Verkauf von TikTok in den USA Alles muss raus

Keine vier Monate hielt sich Ex-Disney-Manager Kevin Mayer als Chef der chinesischen Video-App TikTok. Nun findet der Verkauf der US-Sparte ohne ihn statt. Das letzte Kapitel eines staatlichen Schlussverkaufs.
TikTok-Logo: China, USA und der Kampf um die Vorherrschaft im Netz

TikTok-Logo: China, USA und der Kampf um die Vorherrschaft im Netz

Foto: Florence Lo/ REUTERS

Es gab in den vergangenen Wochen wohl keinen Ort, an dem Freude so schnell in Wut umschlug wie im Unternehmens-Blog von TikTok. Wer ihn entlang scrollt, stößt schnell auf bessere Zeiten, etwa auf eine freudige Ankündigung von Mitte Mai.

Damals hatte die chinesische Video-Plattform eben den Disney-Manager Kevin Mayer abgeworben. Als neuer Chef mit amerikanischem Wohnsitz war er ein Zugeständnis an die US-Regierung - eine Beruhigungspille für Donald Trump und seine wütenden Attacken. Mayer zeigte sich "begeistert, die Gelegenheit zu haben, dem fantastischen Team beizutreten" – und versprach, wie sein Vorgänger Alex Zhu, das chinesische Geschäft weiterhin ganz klar von dem amerikanischen zu trennen.

Offensichtlich hatte die Charme-Offensive keinen Erfolg, Anfang August stellte Donald Trump ein Verbot von TikTok in den Raum, wenn es nicht rasch an ein amerikanisches Unternehmen verkauft wird  – und die Töne im Unternehmensblog wurden rauer und rauer: "Statement zur Executive Order" (7. August), "Setting the record straight" (17. August), "Warum wir Klage gegen die US-Regierung einreichen” (25. August). Am Ende der Eskalationsspirale steht ein möglicher Verkauf an Microsoft und Walmart, die das Video-Netzwerk gemeinsam übernehmen wollen – und der vollständige Rückzug des Ex-Disney-Managers Mayer. Innerhalb eines halben Jahres hat TikTok so gleich zwei seiner Chefs verschlissen. Und es ist völlig unklar, wie es weitergeht. Offenbar können das nicht einmal die Mitarbeiter absehen.

 Kevin Mayers aussichtslose Mission 

In einem Brief an die Angestellten, der schnell in US-Medien zirkulierte, erklärte Mayer sein Scheitern mit einer radikalen Veränderung des politischen Umfelds. Er sei zu dem Schluss gekommen, "dass meine Rolle nicht mehr die sein wird, für die ich ursprünglich einen Vertrag unterzeichnet habe". Geopolitik, Handelskrieg, internationale Spannungen – er habe das alles "nicht erwartet", zitiert die Financial Times aus Mayers Umfeld . Wenn es tatsächlich so gewesen sein sollte, muss man wohl von einer gewissen Naivität des Managers ausgehen.

Ex-TikTok-Chef Kevin Mayer

Ex-TikTok-Chef Kevin Mayer

Foto: DREW ANGERER / AFP

Bereits im Mai, als Mayer seinen Job antrat, war TikTok jene "geopolitische Piñata", als die sie heute beschrieben wird , der Prügelknabe der Nation. Die erste global erfolgreiche App aus China, mitten im digitalen Spannungsfeld zwischen zwei Supermächten und ihren Ansprüchen auf die Vorherrschaft im Netz . Schon damals beschuldigten Demokraten und Republikaner die App der Spionage für die kommunistische Partei, Präsident Trump trieb diese Rhetorik konsequent auf den Höhepunkt. 

Mayer, der bei Disney zuletzt für das Streaming-Geschäft zuständig war und als Kronprinz für den Posten des Konzernchefs galt, musste damit rechnen, bei TikTok als Maskottchen gebraucht zu werden. Monatelang hatte sich das Unternehmen USA-tauglich herausgeputzt, neue Privatsphäre-Richtlinien verabschiedet und amerikanische Manager und Managerinnen eingestellt. Ersetzt wird Mayer durch die interimistische Chefin Vanessa Pappas, auch sie kam erst im vergangenen Jahr zu TikTok. 

Der New York Times sagten mehrere Mitarbeiter von ByteDance, dem chinesischen Mutterkonzern von TikTok, dass sie von Mayers Abgang aus anderen Gründen nicht überrascht waren. In vielen wichtigen Entscheidungen über die Zukunft des Unternehmens habe er "keine signifikante Rolle gespielt."  Die Einrichtung des jüngsten, 200 Millionen Dollar schweren "Creator Funds" habe sein Vorgänger Alex Zhu  betreut, die Gespräche mit potentiellen Käufern in erster Linie der ByteDance-Chef Zhang Yiming. Man kann das verstehen, schließlich geht es dabei ums Ganze.

Walmart und Microsoft: Gemeinsam gegen Amazon

Was für TikTok als notgedrungener Verkauf begann, könnte nun in einem Schlussverkauf enden. Der Video-Plattform läuft die Zeit davon, und von den vielen möglichen Käufern und Investoren, die sich medial ins Spiel brachten, blieben nur noch wenige übrig. Einerseits ist da Oracle: Der auf Unternehmens-Soft- und Hardware spezialisierte Hersteller aus Redwood City will angeblich in Kürze sein Angebot für TikTok vorlegen – und gilt als Favorit von Präsident Trump. 

Zum anderen haben sich Microsoft und die Supermarkt-Kette Walmart als mögliche Käufer zusammengeschlossen.Was nach einer Vernunftehe klingt, hat tatsächlich eine Vorgeschichte. Bereits vor einigen Jahren schlossen sich die beiden Konzerne im Kampf gegen Amazon zusammen. Walmart stieg mit seinen digitalen Diensten auf die Microsoft-Serverinfrastruktur Azure um, führte das Office-Paket "Microsoft 365" für den ganzen Konzern ein und kündigte gleich mehrere AI-, Machine-Learning und Daten-Projekte an. 

Während Microsoft also neben seinen Marken Xbox und Minecraft mit TikTok eine dritte Jugendplattform gewinnen würde, könnte Walmart endlich dem ewigen Konkurrenten Amazon gefährlich werden. Vorausgesetzt natürlich, der Deal klappt. Das ist, wenn man sich das politische Chaos rund um TikTok derzeit ansieht, alles andere als sicher.

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