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25. Juni 2012, 12:39 Uhr

TVShack-Betreiber O'Dwyer

Wikipedia-Gründer protestiert gegen Auslieferung

Die USA wollen ihm den Prozess machen: Ein 24-jähriger Brite soll ausgeliefert werden, weil er auf seiner Website illegale Kopien von Filmen und Serien verlinkte - und damit Geld verdiente. Jetzt mischt sich Wikipedia-Gründer Jimmy Wales ein.

Der Gründer der Wikipedia, Jimmy Wales, hat sich in den Streit um die Auslieferung von Richard O'Dwyer eingeschaltet. Großbritannien will den Studenten an die USA ausliefern, wo ihm der Prozess wegen angeblicher Copyright-Verstöße gemacht werden soll. Es sei empörend, dass O'Dwyer an die USA ausgeliefert werden solle, wo ihm bis zu zehn Jahre Gefängnis für etwas drohten, für das er in Großbritannien nicht verfolgt werde, sagte Wales dem "Guardian". Auf change.org hat Wales eine Petition gestartet, um die britische Innenministerin umzustimmen.

O'Dwyer hatte im Jahr 2007 die Website TVShack.net gestartet, auf denen Nutzer Links zu Filmen, Serien, Musik und Dokumentationen einstellen konnten. Vielfach handelte es sich dabei um illegale Kopien. Rund 175.000 Euro hat O'Dwyer mit Werbung auf der Seite wohl eingenommen. Die US-Zollbehörde Immigration and Customs Enforcement (ICE) beschlagnahmte die Domain im Juni 2010. O'Dwyer registrierte eine neue Adresse - und im November kam die Polizei mit zwei ICE-Beamten vorbei.

Der Student aus Sheffield wurde festgenommen, kam später auf Kaution frei. Die Ermittlungen in Großbritannien gegen O'Dwyer wurden zwar eingestellt, dafür präsentierten die USA ein Auslieferungsgesuch, dem die Innenministerin zustimmte. Der Student wehrt sich noch juristisch dagegen, der Oberste Gerichtshof soll demnächst entscheiden.

Auch Megaupload-Chef soll ausgeliefert werden

Darf ein Brite ausgeliefert werden für eine Straftat, die er in Großbritannien begangenen haben soll? Der Fall ist höchst umstritten, Abgeordnete aller Parteien haben dagegen protestiert. Der "Guardian" kommentiert, es gebe keinen Grund, O'Dwyer in den USA vor Gericht zu stellen. Schließlich sei er ein britischer Staatsbürger, seine Website sei in Großbritannien gehostet worden, die Nutzerschaft stammte nur zu einem kleinen Teil aus den USA.

Wollten US-Anwälte gegen Linkverzeichnisse vorgehen, die auf illegale Inhalte verweisen, könnten sie sich doch im eigenen Land umsehen und mit Google und Facebook anfangen, so der "Guardian"-Kommentar. Denn so wie die großen Konzerne habe sich auf der junge Student aus Sheffield ans Gesetz gehalten: Wurden Copyright-Inhaber auf Links auf illegale Inhalte aufmerksam und hätten das O'Dwyer mitgeteilt, habe dieser den Link entfernt.

Weil es sich bei den illegalen Inhalten oft um Hollywood-Ware handelt, agieren die US-Behörden zunehmend international. Kim Dotcom, den aus Deutschland stammenden Betreiber der Filehosting-Plattform Megaupload, ließen die Behörden in Neuseeland hochnehmen. Dotcom wehrt sich nun ebenfalls juristisch gegen eine Auslieferung in die USA. Sein Argument: Er habe nur einen Dateispeicher betrieben. Sobald Megaupload auf illegale Nutzung hingewiesen worden sei, habe man eingegriffen.

Alle Links vorher prüfen?

Im Vergleich zum Gigabyte-König Kim Dotcom und den kino.to-Kriminellen ist O'Dwyer mit seinem Linkverzeichnis allerdings - wenn sein Verzeichnis überhaupt strafbar sein sollte - ein Miniaturfisch.

Für Jimmy Wales ist der junge Student jedenfalls das Gesicht des Kampfs von Contentindustrie gegen die Interessen der breiten Öffentlichkeit. Man habe gemeinsam gegen die Copyright-Gesetze Sopa und Pipa gekämpft und gewonnen, so Wales. Gemeinsam könne man auch O'Dwyer helfen. Spätestens wenn O'Dwyer ausgeliefert werden sollte, wäre es ein Fall für die Internet Defense League.

Tatsächlich dürften Google und Facebook das Vorgehen gegen O'Dwyer aufmerksam beobachten. In einem anderen Fall hat sich Schwergewicht Google bereits eingemischt. Die US-Filmlobby will den Speicherdienst Hotfile schließen lassen, weil der vor allem von Copyright-Verstößen profitieren soll. Nach der "Safe Harbor"-Bestimmung kann der Anbieter nicht für etwaige Verstöße seiner Nutzer haftbar gemacht werden, wenn er auf berechtigte Beschwerden umgehend reagiert. Genau das macht Google - um nicht die Millionen Links und Videos vorab prüfen zu müssen.

ore

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