Doku zum Skandal um Cambridge Analytica "Bis sie die Welt so sahen, wie wir es wollten"

Cambridge Analytica mischte bei der Wahl von Donald Trump mit und gelangte an Daten zu Millionen Facebook-Nutzern: Nun dreht sich eine Netflix-Doku um die Skandalfirma - und ihren angeblichen "großen Hack".
Brittany Kaiser war jahrelang für Cambridge Analytica tätig

Brittany Kaiser war jahrelang für Cambridge Analytica tätig

Foto: Netflix

Wenn Ex-Mitarbeiterin Brittany Kaiser erzählt, wie sie in ihrer Zeit bei Cambridge Analytica gearbeitet haben, lässt das stutzen: "Wir bombardierten sie über Blogs, Webseiten, Artikel, Videos, Anzeigen - jede Plattform, die zur Verfügung stand -, bis sie die Welt so sahen, wie wir es wollten. Und bis sie für unseren Kandidaten stimmten."

Es sind die Sätze wie diese, die den Zuschauer der Dokumentation "Cambridge Analyticas großer Hack " verstören sollen, denn sie führen auf ihre Schlussfrage hin: Bin auch ich, der Zuschauer, übers Netz manipulierbar?

Der Netflix-Film, diese Fallhöhe ist schnell gesetzt, dreht sich um nicht weniger als das Schicksal ganzer Demokratien im Facebook-Zeitalter. Cambridge Analyticas "großer Hack", so muss man den Filmtitel verstehen, hat Donald Trump angeblich zu seinem überraschenden Wahlsieg 2016 geführt: Amerika wurde mit Daten gehackt. Eine kühne These - denn so einfach ist es wohl nicht.

Filmemacher mit Oscar-Erfahrung

Karim Amer und Jehane Noujaim, deren Tahir-Platz-Doku "The Square" 2014 für einen Oscar nominiert war, treffen jedenfalls erneut den Zeitgeist. Der Trailer ihres Films könnte auch eine Episode der Tech-Dystopie "Black Mirror" bewerben.

Es geht ums Frühjahr 2018, um jene turbulenten Tage, als der Datenskandal um Facebook und Cambridge Analytica Tech- und Politik-Welt aufeinanderprallen ließ. Mark Zuckerberg stellte sich dem US-Kongress, in Großbritannien wurden parallel Zeugen wie Kaiser ausgefragt, was Cambridge Analytica mit der Brexit-Kampagne Leave.eu zu tun hatte.

Cambridge Analytica, das im Brexit-Wahlkampf wohl nur anfangs, im US-Wahlkampf 2016 für Ted Cruz und später Donald Trump aber ganz offiziell mitmischte, landete so erneut im Fokus der Öffentlichkeit. Berühmt-berüchtigt war die Firma spätestens seit Ende 2016 dafür, dass sie auf der Basis von Daten Online-Inhalte angeblich so aufbereiten und platzieren konnte, dass sie für den Empfänger wie maßgeschneidert waren.

Sein Datenmaterial besorgte sich das Unternehmen vielerorts, unter anderem bei Facebook. Nicht per Hack oder über ein Datenleck, sondern über den Wissenschaftler Aleksandr Kogan. Er verkaufte der Firma Persönlichkeitsdaten, die über ein Quiz mit gut 270.000 Teilnehmern legal erhoben worden waren - zusammen mit Informationen zu vielen Millionen unbeteiligten Facebook-Freunden der Teilnehmer. Nur Kogans Weitergabe der Daten war ein Verstoß gegen Facebooks Vorgaben, nicht ihre Sammlung.

Die interessantere Ex-Mitarbeiterin

Auf Cambridge Analytica blickt man im Film vor allem über die Selbstdarstellung der Firma und über die Ex-Mitarbeiterin Kaiser. Sie war mehrere Jahre für das Unternehmen tätig, kehrte ihm aber 2018 den Rücken und machte interne Firmendokumente öffentlich. Gewissermaßen als Gegenschnitt tauchen regelmäßig noch David Carroll und Carole Cadwalladr auf, Cambridge Analyticas umstrittener Ex-Boss Alexander Nix  lehnte ein Interview ab.

David Carroll ist ein US-Professor, der auf juristischem Weg herausfinden will , was Cambridge Analytica über ihn weiß oder zu wissen meint, Cadwalladr eine Investigativ-Journalistin, deren Enthüllungen den Skandal entscheidend vorantrieben. Beiden kommt im Film die Aufgabe zu, klarzumachen, dass das Thema Datenmissbrauch ein Problem bleiben wird, obwohl Cambridge Analytica und dessen Mutterfirma SCL Elections im Zuge des Skandals 2018 in Insolvenz gingen. Carroll lassen die Macher dabei theatralisch Dinge wie "Alles begann mit dem Traum einer vernetzten Welt" aus dem Off sagen, als sei er der allwissende Erzähler.

Professor David Carroll will Einblick in die über ihn gespeicherten Daten

Professor David Carroll will Einblick in die über ihn gespeicherten Daten

Foto: Netflix

Teil des Films ist auch Whistleblower Christopher Wylie, der das Gesicht zum Skandal war und dessen Aufdeckung prägte, der das Unternehmen aber schon 2014 verlassen hatte. Kaiser wirkt nun im Vergleich zu ihm wie die interessantere Quelle - auch wenn sie kaum Konkretes preisgibt.

Christopher Wylie: das Gesicht zum Skandal

Christopher Wylie: das Gesicht zum Skandal

Foto: Jose Luis Magana / AP

Kaiser, einst Obama-Wahlkämpferin und bald Memoiren-Autorin , scheint im Zeitraum der Dreharbeiten eine Wandlung durchzumachen, von der stolzen Daten-Ausnutzerin zur Vorkämpferin für Datenrechte, die sich gegen Facebook starkmacht . Ihren Bruch mit der Vergangenheit nimmt man ihr allerdings nur halb ab.

So wirkt es etwas befremdlich, wenn sie in irgendeinem thailändischen Pool badend von Wiedergutmachung spricht, davon, mit ihrer "Rolle in der Geschichte" nicht zufrieden zu sein. Mit "Geschichte" ist tatsächlich die Weltgeschichte gemeint - und dass Cambridge Analytica darin angeblich eine Rolle gespielt hat, will der Film zeigen.

Nur stellenweise entmystifiziert die Dokumentation die Firma. Die Zuschauer erfahren, dass es für jeden Datenskandal verschiedene Faktoren braucht: Plattformen, die Daten anhäufen und damit Geld verdienen, Nutzer, die sie bereitwillig abgeben, und Gesetze, die all das ermöglichen. Und dann eben Unternehmen wie, aber längst nicht nur Cambridge Analytica, die sich in diesem Umfeld als Datenanalyse-Firmen und wohl auch Parteien-Handlanger ein Geschäftsmodell basteln.

Zudem wird aus Kaisers Aussagen klar, dass auch Cambridge Analytica sich nicht der Illusion hingab, dass sich Menschen nach Belieben manipulieren lassen. Die Firma habe sich auf mutmaßlich "Überzeugbare" fokussiert, sagt sie, auf Menschen, deren Wahlentscheidungen wohl noch offen waren, vor allem in "Swing States". Am Ende hätten ja die Menschen selbst ihr Kreuz gesetzt.

Der wahre Einfluss der Firma ist umstritten

Hinterfragt wird das, was Kaiser und andere ehemalige Cambridge-Analytica-Mitarbeiter sagen, kaum. Als Belege für vermeintliche Erfolge der Firma in vielen Ländern dienen im Film Anekdoten, die teils aus einer Verkaufspräsentation stammen. Die Quellenlage ist also äußerst dünn.

Bilder von Donald Trumps Amtseinführung werden von den Filmemachern mit Äußerungen von Alexander Nix kombiniert: "Der Einsatz solcher Technologien kann einen bedeutenden Unterschied machen." Solche Szenen sind - in diesem Film über Onlinemanipulation - selbst eine Form von Manipulation.

Es ist zwar davon auszugehen, dass Cambridge Analyticas Arbeit einen Einfluss auf das US-Wahlergebnis hatte - ob er aber bedeutend war, ist bis heute ungeklärt. So ging es bei der US-Wahl schließlich zum Beispiel nicht nur um Trump, sondern auch um eine zum politischen Establishment gehörende und durch die E-Mail-Affäre belastete Kandidatin Clinton, die sich auch noch um die dritte Präsidentenamtszeit der Demokraten in Folge bewarb. Und mag nicht jeder kontroverse Trump-Tweet genau so beeinflussend gewesen sein wie passende Onlineanzeigen?

Polit-Aktivist Paul Hilder, der an der Seite von Kaiser auftaucht, schrieb Anfang 2019 in einem Artikel , er habe wenige Beweise dafür gefunden, dass die "viel gepriesene Psychographie" von Cambridge Analytica tatsächlich funktioniert habe. Das Jahr 2016, bilanziert Hilder, sei von einer "globalen Unterwelt an Manipulatoren und Strippenziehern" als "Spielplatz der Möglichkeiten" gesehen worden.

Wie ein Bumerang

Versuche aus Russland, 2016 die politische Stimmung in den USA zu beeinflussen, sind im Netflix-Film ein Randaspekt. "Ich wollte wohl glauben, dass wir bei Cambridge Analytica die besten waren", sagt Kaiser dazu. Von anderen Versuchen der Beeinflussung will sie damals nichts geahnt haben.

Solche Momente, solche Äußerungen vor der Kamera, die man für naiv oder arrogant halten kann, machen die technisch ordentlich produzierte Netflix-Doku insgesamt doch sehenswert. Sie dient zudem als Erinnerung daran, dass alles, was man im Netz preisgibt, in die falschen Hände gelangen kann - und womöglich eines Tages wie ein Bumerang zurückkommt.

Es sei "unheimlich", wie viele Informationen man über Menschen erhalten könne, zitiert Journalistin Cadwalladr im Film den Brexit-Vorkämpfer Andy Wigmore, "und sie geben sie dir einfach freiwillig. Es ist absurd." Dieses Zitat passt nicht nur zum Cambridge-Analytica-Skandal, sondern beispielsweise auch in die jüngste Daten-Debatte um FaceApp.


"Cambridge Analyticas großer Hack " (Original-Titel: "The Great Hack"), 114 Minuten, ab 24. Juli auf Netflix

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