Trump droht mit Verbot TikTok - Teeniespaß oder Spionagewaffe?

Für die einen ist TikTok eine beliebte App und Plattform, für die anderen ein jugendgefährdendes Angebot. US-Präsident Trump sieht gar ein chinesisches Manipulations-Netzwerk darin - zu Recht?
Umstrittene App TikTok: Weltweit nutzen nach Unternehmensangaben zwei Milliarden Menschen das soziale Netzwerk

Umstrittene App TikTok: Weltweit nutzen nach Unternehmensangaben zwei Milliarden Menschen das soziale Netzwerk

Foto: Dado Ruvic/ REUTERS

Glaubt man US-Präsident Donald Trump, dann ist das angeblich zwei Milliarden Nutzer zählende soziale Netzwerk TikTok kein harmloser Teeniespaß, sondern ein perfides Instrument für Spionage, Missinformation und Propaganda. Am Freitag kündigte Trump deshalb an, dass er in den USA den Betrieb der App noch an diesem Wochenende verbieten wolle. Die US-Regierung begründet das mit Jugend- und Datenschutzbedenken: China könne über TikTok Daten der angeblich 100 Millionen US-Nutzer abschöpfen und sie politisch manipulieren.

Wer sich die Plattform ansieht, käme da nicht unbedingt drauf : Das Gros der Inhalte, die bei TikTok zu sehen sind, sind kurze, von Teenagern produzierte, spaßige Videos. Da wird posiert und getanzt, es gibt kurze Stunts und sehr viele pubertär anmutende Gags. Einer der in Deutschland zurzeit populärsten Clips zeigt einen Badelatschen, der mit der Hintergrundmusik synchronisiert diversen jungen Leuten vor den Kopf geworfen wird. Definitiv gefährlich, wenn es zu fest und unglücklich gezielt geschieht.

Was also könnte der chinesische Staat auf diese Weise Brisantes erfahren? Dass Teenager mitunter zu Humor neigen, der ihnen Jahre später peinlich sein könnte?

Laut Andrea Rungg, Sprecherin von TikTok Deutschland, erfährt der chinesische Staat durch die App gar nichts über deren Nutzer: "Die Daten von TikTok-Nutzern und -Nutzerinnen werden in den USA gespeichert, wobei der Zugriff darauf streng kontrolliert wird."

TikTok ist seit Längerem dabei, seine Aktivitäten aus China - wo es nur eine zensierte Version der Plattform unter anderem Namen anbietet - ins Ausland zu verlagern. Das Unternehmen unterhält Datenzentren in den USA und Singapur, zudem regionale Standortbüros. Sowohl der Investorenkreis als auch das Management haben sich in den vergangenen Jahren stark internationalisiert. In den USA, sagt Rungg, habe TikTok allein in diesem Jahr rund 1000 neue Mitarbeiter eingestellt, es gäbe dort Pläne "für weitere 10.000 gut bezahlte Jobs in den USA".

Aber heißt das, dass Trumps Vorwürfe gegen TikTok völlig haltlos sind? Oder lassen sich Vorwürfe gegen die Plattform auch nachvollziehen?

Jugendgefährdung und Datenschutz

Der Vorwurf, dass TikTok zu wenig tue, um seine Nutzer zu schützen, ist nicht neu. Social-Network-typisch sind die Umgangsformen auch bei TikTok häufig eher asozial. Da wird "gedisst" und gemobbt, beleidigt und sexuell diskriminiert. Das ist problematisch. Auch Indonesien und Indien verhängten zeitweilig Sperren gegen TikTok. Deutsche Jugendschützer warnen davor, dass Pädophile TikTok als Kontaktplattform missbrauchen könnten. Die Sicherheitsmaßnahmen dagegen seien unzulänglich, bemängeln sie. Auch die offizielle Altersbeschränkung ab 13 Jahre ist mühelos auszuhebeln.

Dass TikTok seine Datenzentren außerhalb Chinas betreibt, ist letztlich belanglos: Das muss nicht bedeuten, dass keine Daten zum Mutterunternehmen ByteDance in China abfließen. Die Meinung, dass TikTok eine potenziell schädliche Spionagesoftware sei, teilt Donald Trump beispielsweise mit Teilen der Hackercommunity Anonymous.

Denn über die App könnte sich durchaus mehr abziehen lassen, als nur die Videos selbst: TikTok verlangt bei Installation Zugriff auf diverse Dienste und Daten des Handys. Wer TikTok nutzt, hat dem auch zugestimmt. So wie bei Twitter, Facebook, Instagram und all den anderen.

Beweise dafür, dass TikTok unautorisiert Daten in Richtung China weitergegeben hätte, hat bisher aber niemand vorgelegt.

Missinformation und Manipulation

Einer der Vorwürfe, die Trump motiviert haben mögen, jetzt gegen TikTok vorzugehen, ist die angebliche Gefahr der Meinungsmanipulation bei Wahlen. Trump hat da reichlich persönliche Erfahrungen: Regelmäßig verbreitet er Propaganda, Fehlinformationen oder "alternative Fakten" via sozialer Medien - vor allem Twitter - und profitiert von dieser unkontrollierten Mitteilungsmöglichkeit.

Dass soziale Medien ihm aber auch schaden können, erfuhr Trump durch TikTok: angeblich sabotierten Teenager, die sich via TikTok koordinierten, Mitte Juni eine Wahlkampfveranstaltung Trumps in Tulsa. Statt sich von 19.000 begeisterten Anhängern feiern lassen zu können, redete Trump vor weitgehend leeren Rängen - eine peinliche öffentliche Schmach.

Wahlkampf-Flop in Tulsa: die 6000 Unterstützer platzierte man hinter Trump, um das 19.000-Zuschauer-Stadium voll aussehen zu lassen

Wahlkampf-Flop in Tulsa: die 6000 Unterstützer platzierte man hinter Trump, um das 19.000-Zuschauer-Stadium voll aussehen zu lassen

Foto: KYLE RIVAS/ imago images/UPI Photo

Was allerdings nur beweist, dass TikTok missbrauchbar ist - und zwar prinzipiell von jedermann. So findet man natürlich auch dort Verschwörungstheorien und radikale Politspinner. Tut TikTok etwas dagegen? Ja, nur nicht genug - und auch das ist typisch für soziale Plattformen: "Sauber" ist in dieser Hinsicht keine.

TikTok versuchte, einigen dieser Vorwürfe mit Maßnahmen zu begegnen. Zum Teil tragen die aber eine deutlich chinesische Handschrift: So war zumindest regional die Verbreitung "homosexueller" Inhalte verboten. Sie wurden gesperrt - so wie angeblich viele Inhalte, in denen Kritik an China geäußert oder die Entwicklung in Hongkong angesprochen wird.

In einem Blogpost verteidigte am Freitagabend TikTok-Chef Kevin Meyer, ein ehemaliger Disney-Manager, die Plattform: "Wir sind nicht politisch, wir akzeptieren keine politische Werbung, wir verfolgen keine Agenda."

Mag sein, aber es gibt auch vieles, was TikTok nicht unterbindet.

So nutzt aktuell offenbar die Boogaloo-Bewegung, ein US-amerikanisches Netzwerk gewaltbereiter Rechtsradikaler, die Plattform, um Stimmung für sich zu machen, wie die BBC Anfang Juli berichtete. Und seit Juni wird dort die Pizzagate-Verschwörungstheorie aus dem Jahr 2016 aufgewärmt. Damals wurde Hillary Clinton vorgeworfen, Teil eines Pädophilen-Netzwerkes zu sein, das Pizzerien für Menschen- und Kinderhandel nutze und in zahlreiche andere Aktivitäten involviert sei - beispielsweise Satanismus und Kannibalismus.

Ist das nun Politik oder Jugendschutz?

Die aktuellen Vorwürfe gegen TikTok sind zum Teil nicht neu und teils nachvollziehbar, teils unbewiesen. Dass die Plattform weit mehr für Jugend- und Datenschutz tun könnte, steht außer Frage. Dass Trump hier gleich auf eine völlige Sperrung des Dienstes in den USA abzielt, dürfte aber wohl eher politisch motiviert sein. Denn auch eine Abspaltung des US-Geschäftes von TikTok würde ihm offenbar nicht reichen: Das US-Unternehmen Microsoft hatte deutlich signalisiert, dass es an einer Übernahme interessiert wäre.

Auch, dass US-Konkurrenten von TikTok zurzeit eigene, extrem ähnliche Dienste vorbereiten, stört die Verbraucherschützer um Trump offenbar nicht. So könnte beispielsweise Facebook zum direkten Nutznießer eines TikTok-Verbotes in den USA werden.

Die chinesische Regierung kritisiert ein mögliches TikTok-Verbot in den USA deutlich. Wang Wenbin, ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums, bezeichnete ein Vorgehen gegen TikTok als Handlung, die nur auf einer Schuldvermutung beruhe. Die USA drohten "chinesischen Unternehmen ohne Grund".

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