Populäre Video-App Wie TikTok Inhalte pusht und ausbremst

Die Video-App TikTok wird immer beliebter. Darüber, wie menschliche Prüfer die Verbreitung von Inhalten beeinflussen, ist jedoch nur wenig bekannt. Recherchen von Netzpolitik.org geben einen Einblick.

TikTok: In Deutschland bei jungen Menschen eins der beliebtesten Netzwerke
Jens Kalaene/ DPA

TikTok: In Deutschland bei jungen Menschen eins der beliebtesten Netzwerke

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Wie entscheidet sich hinter den Kulissen der Video-App TikTok, wer welches Video zu sehen bekommt? Dieser Frage sind Journalisten von Netzpolitik.org nachgegangen. Am Samstag nun haben sie ihre Erkenntnisse ins Netz gestellt.

TikTok, das zur chinesischen Firma ByteDance gehört, zählt besonders unter jungen Menschen zu den beliebtesten Plattformen überhaupt. Der Dienst dreht sich vor allem ums Anschauen und Hochladen von bis zu 15- oder 60-sekündigen Videos, in denen oft Musik eine entscheidende Rolle spielt.

Instagram, Spotify, der mittlerweile eingestellte Twitter-Videodienst Vine: TikTok positioniert sich irgendwo zwischen schon länger bekannten Angeboten - und kommt damit auf mehr als fünf Millionen deutsche Nutzer. Hierzulande geht es in typischen TikTok-Clips um Beziehungsfragen oder Alltagssituationen, etwa in der Schule oder im Job. Ebenso gibt es zahllose Tanz- und Lipsync-Videos sowie Sketche.

"Bestimmte Inhalte bekommen eine möglichst große Reichweite"

Anders als auf Twitter oder Facebook wird man als TikTok-Nutzer aber selten mit politischen Inhalten konfrontiert, etwa mit Szenen von Demonstrationen. Zum Teil liegt das daran, dass sich TikTok selbst als Unterhaltungs-App inszeniert und viele Nutzer dazu passendes Material hochladen. Immer wieder wurden aber auch Vorwürfe gegen das Unternehmen laut, es schränke die Verbreitung politischer Inhalte gezielt ein.

Auf Netzpolitik.org heißt es nun in einem längeren Artikel, man habe mit einer Quelle bei TikTok gesprochen und unterschiedliche Versionen von TikToks Moderationsregeln einsehen können. Jene Regeln seien "bemerkenswert dünn und weit interpretierbar - auch für die Moderator:innen selbst". Klar sei aber die Strategie des Unternehmens: "Bestimmte Inhalte bekommen eine möglichst große Reichweite, während andere systematisch unterdrückt werden."

Die deutschsprachigen TikTok-Videos würden laut dem Insider von drei Standorten aus moderiert, heißt es: Barcelona, Berlin und Peking. Der erste Prüfung eines Inhalts finde demnach bei 50 bis 150 Videoansichten in Barcelona statt. Berlin sei für eine zweite Prüfung bei 8.000 bis 15.000 Ansichten und eine dritte Prüfung bei etwa 20.000 Ansichten zuständig. Nachts würden - und das wird von TikTok gegenüber Netzpolitik.org auch bestätigt - deutschsprachige Chinesen von Peking aus die Prüfungen übernehmen.

Verschiedene Stufen der Sichtbarkeit

Angeblich können Inhalte bei den Prüfungen auf sechs verschiedene Arten eingestuft werden. Laut einem Schaubild von Netzpolitik.org sind Löschungen möglich, aber auch Sichtbarkeitseinstufungen wie etwa "not recommend" oder "not for feed", die dazu führen sollen, dass Videos nicht im sogenannten "Für dich"-Feed der App auftauchen und - im Fall von "not for feed" - auch in der Suche benachteiligt werden. Für die meisten TikTok-Nutzer dürfte der "Für dich"-Feed der Hauptweg sein, neues Videomaterial zu entdecken. Wer hier mit seinem Video auftaucht, hat deutlich bessere Chancen auf eine große Reichweite.

TikTok bestätigte Netzpolitik.org nur die Existenz von drei Stufen namens "Deletion" (gleichbedeutend mit Löschung des Inhalts), "Visible to self" (der Inhalt ist nur für den Ersteller selbst sichtbar) und "Risks". Mit "Risks" werden dem Unternehmen zufolge Inhalte markiert, die in bestimmten Ländern gegen lokale Gesetze verstoßen könnten, heißt es. Netzpolitik.org zufolge führt die Markierung unter anderem dazu, dass LGBT-Inhalte in islamischen Ländern ausgebremst werden.

Inhalte zu Protesten sind laut der im Artikel zitierten Quelle auf der Plattform allgemein nicht gern gesehen. Sie würden oft schon beim ersten Sichten der Moderation gelöscht, heißt es.

Dokument mit Regeln hochgeladen

Vor Netzpolitik.org hatte unter anderem der "Guardian" über TikToks Umgang mit politischen Inhalten berichtet, damals vor allem mit Bezug auf China. Nach Auskunft der Netzpolitik.org-Quelle änderte TikTok daraufhin seine Richtlinien - unter explizitem Verweis auf schlechte Presse. Von TikTok heißt es dazu, dass es bereits Monate vor dem Artikel signifikante Änderungen gegeben habe.

Um welche Art von Regeländerungen es sich handelte, lässt ein von Netzpolitik.org erstelltes PDF mit Beispielen erahnen. Angepasst wurde demnach das Ausbremsen von Darstellungen sogenannter "kontroverser Ereignisse", etwa von Protesten und Aufmärschen. Inhalte zu Konflikten, bei denen es zu Gewalt kam, kommt oder kommen könnte, können dem Dokument zufolge aber weiter mit "not for feed" markiert werden. TikTok kommentierte dazu lediglich, dass es solche Inhalte nicht entferne.

Früher war dem Dokument zufolge auch Kritik an wichtigen politischen Personen, der Polizei und am Militär Grund dafür, dass Videos dem "Für dich"-Feed vorenthalten wurden. Diese Regeln hat TikTok in Deutschland allerdings mittlerweile gestrichen. Das bekam Netzpolitik.org auch vom Unternehmen bestätigt.

Bemerkenswert ist noch, dass Netzpolitik.org angibt, dass es manche Videos zu den Hongkong-Protesten - darunter auch welche, die man selbst hochladen wollte - erst nach einer Presseanfrage zur Sichtbarkeit genau dieser Inhalte tatsächlich auf der Plattform auffinden konnte. "Die Kontrolle über das, was Menschen auf TikTok sehen, liegt vor allem in der Hand des Unternehmens", heißt es im Artikel.

"Vage, intransparente Regeln"

Netzpolitik.org-Gründer Markus Beckedahl schreibt in einem Kommentar zur Recherche, TikTok habe "vage, intransparente Regeln" und biete Moderatoren "technisch weitgehende Eingriffsmöglichkeiten, um Inhalte zu verschleiern und ihre Verbreitung gezielt zu unterdrücken". Das Unternehmen schränke damit die politische Meinungsäußerung "massiv und bewusst" ein. Facebook und YouTube wirkten dagegen geradezu wie "demokratische und offene Räume".

TikTok betont immer wieder, dass es anders funktioniere als andere Social-Media-Plattformen. In einer Broschüre des Unternehmens für Eltern und Jugendliche heißt es, beim Präsentieren von kreativen Ideen sei es auf TikTok nicht entscheidend, wie viele Follower man habe: "Stattdessen wählt der Algorithmus der App die besten Videos aus und präsentiert sie einer größtmöglichen Zahl von Nutzern in deren Feed. Maßgeblich dafür, welche Inhalte Nutzer in ihrem Feed sehen, sind ihre jeweiligen Vorlieben."

Auf eine SPIEGEL-Nachfrage zum Artikel von Netzpolitik.org teilt das Unternehmen mit, TikTok "moderiere keine Inhalte basierend auf politischen Ausrichtungen oder Sensitivitäten": "Unsere Moderationsentscheidungen sind durch keine fremde Regierung beeinflusst, was die chinesische Regierung einschließt." TikTok entferne "weder Videos rund um die Proteste in Hongkong, noch werden Videos rund um die Proteste in Hongkong in ihrer Reichweite unterdrückt". Dies umschließe Inhalte zu Aktivisten. TikTok hat zudem einen Blogpost zum Thema veröffentlicht.



insgesamt 9 Beiträge
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blurps11 23.11.2019
1.
Das wird vermutlich Schule machen. Aktiv selber informieren können sich große Teile der "digital natives" ja gar nicht mehr und was in ihren feeds nicht vorkommt, gibt's nicht in ihrer Welt. Unliebsame Dinge also einfach nicht mehr in den feed packen. Das reicht schon - Da muss man nicht mal mehr zensieren.
.freedom. 23.11.2019
2. Leak: Wie TikTok-Moderatoren Inhalte zensieren.
Ein geleaktes Dokument zeigt, welche Inhalte Moderatoren der chinesischen App TikTok löschen sollen. Auf der Liste stehen auch 20 Namen. https://www.heise.de/newsticker/meldung/Leak-Wie-TikTok-Moderatoren-Inhalte-zensieren-4538610.html
ttr 23.11.2019
3. Keine Politik auf Tiktok, Facebook, Google, Twitter, etc
Ich wäre froh, wenn sich sämtliche Politiker, Zeitungen und TV-Sender von Tiktok fernhalten würden. Überall wird versucht, politischen Einfluss zu nehmen. Kein Bereich soll dabei ausgespart werden. Google und Twitter gehen den richtigen Weg, politische Werbung auf Ihren Plattformen einzuschränken. Das sollte für Tiktok, das hauptsächlichen von Jugendlichen verwendet wird, ganz besonders gelten. Vorteil: werden politische Inhalte vollständig untersagt, dann kann es auch keine Fake News geben.
sir4stranger 23.11.2019
4. @ttr
Es gehört zu den Dummheiten unserer Zeit zu glauben man könne klar zwischen politischen und nicht politischen Inhalten trennen. Im Ergebnis werden nur die Inhalte übrig bleiben, die der politischen Ausrichtung der Zensoren entspricht. gruselig!
power.piefke 24.11.2019
5. belanglos
es ist doch vollkommen belanglos ob die Inhalte von Chinesen oder Amerikanern nach ihrem Gusto zensiert werden. Es wird zensiert, Punkt! So zu tun als wären Facebook oder Google da auch nur eine Stelle hinterm Komma besser, ist entweder naiv oder doof.
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