Zukunft der Trend-App TikTok Ausgerechnet Microsoft

Er wolle die umstrittene chinesische App TikTok in den USA verbieten, tönte Donald Trump. Nun bahnt sich ein Milliarden-Deal an: Microsoft will sich die App der Stunde sichern. Was steckt dahinter?
Eine Analyse von Markus Böhm
Handynutzerin in Shanghai vor der Zentrale von ByteDance, Anbieter der Video-App TikTok

Handynutzerin in Shanghai vor der Zentrale von ByteDance, Anbieter der Video-App TikTok

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ALEX PLAVEVSKI/EPA-EFE/Shutterstock

Das letzte Mal, dass Microsoft damit gescheitert ist, junge Nutzerinnen und Nutzer für eine seiner Plattformen zu begeistern, ist noch nicht lange her. Ende Juni erst verkündete das Unternehmen per Tweet : "Partner, Streamer und Community: Heute haben wir sehr große Neuigkeiten für euch." Die Neuigkeiten bestanden darin, dass die Streamingplattform Mixer am Ende war - nur drei Jahre nach ihrem Start. Und dass Microsoft der Nutzerschaft ans Herz legte, doch zu einem Gaming-Streamingdienst von Facebook zu wechseln.

Mit Mixer hatte Microsoft populären Videodiensten wie Amazons Twitch Nutzer abjagen wollen, durch technische Feinheiten - Stichwort Latenz -, aber auch mit teuer eingekauften Webstars. 2019 etwa sicherte man sich für Dutzende Millionen Dollar exklusiv die Liveübertragungen von Tyler "Ninja" Blevins, dem bekanntesten "Fortnite"-Streamer der Welt. Für Mixer reichte das alles nicht.

Auch vor dem Hintergrund jener Blamage ist nun besonders spannend, was dieser Tage in der Techwelt passiert: Der US-Konzern verhandelt mit dem chinesischen Unternehmen ByteDance über dessen weltweit bekanntestes Produkt, die Kurzvideo-App TikTok - und das mit dem Segen des Weißen Hauses.

Windows und Office sind für Pausenhöfe irrelevant

Hatte Donald Trump noch am Freitag ein Verbot von TikTok in Aussicht gestellt, schreibt Microsoft jetzt , man habe nach einem Gespräch zwischen dem Firmenchef Satya Nadella und dem Präsidenten bis spätestens zum 15. September Zeit, die Gespräche zu einem Abschluss zu bringen.

Zur Debatte steht demnach, dass Microsoft TikToks Aktivitäten in den USA, in Kanada, in Australien und in Neuseeland vollständig übernimmt, möglicherweise mit Minderheitsbeteiligungen weiterer US-Investoren. Die laut US-Politikern angeblich so problematische App aus China könnte in den USA also bald vom Windows-Konzern verantwortet werden, übrigens dem einzigen Unternehmen der berühmten "Big Five" der Techwelt (Microsoft, Apple, Facebook, Google, Amazon), das vergangene Woche nicht zu einer Kongressanhörung zur Marktmacht der Digitalkonzerne vorgeladen war. Dabei war Microsoft schon um die Jahrtausendwende herum nur knapp einer Zerschlagung entgangen.

Für Microsoft böte der Zukauf die Chance, TikToks wachsendes Anzeigengeschäft zu übernehmen sowie junge Menschen zu erreichen, vor allem auch junge Frauen. Bislang hat das Unternehmen lediglich beim Gaming zwei starke, jung wirkende Marken im Spiel: Xbox und "Minecraft", das Microsoft vor sechs Jahren 2,5 Milliarden Dollar wert war. Windows und Office dagegen sind zwar kaum aus dem Geschäftsleben wegzudenken, für Schulhöfe und Szene-Cafés aber irrelevant. Die Sorge, dass Microsoft durch einen TikTok-Kauf in einem seiner Geschäftsfelder zu mächtig werden könnte, gibt es offenbar nicht.

Der Social-Media-Markt gehört anderen

Microsoft, das vor allem aufs Cloud- und Business-Geschäft setzt, ist für junge Menschen der egalste der "Big Five"-Konzerne. Der Smartphone- und App-Markt liegt in den Händen von Apple und Google, es wird gegoogelt und nicht gebingt . Beim Webvideo ist YouTube der Platzhirsch, bei den sozialen Medien dominiert Facebook mit dem gleichnamigen Netzwerk und seinen Zukäufen WhatsApp und Instagram. Microsofts LinkedIn ist für Business-Kontakte gedacht, und selbst Skype klingt inzwischen eher nach Arbeit als nach moderner Unterhaltung. Und wenn junge Leute bei Amazon bestellen, sprechen sie wohl auch eher mit Alexa als mit Microsofts Sprach-Assistentin Cortana.

TikTok, das selbst entscheidend durch die Übernahme der App Musical.ly wuchs, steht dagegen für Spaß und Zerstreuung. Es ist der seit Langem aussichtsreichste Angreifer im globalen Kampf um Aufmerksamkeit, bei dem noch Angebote wie Netflix und "Fortnite" mitmischen. Die App ist einerseits eine Videoplattform, welche normale Nutzer, aber auch Prominente mit Kurzvideos und Livestreams füttern, anderseits ein soziales Netzwerk voll eigener Memes und Running Gags. TikTok kann so völlig passiv, aber auch sehr aktiv genutzt werden - und sogar zur politischen Waffe werden.

In der App steht zudem Musik im Vordergrund. "Old Town Road", ein Song des Rappers Lil Nas X, beispielsweise wurde erst durch TikTok zum Megahit. Die App konkurriert so sogar mit Musikdiensten wie Spotify und Apple Music. Wer TikTok besitzt, besitzt eine Web-Wundertüte und hat stets einen guten Einblick in die Welt der Jugend.

TikTok könnte noch größer werden

In den USA kommt TikTok nach eigenen Angaben schon jetzt auf 100 Millionen Nutzer. Facebook hat zwar mehr als doppelt so viele, ein Deal zwischen ByteDance und Microsoft dürfte aber auch Mark Zuckerberg ärgern. Bislang nämlich konnte Zuckerberg auf ein "Wir gegen die" setzen und mit Blick aufs Kräftemessen zwischen Facebook und der App aus China betonen, dass seine Firma die amerikanischen Werte vertritt. Dieses Argument bräche weg, wenn Microsoft für TikTok geradestünde - ein Unternehmen, das nicht zuletzt in Regierungskreisen großes Vertrauen genießt.

Für das Image von TikTok jenseits Asiens wäre ein Microsoft-Deal sicher förderlich. Denn es waren nicht nur Bedenken der US-Politik zur Datensicherheit, die die App immer wieder in die Schlagzeilen brachten, sondern auch Firmenentscheidungen der vergangenen Jahre, von anfangs fehlenden Jugendschutz-Optionen über unzeitgemäße und intransparente Moderationsrichtlinien bis hin zu fragwürdigen In-App-Angeboten.

Microsoft dagegen gilt in Sachen Jugendschutz und auch bei seinem Umgang mit Hate Speech auf der Xbox als Vorreiter, der Konzern könnte TikTok mindestens einen seriöseren Anstrich geben. Mit TikTok bekäme das Unternehmen wie einst mit "Minecraft" eine bereits populäre Onlinewelt, bei der es eher darum geht, sie skandalfrei zu halten und zu expandieren, als sie inhaltlich neu zu erfinden. Anders als bei Mixer, das im Vergleich zu Twitch und YouTube als Underdog daherkam, hätte Microsoft mit TikTok auch direkt eine aussichtsreiche Startposition.

Wachsen könnte TikTok durchaus noch. Sollte die App tatsächlich zur Microsoft-Tochter von Trumps Gnaden werden, könnten sich künftig auch Nutzer auf TikTok einlassen, die der App aufgrund der negativen Presse oder ihres Ursprungs in China bislang fernblieben. So ist es etwa US-Militärs schon länger verboten, TikTok auf ihren Smartphones zu benutzen. Doch wäre so eine Regelung noch nötig, wenn Microsoft garantieren könnte, dass die App keinen Schaden anrichtet?

Eine Vernunftehe für ByteDance - und viel Arbeit für Microsoft

Herausfordernd könnte für Microsoft der Plan werden, nur bestimmte Teile des Geschäfts der App zu verantworten. Das gilt sowohl technisch für die Arbeit mit virtuellen Landesgrenzen, aber auch für die Markenpflege. Denn würden künftige TikTok-Probleme in anderen Märkten nicht immer auch auf das US-Produkt mit demselben Namen zurückfallen? Auch, was die Moderation und den Umgang mit Hate Speech oder Falschinformationen in der amerikanischen App-Version angeht - gerade mit Blick auf die US-Wahl 2020 -, dürfte sich Microsoft sicher sein, dass sein Neuerwerb sofort im Blickpunkt der Öffentlichkeit stünde.

Microsoft selbst äußerte sich zunächst nur zur Technikfrage. Sollte das Geschäft zustande kommen, wolle das Unternehmen sicherstellen, dass alle privaten Daten amerikanischer Nutzer in die USA übertragen werden und dort bleiben. Und selbst Daten, die bereits jetzt auf Servern außerhalb der USA gespeichert würden, etwa für Back-up-Zwecke, will man in die USA holen. Man werde die "neue Struktur" auf "das Erlebnis, das die TikTok-Nutzer gegenwärtig lieben" aufsetzen, beteuert Microsoft, ergänzt mit "Weltklasse-IT-Sicherheit, Privatsphäre und Schutzmaßnahmen für die digitale Sicherheit".

Genau das will die US-Politik wahrscheinlich hören - denn sie hatte wohl Angst, dass im Fall von TikTok China den größeren Einfluss haben könnte als die USA. Mit der angedachten Übernahme würde Microsoft der US-Regierung einen großen Gefallen tun, auch so lässt sich die Stellungnahme lesen.

Nun muss sich Microsoft nur noch mit ByteDance einig werden - und darauf hoffen, dass Donald Trump im Zweifel auch noch Mitte September für den Deal offen ist. Für ByteDance ist es bestenfalls eine Vernunftehe - die nun auch noch schneller vollzogen werden müsste. Denn während die beiden Unternehmen bereits miteinander verhandelt hatten, setzten Trumps öffentliche Äußerungen beide Firmen unter Zeitdruck und dem chinesischen Unternehmen die Pistole auf die Brust.

Die Zustimmung von ByteDance dürfte sich mit allerlei Milliarden Dollar  wohl erringen lassen, da das Unternehmen in den USA mit dem Rücken zur Wand steht. Dazu aber, wie Trump in sechs Wochen denkt, gibt man lieber keine Prognosen ab.

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