Sascha Lobo

S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Weltherrschaft oder Tod

Im Silicon Valley genügt es nicht, Millionen zu erwirtschaften. Wenn ein anderer Milliarden scheffelt, lassen die Anleger den zweiten Gewinner fallen. Twitter ist ein Musterbeispiel für diese Denkart.
Twitter-Logo an der Wall Street: Eine halbe Milliarde ist nicht genug

Twitter-Logo an der Wall Street: Eine halbe Milliarde ist nicht genug

Foto: LUCAS JACKSON/ REUTERS

Berlin. Wenn man unbedingt eine Analogie bräuchte zu Twitter, die am wenigsten schlechte wäre: Berlin. Und das auf so vielen Ebenen. Es beginnt damit, dass es nicht jeder versteht. Die Nutzer halten sich für etwas Besonderes. Und sie sind auch etwas Besonderes, nur anders als sie selbst glauben. Es lebt von seiner Hipness und dem Gefühl für ganz bestimmte, superkommunikative Leute, sie müssten einfach da sein. Nicht alle wissen, warum. Viele Besucher kommen vorbei, fast ebenso viele gehen wieder. Und die meisten davon schauen sich nur mehr oder weniger stumm an, was da so für ein Trubel los ist. Wenn irgendwo auf dem Planeten etwas Relevantes geschieht - irgendwie gibt es dort immer ein Echo. Und schließlich tut man sich irgendwie schwer damit, richtig Geld zu verdienen.

Doof ist nur, dass Berlin, pardon - Twitter - an die Börse gegangen ist. Man könnte sagen: an die Börse geraten ist. Als schillernde, wirtschaftlich so halbfunktionierende, aber sexy Hauptstadt des Internet wäre Twitter kaum schlagbar gewesen. Direkt aus dem Börsengang von Twitter folgte der Niedergang, und dass Twitter in einem Niedergang befindlich ist, darauf weisen eine Menge Anzeichen hin. Der Ex-CEO Dick Costolo, fünf Jahre im Amt, wurde im Sommer 2015 ausgetauscht. Weil er, glaubten die Investoren, nicht genügend neue Nutzer begeistern konnte. Seine Börsenstory baute auf Massen und Massen von Nutzern und neuen Werbeformen auf, von interaktiver TV-Verquickung bis Multi-Geräte-Tracking.

Für Costolo kam einer der Twitter-Gründer, Jack Dorsey , dessen Hauptproblem es ist, dass er die Stelle nur halbtags ausführen kann. Gleichzeitig führt er nämlich ein zweites Milliarden-Start-up namens Square. Und er war bereits von 2006 bis 2008 CEO, musste diesen Posten aber wegen mangelnder Managementfähigkeiten verlassen. In seiner neuen Funktion kündigte er sogleich die Entlassung einer Reihe von Mitarbeitern an.

Aber das wichtigste Zeichen des Niedergangs ist ein - aus Sicht normaler Leute - völlig unerwartetes: Der durchaus spürbare Erfolg von Twitter. Das Start-up macht im Quartal mehr als eine halbe Milliarde Dollar Umsatz . Im Herbst 2014 waren es 361 Millionen Dollar, im 3. Quartal 2015 kam Twitter auf 569 Millionen Dollar, ein Wachstum von über 50 Prozent in einem Jahr. Bei über 300 Millionen Nutzern weltweit. Das sind ohne jeden Zweifel eindrucksvolle Zahlen, und zwar für alle Leute auf der Welt. Außer für Investoren. Den Schlüssel zum Verständnis des Niedergangs von Twitter hat am 30. August 2015 ein Kommentator des "Guardian"  in der Überschrift seines Kommentars perfekt erklärt: "Twitter funktioniert gar nicht schlecht, aber für Internetinvestoren ist alles außer der totalen Marktbeherrschung ein Desaster."

Schlechte Nachricht für die Netzökonomie

Das ist die Hauptursache für den Niedergang: Die einzige Story, die Twitter am Börsenmarkt erzählen kann, weil es die einzige Story ist, die Internetinvestoren akzeptieren, ist - "Wir werden das nächste Facebook". Damit ist die Auswahl der möglichen Erfolgspfade verengt auf einen einzigen. Deshalb wirft Twitter eine Neuentwicklung nach der anderen aus, die erkennbar auf die breite, weniger netzaffine Gruppe der Facebook-Nutzer zielt. "Dumbing down", würde man im Englischen sagen. Obwohl die Heavy-User und Fans der Plattform in erster Linie Multiplikatoren aller Art sind, ist Twitter zum medienrelevanten Privatnachrichtenticker geworden. Deshalb spielt Twitter nun an 500 Millionen nicht eingeloggte Seitenbesucher ebenfalls Werbung aus, was als schiere Verzweiflung gewertet werden muss. Denn Werbung lässt sich umso besser verkaufen, je mehr man über die Zielgruppe weiß, und über uneingeloggte, anonyme Besucher weiß man im Vergleich praktisch nichts.

Deshalb experimentiert Twitter mit der Abschaffung der chronologischen Ordnung der Beiträge, Twitter möchte noch facebookiger werden. Zur groben Einschätzung für Außenstehende: Das ist etwa, als würde Google überlegen, die Suchmaschine aufzugeben. Der Hintergrund: Facebook generiert enorme Umsätze, weil nicht die Chronologie, sondern ein Algorithmus bestimmt, was die Nutzer sehen. Und wer garantiert gesehen werden möchte - muss zahlen. Facebook ist so zum 300-Milliarden-Dollar-Koloss geworden, den Twitters Aktionäre so gern im eigenen Garten attackieren würden.

Dieser Umstand - dass für Twitters Aktionäre nichts zählt außer alles - ist eine schlechte Nachricht für die Netzökonomie. Das hat nicht etwa damit zu tun, dass eine neue Dotcom-Blase heraufziehen würde. Die jungen Unternehmen machen zwar selten Gewinne, aber haben oft große, substantielle Umsätze. Investor Marc Andreessen, einer der Urentwickler des ersten echten Browsers, rechnete im Sommer 2015 vor: Alle US-Unicorns (Start-ups, die mehr als eine Milliarde Dollar wert sind) sind zusammen immer noch weniger Wert als Microsoft . Stattdessen ist der Investitionsmarkt auf eine andere Art verbogen. Im Zeitalter des Plattform-Kapitalismus findet eine Verschiebung statt: man setzt auf wenige hypererfolgreiche Monopole statt vieler erfolgreicher Unternehmen. Es wird mehr und aggressiver investiert als je zuvor. Investoren wollen ihr eingesetztes Geld nicht mehr verdoppeln, verzehnfachen oder verzwanzigfachen - sondern vertausendfachen. So geschah es schließlich bei Google und Facebook. Deshalb haben die rund 800 Venturecapital-Unternehmen in den USA im Jahr 2014 fast 50 Milliarden Dollar Risikokapital verteilt . In Deutschland lag diese Zahl bei 1,3 Milliarden Euro .

Weltherrschaft oder Tod

Daraus ergibt sich eine paradoxe Situation, eine Art ökonomischer Megasandkasten, der unversehens zur Arena wird, in der auf Leben und Tod gespielt wird. In den ersten Jahren eines Start-ups sind die meisten wirtschaftlichen Maßstäbe komplett aufgehoben, weil nur die Vision eine Rolle spielt. Umsatz, Gewinn, Effizienz sind tendenziell irrelevant, mögliche Geschäftsmodelle fließen hin und her, solange sich "Traktion", also Nutzergunst einigermaßen nachweisen lässt. In dieser Phase könnte ein Start-up an jedes Fünf-Dollar-Produkt einen Zehn-Dollar-Schein drankleben und würde bei entsprechender Traktion trotzdem als Erfolg gefeiert.

Aber zu einem bestimmten Zeitpunkt kippt die Situation komplett und es geschieht, was jetzt mit Twitter geschieht. Investorenpistole auf die Brust, und dann Weltherrschaft oder Tod. Ein solcher unternehmerischer Druck muss nicht grundsätzlich schlecht sein, und man sieht am Silicon Valley, dass es in Sachen Innovationskraft ungeheuer gut funktioniert. Aber dieses Prinzip bringt besondere Unternehmen und auch besondere Unternehmer hervor: Alles-oder-Nichts-Spieler, Hochrisiko-Ritter, digitale Offensiv-Kapitalisten. Und das wiederum sind Leute, die ab Werk ständig in Gefahr sind, die Arschloch-Grenze zu überschreiten .

Twitter und seine Nutzer der ersten Stunde leiden darunter, dass das Unternehmen nur gut funktioniert, aber keinesfalls Mark Zuckerberg schlaflose Nächte bereitet. Nur 500 Millionen im Quartal? Die Investoren sind enttäuscht. Hätten sie mal nach Berlin geschaut; ihnen wäre klar geworden - es gibt die Schnellen, Leistungsfähigen, Erfolgreichen. Und es gibt die Berlinartigen. Hallo Twitter.

Tl;dr

"Twitter ist dazu verdammt, immerfort zu werden und nie zu sein." (Karl Scheffler, "Berlin - ein Stadtschicksal", 1910)

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Foto: SPIEGEL ONLINE
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