Gefloppter E-Mail-Dienst Telekom schaltet De-Mail ab

Mit De-Mail wollte die Regierung eine sichere elektronische Behördenpost etablieren. Nach zehn Jahren und Hunderten Millionen Euro Verlust steigt die Telekom nun aus. Das Ende des Projekts ist das womöglich noch nicht.
Telekom-Chef Tim Höttges (Archivbild): Viele tote Postfächer

Telekom-Chef Tim Höttges (Archivbild): Viele tote Postfächer

Foto: Oliver Berg/ dpa

Viele Unternehmen und Behörden bekommen in diesen Tagen überraschende Post von der Deutschen Telekom. Das Bonner Unternehmen verschickt Kündigungen – für einen Dienst, den wohl auch viele Kunden längst vergessen haben. Es geht um De-Mail, die die Telekom in genau einem Jahr nun abschalten will. Zur Sicherheit verschickt das Bonner Unternehmen die Kündigungsschreiben nicht nur über die Mail selbst, sondern auch per Briefpost. Das illustriert das Dilemma des Angebots: Viele Postfächer des einst als besonders sicher beworbenen E-Mail-Dienstes sind wohl schon lange nur noch tote Briefkästen.

Vor zehn Jahren hatte die Bundesregierung den Dienst mit großem Brimborium per Gesetz  eingeführt: Das neue staatlich angeschobene Mailsystem sollte einen »sicheren, vertraulichen und nachweisbaren Geschäftsverkehr für jedermann im Internet sicherstellen«. Allerdings fand es nie genug Anwender und Kunden, obwohl es für Privatnutzer bei der Telekom kostenlos war und anfangs stark beworben  wurde: »Ihr Leben wird bald einfacher«, hieß es damals. Behördengänge und Wartezeiten könne man sich bald ersparen, sensible Unterlagen und Verträge bequem von zu Hause verschicken.

Doch das Angebot kriselte von Anfang an und sollte sich nie durchsetzen. Allein die Telekom machte damit insgesamt dreistellige Millionenverluste. Man habe sich »strategisch entschieden, den De-Mail-Dienst aufgrund fehlender Wirtschaftlichkeit nur noch bis Ende August 2022 anzubieten«, heißt es in den Kündigungsschreiben an Geschäftskunden. Im September sollen auch die Privatkunden vom bevorstehenden Ende des Angebots unterrichtet werden.

In der Bundesregierung ist das Bundesinnenministerium für das Public-Private-Partnership zuständig. Obwohl das eigens erlassene »De-Mail-Gesetz« Behörden verpflichtete, Zugänge dafür einzurichten, ließen viele sich dafür reichlich Zeit. Weil es zu wenig konkrete Anwendungen gab, war der Dienst wiederum für Privatnutzer nicht attraktiv. Dieses Henne-Ei-Problem wurde nie überwunden.

Zudem gab es früh kritische Stimmen. So hatten Mitglieder des Chaos Computer Clubs kurz nach dem Start massive Zweifel an der Sicherheit und dem Datenschutz angemeldet und die Lösung als »Bullshit made in Germany« bezeichnet .

Ein weiterer digitalpolitischer Fehlschlag

Das Ausmaß der Probleme zeigte sich auch in der Intransparenz, die das öffentlich angeschobene Projekt seit Jahren umgab. Keiner der Partner veröffentlichte harte Nutzerzahlen, auf einer gemeinsamen Website  versuchten sich das Ministerium und die beteiligten Unternehmen in Krisen-PR und traten angeblichen »Mythen« über den Dienst entgegen. Unter dem Punkt »De-Mail nutzt doch niemand« heißt es dort immer noch, es gebe »mehr als eine Million« Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Die Zahl der aktiven Nutzer dürfte deutlich darunter liegen. Bei der Telekom war die Zahl der registrierten Privatnutzer zuletzt offenbar sechsstellig, die der Geschäftskunden lag im fünfstelligen Bereich.

Telekom-Chef Tim Höttges hatte schon Anfang des Jahres von einem »toten Gaul« gesprochen und in einem Interview  öffentlich mit dem »überkomplizierten« Dienst abgerechnet. Es habe »nie jemanden gegeben, der dieses Produkt genutzt hat«, schimpfte er damals. Die Entscheidung, aus De-Mail auszusteigen, sei aber erst in diesem Sommer gefallen, hieß es in Unternehmenskreisen. Hintergrund war offenbar ein auslaufender Rahmenvertrag mit dem Bundesinnenministerium.

Für die Bundesregierung ist der Abschied der Telekom ein Schlag – immerhin ist der Bund über die KfW an dem Bonner Konzern beteiligt. De-Mail reiht sich damit in die lange Reihe der digitalpolitischen Fehlschläge in der Regierungszeit von Angela Merkel ein.

GMX erwägt, Telekom-Kunden zu übernehmen

Offenbar hatte es in den vergangenen Monaten Verhandlungen über eine finanzielle Unterstützung des Bundes für das hochdefizitäre Angebot gegeben, die aber aus Sicht des Unternehmens zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis führten. Eine aktuelle SPIEGEL-Anfrage ließ das Bundesinnenministerium unbeantwortet.

Die Telekom ist allerdings nicht der einzige De-Mail-Anbieter auf dem Markt, insofern bedeutet ihre Entscheidung nicht das offizielle Ende des Projekts. Auch die United Internet AG  (1&1, GMX, web.de) und die Mentana Claimsoft GmbH  bieten De-Mail gegenwärtig noch an. Offenbar gab es zwischen der Telekom und den Mitbewerbern im Vorfeld auch Verhandlungen über eine mögliche Übernahme des Telekom-Kundenstamms.

Man sei im Gespräch und prüfe Optionen, den bisherigen Telekom-Kunden Angebote für eine »unterbrechungsfreie Fortführung ihrer De-Mail-Konten zu machen«, bestätigt der Geschäftsführer von WEB.DE und GMX, Jan Oetjen. Wichtig dafür seien allerdings »die weitere staatliche Unterstützung sowie die Ausweitung der Nutzung«. Als ein Beispiel nennt Oetjen die zahllosen immer noch per Post zugestellten Behördenbriefe, die einen großen Anteil am jährlichen Briefvolumen hätten. Auch im Bereich der digitalen Identifikation sehe er »großes Potenzial«. So könne der Dienst die Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes  vereinfachen. Darin hatte die Bundesregierung den Bürgern versprochen, bis Ende 2022 ihre wichtigsten Verwaltungsleistungen auch online anzubieten. »Damit muss nicht jede Kommune und jedes Land neue, eigene Login-Verfahren für ihre Onlineservices aufbauen«, so Oetjen.

Falls die Idee der Kundenübernahme scheitert oder die Betroffenen nicht zu anderen Anbietern wechseln wollen, müssen Nutzerinnen und Nutzer der Telekom-Angebote spätestens im kommenden Sommer aktiv werden – und Sicherungskopien von ihren De-Mails machen. Nach dem erzwungenen Vertragsende hätten sie noch drei Monate Zeit, um die in ihren Postfächern gespeicherten Nachrichten zu übertragen, heißt es in den Kündigungsschreiben. Danach werden sämtliche Kundendaten unwiederbringlich gelöscht.

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