Sascha Lobo

Radikalisierung auf Telegram Im Widerstandsrausch

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Der Messenger Telegram spielt bei »Querdenkern« und Coronaleugnern immer wieder eine gefährliche Rolle. Denn der Dienst eignet sich durch seine Funktionen besonders für eine massenhafte Radikalisierung.
Telegram Messenger: Zugleich Privatnachrichten-Dienst und Privat-Nachrichtendienst

Telegram Messenger: Zugleich Privatnachrichten-Dienst und Privat-Nachrichtendienst

Foto: ALEXANDER NEMENOV/ AFP

Ein Mann ermordet seine Familie. Er erschießt seine drei Kinder, zehn, acht und vier Jahre alt. Und seine Frau. Schließlich tötet er sich selbst. Der Abschiedsbrief des Mannes deutet darauf hin, dass er das Impfzertifikat seiner Frau gefälscht hatte. Weil die Tat aufflog , hatte das Paar offenbar Angst vor Verhaftung und fürchtete, man könnte ihnen die Kinder wegnehmen.

Diese monströse Tat kann durchaus aus unterschiedlichen Gründen durchgeführt worden sein. Aber die Ermittlungen zeigen, dass der Mann der »Querdenken«-Szene nahestand. Angenommen, die Ermittlungen bestätigen, was die Behörden bisher haben durchscheinen lassen: Die Radikalisierung des »Querdenker«-Umfelds, die sich schon beim Tankstellenmord in Idar-Oberstein  gezeigt hat, hätte eine neue Größenordnung erreicht. Es ist nicht so, dass diese Entwicklung besonders überraschend kommt, wenn man schon 2020 von einer Blitzradikalisierung sprechen konnte.

Trotzdem sind sechs Tote in wenigen Wochen ein eindeutiges Zeichen, wenn man den »Querdenker«-Kontext berücksichtigt. Ein Fackelzug vor das Privathaus einer Politikerin, konkrete Mordpläne gegen den sächsischen Ministerpräsidenten, eine Anzahl von Brandanschlägen gegen Impfzentren und ähnliche Einrichtungen. Auf die Frage, wie diese Taten zusammenhängen mit der Radikalisierung von »Querdenkern« und Konsorten, lautet eine wahrscheinliche Antwort: Telegram. Sowohl der Tankstellenmörder wie auch der Mann, der seine Familie tötete, hatten Telegram-Accounts. Zweiterer scheint im November im regionalen Ableger einer Telegram-Gruppierung in Brandenburg Mitglied geworden zu sein. Dort werden Falschnachrichten zur Pandemie, zu Masken und zur Impfung ebenso verbreitet wie Demonstrationsaufrufe, AfD-Propaganda und Widerstandsparolen. Ziemlich genau, was man erwarten würde.

Aber Telegram ist strukturell besonders gut geeignet für Radikalisierungen aller Art. Schon früh nutzten die islamistischen Mörder des IS das Netzwerk für sich. Ursprünglich eher für persönliche Textnachrichten gedacht, überwiegen inzwischen die sozial-medialen Funktionen. Telegram ist zu einer neuen Kategorie von Onlineplattform geworden, eine Mischung aus Social Network und Messenger. Genau deshalb funktioniert dort die Radikalisierung von zuvor einigermaßen bürgerlichen Menschen so ausgezeichnet: Telegram verbindet die Intimität und Sofortheit von Messengern mit der Viralität und dem News-Gefühl von Social Networks. Telegram ist zugleich Privatnachrichten-Dienst und Privat-Nachrichtendienst. Lange hat sich das schwer greifbare, vorgeblich von Dubai aus agierende , eigentlich aber russische Unternehmen kaum um problematische Inhalte geschert. Erst seit kurzer Zeit werden eher symbolisch und in homöopathischer Herangehensweise  Gewaltaufrufe überhaupt gelöscht.

Als Ausgangspunkt der massenhaften Radikalisierung dienen Kanäle und Gruppen bei Telegram, die – wenn sie offen angelegt wurden – über die Suche einfach auffindbar sind. Sie sind nicht nur mit einem Klick abonnierbar, sondern können vor allem auch untereinander leicht verlinkt werden. Dadurch können neue Gruppen und Kanäle in wenigen Stunden Hunderttausende Abonnenten anlocken. Gruppen können bis zu 200.000 Mitglieder haben , bei Kanälen existiert, anders als etwa bei WhatsApp, keine Begrenzung der Größe. Gleichzeitig kann man anhand der Verlinkungen leicht von Gruppe zu Gruppe springen, jeder Klick führt dann tiefer in die Vernetzung der Communities untereinander hinein – der Beginn des sogenannten Rabbit-Hole-Effekts, mit dem man sich im weit verzweigten Höhlenbau  der sozialen Medien verlieren kann.

Weil die Inhalte aus anderen Gruppen und Kanälen problemlos in eigenen Gruppen weiterverteilt werden können, ist kaum ein Netzwerk so gut geeignet, einzelne Inhalte schnell zu verbreiten. Die Zahl der Abonnenten ist offen einsehbar, ebenso die Zahl der Nutzer, die gerade online sind. Das erzeugt ein Gefühl der Größe und Synchronizität. Wenn jemand eine Nachricht schreibt, wird das nach Art von Messengern angezeigt, die neuen Inhalte werden unten automatisch eingeblendet. So entsteht das Gefühl, in Echtzeit mit der aktiven Community verbunden zu sein.

Ein wesentliches Instrument ist die Verbreitung viraler Sprachnachrichten, die mit Telegram regelmäßig relevante Größenordnungen erreicht hat. Das neue, exzellent arbeitende Analyse- und Beratungsinstitut CeMAS hat das Phänomen im Herbst 2021 untersucht  und festgestellt, dass Massen-Sprachnachrichten auf Telegram in verschwörungsideologischen und rechtsextremen Kreisen mit der Pandemie stark zugenommen haben. Sprachnachrichten sind sehr niedrigschwellig, weil man keine umständlichen Ausformulierungen in Schriftform braucht. Sprache fühlt sich intimer und emotionaler an, was die Reaktionsfreudigkeit der Community stärkt.

Alle sozialen und viralen Funktionen zusammengenommen ergeben eine enorm hohe Mobilisierbarkeit , weshalb manchmal innerhalb weniger Stunden Tausende Menschen zu »Spaziergängen« und Demonstrationen bewegt werden können. Oder zum Kauf von gefälschten Impfausweisen, die dort massenhaft angeboten  werden. Nicht selten handelt es sich dabei um Betrug, weil natürlich niemand bei der Polizei anzeigt, dass man den gefälschten Impfausweis nicht wie versprochen geliefert bekam.

Mit seinen technischen Instrumenten wirkt Telegram wie ein eigenes Universum des Widerstands gegen den Rest der Welt. Der SPIEGEL bezeichnet Telegram als »Darknet für die Hosentasche« – wie es übrigens auch die »c't« schon einmal genannt hatte  –, man könnte aber auch sagen: Telegram ist das Darknet des kleinen Mannes. Bestimmte inhaltliche und ideologische Erzählungen haben sich in den Telegram-Zirkeln des »Querdenken«-Umfelds etabliert. Zuerst fällt die große und noch zunehmende Nähe zu Rechtsextremen auf. Sowohl Neonazi-Gruppierungen wie auch die AfD werden oft zitiert. Die Rechtsoffenheit basiert bei den eher bürgerlich-esoterischen Teilen der Bewegung auf einer so schlichten wie gefährlichen Sichtweise: Die »Coronadiktatur« sei derart bedrohlich, dass man sich ohne Scheu mit allen verbünden müsse, die dagegen kämpfen. Rechtsextreme nutzen diese spektakuläre Naivität aus und haben so die ursprünglich vielschichtige Bewegung mit einer radikal rechten Schlagseite versehen.

Verschwörungstheorien aller Art sind in sozialen Medien ohnehin allgegenwärtig, aber auf Telegram entwickeln sie eine besondere Energie. Weil das Teilen so einfach ist, ergibt sich in vielen Kanälen und Gruppen ein regelrechter Hagelsturm an Verschwörungsinhalten, die zu einem Amalgam der ständig drohenden, kaum mehr überschaubaren Weltuntergänge werden, wie so oft mit antisemitischer Grundierung: Bill Gates vergiftet uns per 5G, verschwiegene Impfschäden samt Massensterben der Geimpften, George Soros und Angela Merkel sperren uns grundlos ein, Corona wahlweise als Fake-Pandemie oder supergefährliche Biowaffe, Rothschild und die Globalisten, die Pharma-Mafia und das absolut Böse, die uralten, weltbeherrschenden Familien, die an der Apokalypse arbeiten, und so weiter. Die anhaltenden Maximalbedrohungen von allen Seiten lösen eine Dauererregung aus, die zur Sucht werden kann, aber vor allem die Funktion hat, sich als Opfer zu fühlen. Die Opferpose ermöglicht Radikalisierten, Gewalt anzuwenden, die sie als Widerstand und Notwehr begreifen.

Es ist bei manchen Kanälen und Gruppen durch den Beschuss mit Inhalten kaum mehr möglich, sie alle näher zu verfolgen. Und genau das macht einen wesentlichen Teil der radikalisierenden Wirkung von Telegram aus. Denn auf diese Weise wirkt jedes hingeworfene Schlagwort, jede neue Verlinkung, jede neue, wütend-verzweifelte Sprachnachricht als atemlose Bestätigung des Ausnahmezustands.

Bereits ein halbes Dutzend Abonnements und Gruppenmitgliedschaften in einschlägigen Zirkeln reichen bei Telegram völlig aus, um sich in einen dauerhaften Alarm- und Angstzustand hineinzusteigern. Es ist gut erforscht, was dann geschieht – Notsituationen lassen ein evolutionäres Programm im Körper ablaufen, in dem Rationalität und Empathie keine große Rolle mehr spielen und stattdessen uralte Überlebensmechanismen aktiviert werden: Flucht- und Kampfreflexe, die Reduktion von Hemmungen und moralischen Erwägungen, die Neigung zum Freund-Feind-Schema und Schwarz-Weiß-Denken. Das Ergebnis ist erschütternd: So lässt sich leicht eine selbstverstärkende Radikalisierung gegen die eingebildete Generalbedrohung durch ungefähr alle anderen erzeugen – ich nenne dieses Phänomen Widerstandsrausch, der Telegram-Amokwahn des Social-Media-Zeitalters. Er wird wohl noch viele weitere Opfer kosten.

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