Überholspur im Internet Google dementiert vehement, Verizon nur halbherzig

Mehr als 20 Stunden brauchte Google für ein Dementi: Die "New York Times" hatte berichtet, dass sich die Suchmaschine durch einen Pakt mit dem Telekommunikationsunternehmen Verizon vom Prinzip der Netzneutralität verabschiede. Nach heftigen Protesten wies der Konzern das nun zurück.

Google-Chef Eric Schmidt: "dem offenen Internet verpflichtet"?
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Google-Chef Eric Schmidt: "dem offenen Internet verpflichtet"?

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Die Aussage an sich war klar: "Wir kommentieren das nicht und werden auch nichts dazu sagen", hieß es am Donnerstag, wenn man versuchte, von Google eine Stellungnahme zu einem Bericht der "New York Times" zu bekommen. Aus den viel beschworenen gut unterrichteten Kreisen wollte die "Times" höchst Konkretes von einiger Brisanz erfahren haben: Dass Google dabei sei, durch einen Vertrag mit dem US-Telekommunikationsunternehmen Verizon sich von der Netzneutralität zu verabschieden.

Das wäre gleichbedeutend damit gewesen, dass sich das Internet selbst zu verändern begänne, in ein Zwei-Klassen-Web finanzkräftiger Anbieter mit Daten-Vorfahrt einerseits - und den ganzen lahmen Rest anderseits. Alle Anfragen an Google, ob die Darstellung der "Times" korrekt sei, wurden mit einem "Kein Kommentar" beantwortet.

Was weltweit die Gerüchteküche anheizte. Hunderte von Medien berichteten, auch SPIEGEL ONLINE widmete dem Thema am Donnerstagmittag einen Artikel. Dann, gegen 17 Uhr deutscher Zeit, erfolgte aus der Google-Zentrale doch noch ein scheinbar klares Dementi:

"The New York Times is quite simply wrong. We have not had any conversations with Verizon about paying for carriage of Google traffic. We remain as committed as we always have been to an open Internet."

("Die 'New York Times' befindet sich schlicht im Irrtum. Es gab mit Verizon keine Diskussionen über Zahlungen für den Transport von Google-Daten. Wir bleiben der Idee des offenen Internet so verpflichtet, wie wir das immer waren.")

Wer da spricht, ist nicht klar, das Statement ist keiner bestimmten Person zugeordnet. Die Unternehmenskommunikation verweist jedoch auf einen alten Blog-Eintrag aus dem Oktober 2009, in dem sich Google-Chef Eric Schmidt und Verizon-Chef Lowell McAdam zum Prinzip des "offenen Internet" bekannten.

Auffällig ist dabei, dass der Begriff der Netzneutralität in Googles Dementi nicht fällt: Dementiert wird nur der Teilaspekt der angeblichen Zahlung für Daten-Vorfahrt. Auch David Fish, Pressesprecher von Verizon, dementiert den "NYT"-Bericht über den angeblichen Deal mit Google mit höchst diplomatischen Worten:

"The NYT article regarding conversations between Google and Verizon is mistaken. It fundamentally misunderstands our purpose. As we said in our earlier FCC filing, our goal is an Internet policy framework that ensures openness and accountability, and incorporates specific FCC authority, while maintaining investment and innovation. To suggest this is a business arrangement between our companies is entirely incorrect."

("Der Artikel der NYT über Gespräche zwischen Google und Verrizon sitzt einem Irrtum auf. Er missversteht unsere Ziele von Grund auf. Wie wir in unseren Statements gegenüber [der US-Regulierungsbehörde] FCC gesagt haben, ist unser Ziel ein internetpolitischer Rahmen, der Offenheit und Verantwortlichkeit sichert, einen bestimmten Einfluss der FCC einschließt, während er Investitionen und Innovationen gewährleistet. Zu suggerieren, das sei ein geschäftliches Arrangement zwischen unseren Firmen, ist völlig falsch.")

Ein Dementi, das sowohl bestätigt, dass die von der "New York Times" berichteten Gespräche zwischen Vertretern von Google und Verizon tatsächlich stattfanden, als auch, dass es um Fragen der Internet-Verkehrspolitik ging. Um Geld ging es laut Google dagegen nicht.

Irritierend an dem Vorgang ist einerseits die Länge der Zeit, die es brauchte, bis das Weltunternehmen Google überhaupt eine Antwort auf wahrscheinlich viele Hundert Medienanfragen fand. Zum anderen entpuppt sich das Dementi bei näherem Hinsehen als weit weniger klar, als es im ersten Augenblick scheint: Dass es nicht ums Geld ging, bedeutet nicht, dass die beiden Marktriesen nicht über eine Neuregelung der Verkehrsregeln im Web redeten.

Der Deal: Mobil-Web-Drosselungen zu beidseitigem Vorteil?

Keines der beiden Unternehmen hat bisher die Behauptung der "New York Times" dementiert, dass schon in der nächsten Woche Resultate aus den Gesprächen bekannt gemacht werden könnten. Wie die aussehen könnten, glaubt derweil die US-Nachrichtenagentur Bloomberg erfahren zu haben: Ihren Informationen zufolge sollen Google und Verizon zu einem Kompromiss gefunden haben, in dem sich Verizon verpflichtet, Google/Youtube-Verkehr im herkömmlichen Internet nicht zu drosseln. In Mobilnetzen hingegen soll der Deal Verizon das Recht zusichern, Datenraten für bestimmte Dienste nach Belieben zu dosieren.

Google und Verizon standen sich in der Debatte über Netzneutralität lange als Gegner gegenüber. Derzeit gehören sie zu einer Reihe von Unternehmen, die mit der US-Regulierungsbehörde FCC hinter geschlossenen Türen über die künftige Ausgestaltung des Netzneutralitätsgedankens, respektive die Regeln des Datenverkehrs diskutieren. Inzwischen gelten die beiden Unternehmen als Partner: Unter dem Dach von Verizon Wireless arbeiten die Unternehmen seit Oktober 2009 an gemeinsamen Diensten und Produkten. Eine gezielte Drosselung von Datenströmen bestimmter Dienste und Anbieter im Netz von Verizon Wireless würde wahrscheinlich Google eher nicht betreffen.

pat



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