Centers ist es still geworden. "Ein Kampf darum, alles, was im Internet passiert, mit herkömmlichen Begriffen zu definieren, die das Gesetz kennt. Ist das Tauschen eines Videos über BitTorrent dasselbe wie Ladendiebstahl?"

Es ist Aaron Swartz, der da spricht, in einer Aufnahme aus dem vergangenen Jahr. Im Januar hat sich der Hacker und Aktivist das Leben genommen, nun ist er auf zwei großen Leinwänden zu sehen. "Oder ist es wie einem Freund eine Videoaufnahme auszuleihen? Ist das ständige Aufrufen einer Website wie ein friedliches Sit-in oder das gewalttätige Einschmeißen einer Fensterscheibe?"

Auf dem South by Southwest in Austin haben Weggefährten, darunter der WWW-Erfinder Tim Berners-Lee und Swartz' Lebensgefährtin Taren Stinebrickner-Kauffman, am Freitagabend des Verstorbenen gedacht. Sie forderten eine Änderung des Computer Fraud and Abuse Acts, des Anti-Hacker-Gesetzes, auf dessen Basis die Staatsanwaltschaft Swartz Jahrzehnte hinter Gittern androhte. Swartz wurde vorgeworfen, von einer kostenpflichtigen Datenbank massenhaft Forschungsartikel kopiert zu haben, um diese frei zugänglich zu machen.

Kämpfen und bloggen

Bevor das passieren konnte, wurde das Wunderkind, das sich schon als Teenager für ein freies Web engagiert hatte, angeklagt. Für seine Freunde und Weggefährten, sieben sitzen auf dem Podium, ist klar: Was auch immer Swartz für Probleme mit Depressionen hatte, die Aussicht auf Gefängnis und Millionenstrafe hat alles nur noch schlimmer gemacht. Am 11. Januar war Swartz tot.

Seitdem ist viel passiert. Anonymous-Anhänger hackten die Website des US-Innenministeriums und hinterließen die Botschaft "Aaron Swartz this is for you". In zahlreichen Medien erschienen große Nachrufe auf das junge Genie, nun werden die Gesetzeslage unddas Vorgehen der Staatsanwaltschaft zum Thema. Auch die Frage, welche unrühmliche Rolle das Massachusetts Institut of Technology, über dessen Netzwerk Swartz die Dateien kopiert haben soll, in dem Fall spielt, wird gerade aufgearbeitet.

Als erstes sprach Berners-Lee, der mit schneller Stimme und verschluckten Silben davon erzählte, wie er den damals 14-jährigen Swartz kennenlernte und mit ihm zusammen an Webstandards arbeitete. Berners-Lee beschrieb ihn als einen von ethischen Überzeugungen getriebenen Menschen, der gewusst habe, was richtig und was falsch war. Swartz habe sich schon früh für Netzneutralität engagiert. "Er hat gekämpft, er hat gebloggt, er hat gehandelt", sagte der Weberfinder und forderte das Publikum auf: "Tut, was Aaron tat."

"Aarons Law"

Tim Wu, Professor an der Columbia Law School, kritisierte das Rechtssystem. "Praktisch jeder hier im Saal ist ein Verbrecher", sagte Wu, denn es verstoße gegen ein Bundesgesetz, sich nicht an die Nutzungsbedingungen eines Internetdienstes zu halten. Schon das Schummeln bei der Facebook-Altersangabe oder bei einer Online-Datingseite würden reichen, um zum Verbrecher zu werden. Steve Jobs und Steve Wozniack, die beiden Apple-Gründer, hätten in ihren jungen Jahren weit mehr gegen Gesetze verstoßen als Swartz. Sie seien dafür nur nicht von Staatsanwälten verfolgt worden.

Jennifer Lynch von der Electronic Frontier Foundation stellte die Initiative vor, den Computer Fraud and Abuse Act anzupassen: Verstöße gegen Nutzungsbedingungen sollen nicht länger von Bundesanwälten verfolgt werden können, es soll erlaubt sein, auf freie Daten anonym zuzugreifen, und für eine Tat soll man nicht in mehrfachen Fällen bestraft werden können. "Das ist ein kleiner Anfang, nicht die Wunschlösung", sagt Lynch.

Der New Yorker Anwalt Martin Ammori führte aus, wie das Justizministerium nach Möglichkeiten suchte, Swartz zu verurteilen. Sonst würden nur bei Terroristen und organisiertem Verbrechen Gesetze derart weit und hart ausgelegt, sagte Ammori Er appellierte an Präsident Barack Obama, das Justizministerium hier in die Schranken zu weisen. Auch er forderte "Aarons Law", ein Gesetz zur Anpassung der Hackergesetze.

"Warum geht ihr nicht auf die Barrikaden?"

Viele Menschen würden den Status quo einfach akzeptieren, sagte Taren Stinebrickner-Kauffman, die mit Swartz zusammengelebt hatte. Ihr Freund hingegen habe unbequeme Fragen gestellt. Von den anwesenden Forschern wollte sie wissen: "Warum geht ihr nicht auf die Barrikaden gegen Verlage, die wissenschaftliche Artikel zurückhalten anstatt sie frei ins Web zu stellen?"

Stinebrickner-Kauffman erzählte aber auch von ihrem Freund, der niemandem etwas vom bevorstehenden Prozess erzählen habe wollen. Während draußen in Austin schon die ersten Partys begannen, forderten die Internet-Intellektuellen einen Kurswechsel in der Politik: Aaron Swartz soll nicht umsonst gestorben sein.

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