Dezentrale Infrastruktur Warum das ukrainische Internet noch immer läuft
Start einer Rakete von SpaceX, mit der das Unternehmen von Elon Musk Satelliten für sein Satelliteninternet ins All schoss (Archivbild)
Foto: HANDOUT/ AFPEs ist ein mittelgroßes Wunder, dass in der Ukraine nach über einem Monat Angriffskrieg das Internet noch fast flächendeckend läuft, sowohl via Kabel wie auch mobil. Vor allem, weil angesichts der russischen Hacker-Kompetenz viele Laien, aber auch viele Fachleute zuvor eine Art Cyber-Armageddon erwartet hatten. Aber ein silberner, enorm kastiger Lieferwagen sorgt mit dafür, dass die Ukraine eine Chance gegen den russischen Angriffskrieg hat. Dieser Lieferwagen vom kalifornischen Stanford Research Institute (SRI) ist auch bekannt als »Packet Radio Van« . Er ist Teil eines vom Pentagon bezahlten Experiments, das am 22. November 1977 stattfand und für den Aufbau des Internets bis heute eine wichtige Rolle spielt.
Das Experiment diente dazu herauszufinden, welches Protokoll für die weitere Entwicklung der digitalen Vernetzung verwendet werden soll. Dabei testet eine Gruppe von Forschenden eine revolutionäre Technik: TCP (Transmission Control Protocol ). Protokolle sind Regelwerke, nach denen Nullen und Einsen zwischen Sender und Empfänger in einem Kommunikationsnetzwerk übertragen werden. Die TCP-Entwickler gehen davon aus, dass das Netzwerk selbst dabei eher »dumm« sein sollte und dafür die Endgeräte intelligent. Das verschiebt die Kontrolle über das Netzgeschehen drastisch in Richtung der Endanwender und erlaubt sogar, vergleichsweise einfach ganz unterschiedliche Teilnetze miteinander zu verbinden. TCP ist damit – im Zusammenspiel mit dem für das Internet ebenfalls wichtigen IP-Protokoll – ein technisches Monument der Dezentralität.
Die Forschenden, die vor 45 Jahren das TCP-Protokoll testen, treten mit ihrer Technik gegen ein Protokoll namens X.25 an, das von einer anderen Gruppierung vorgeschlagen und bevorzugt wird. Die Gruppierung steht der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) nahe, einer UN-Sonderorganisation, die für Informations- und Kommunikationstechnologien zuständig ist. Ihre Technik, X.25, geht (leicht vereinfacht) davon aus, dass die Intelligenz der Vernetzung im Netz liegen sollte und die Geräte am Ende »dumm« sind. Das kommt auch den Telefonkonzernen entgegen, die viel Geld mit ihrem alten Telefonnetz verdienen. Und da sind die Endgeräte nicht besonders intelligent, sie können also nur, was ihnen das Netz erlaubt (eine auf bestimmte Art eingegebene Nummer anrufen). Die Kontrolle und damit der größte Teil der Wertschöpfung liegt deshalb dort, wo die Netze kontrolliert werden, also in der Hand der Telefonkonzerne.
Ein Überraschungserfolg für einen Informatik-Pionier
Die TCP-Gruppe kommt aus dem universitären Umfeld, und ihr Ansatz entspricht dem Gegenteil des ITU-Ansatzes. Bei dem Experiment an jenem Novembertag vor 45 Jahren, mit dem sich TCP endgültig durchsetzen sollte, wird eine stabile Verbindung samt Datenübertragung mit drei Teilnehmern in drei verschiedenen Teilnetzen hergestellt. Mit dabei sind mehrere Universitäten und der Lieferwagen, der angebunden ist über das Radiowellen-gestützte PRNET, einem Urahn von WLAN und mobilem Internet. Um die Sache nicht zu einfach zu machen, fährt der Van in der Nähe von San Francisco über den Highway.
Der TCP-Mitentwickler, ein Informatiker namens Vint Cerf, ist erstaunt, dass seine Technik gleich beim ersten Versuch funktioniert hat. Der Datentransfer klappte auch noch überraschend schnell und ohne Verlust von Datenpaketen, berichtete Vint Cerf.
Das Protokoll TCP hat gewonnen. Wäre es anders gekommen, das Internet wäre vielleicht eine nicht besonders dezentrale Mischung aus Bildschirmtext, Fernsehen und Telefon. Und heute in der Ukraine längst abgeschaltet.
Kein sichtbarer Cyberwar in der Ukraine
Eine der größten Überraschungen des bisherigen Krieges ist die Abwesenheit eines (sichtbaren) umfassenden Cyberwar. Nicht, dass es keine Angriffe gibt, im Gegenteil. Gleich zu Beginn der Invasion etwa fielen in Deutschland die Fernsteuerungen vieler Windräder aus. Weil ein paar Technologie-Anbieter das gleiche Satellitennetzwerk benutzen wie das ukrainische Militär, das natürlich angegriffen wird. Immer wieder wird der ukrainische Netzverkehr, der sich gut messen lässt, für ein paar Stunden reduziert, vermutlich aufgrund von Cyberattacken . Es gilt daher als gesichert, dass im Hintergrund immer wieder Angriffe laufen.
Nicht alle Cyber-Attacken sollen gleich sichtbar sein, und sowohl Angreifer wie auch Angegriffene haben gute Gründe, nicht gleich PR-Meldungen über erfolgreiche Attacken herauszugeben. Noch dazu helfen große, internationale Konzerne wie Google der Ukraine bei der Cyberabwehr. Aber die Erwartung, wie ein russischer Krieg im 21. aussehen sollte, war anders, ein amerikanischer General sprach mal öffentlich von einem »Cyber-Pearl Harbour« .
Für die nach wie vor funktionierende, digitale Infrastruktur der Ukraine gibt es natürlich mehrere Gründe. Zum Beispiel, dass die Kriegsplanung der Russen vorsah, das Land blitzschnell einzunehmen. Und dann braucht man die Infrastruktur ja selbst. Als dieser Plan scheiterte, war es für die Vorbereitung ausgeklügelter Cyberattacken schon zu spät, für Überraschungsangriffe ohnehin.
Eine weitere Rolle könnte spielen, dass schon sehr früh das Kommunikationssystem der russischen Armee weitgehend versagt hat und sie deshalb selbst auf die Nutzung ukrainischer Infrastruktur angewiesen war und noch ist. Dafür spricht, dass der ukrainische Geheimdienst immer wieder militärische Kommunikation der russischen Streitkräfte abfangen kann – weil sie offenbar über ukrainische Infrastrukturen abgewickelt werden.
Das Netz der Ukraine ist besonders dezentral
Aber der ausschlaggebende Grund dafür, dass in der Ukraine nach knapp fünf Wochen Krieg das Internet noch läuft, ist die Dezentralität, die 1977 mit der Entscheidung für TCP ins Internet eingebrannt wurde. Inzwischen ist das Netz gar nicht mehr zwingend überall so unglaublich dezentral – in der Ukraine aber schon. Nur drei Länder weltweit haben laut der Wirtschaftszeitschrift »Economist« einen noch weniger konzentrierten Internet-Markt.
Es gibt in der Ukraine eine enorm hohe Zahl an Internet-Providern, die oft voneinander unabhängige Infrastrukturen betreiben. Glasfaserkabel wurden nicht selten doppelt und dreifach für die gleiche Region verlegt, samt einer Vielzahl kleinerer Knotenpunkte statt weniger großer, ganz nach Art der Dezentralität. In gewisser Weise hat die Ukraine die Lehren des 22. November 1977 ernst genommen. Spätestens seit dem russischen Überfall auf die Krim bereitet sich die Ukraine auch auf Angriffe auf die digitale Infrastruktur vor, da hilft die Dezentralität enorm.
Die Ukraine ist aber auch deshalb weiter online, weil selbst im Bombenhagel Techniker*innen ausrücken, und kaputte Leitungen und Funkstationen reparieren . Und sogar noch in unerhörter Geschwindigkeit neue Stationen aufstellen. Der Provider Kyjiwstar hat inzwischen über 200 Bunker quer durch die Ukraine vernetzt.
Eine besondere Rolle spielt die Firma Starlink, die einen Internet-Zugang über ihr Satellitennetzwerk anbietet. Der ukrainische Minister für digitale Transformation, Mychajlo Fedorow, hatte zu Beginn des Krieges Elon Musk angetwittert, der die Mutter von Starlink, SpaceX, als größter Anteilseigener kontrolliert. Musk reagierte, versprach auf Twitter, die Ukraine online zu halten und sendete innerhalb von wenigen Stunden die ersten Terminals in die Ukraine, die sich mit den fast 2000 Starlink-Satelliten verbinden und dann jeweils lokale Netzwerke mit Internetanbindungen versorgen können . Inzwischen sind mehrere tausend Starklink-Terminals im Einsatz.
Die digitale Vernetzung hilft bei der Gegenwehr
Was mit dem Packet Radio Van angefangen hat, sorgt inzwischen in der Ukraine für Hoffnung. Denn die funktionierende digitale Vernetzung trägt erheblich zur ukrainischen Gegenwehr bei. Die Bilder und Videos aus den zerbombten Städten fachen die internationale Diskussion an, erhöhen zugunsten der Ukraine den Druck der Öffentlichkeit in den liberalen Demokratien Europas und sickern sogar ins zensierte Russland ein.
Die Internet-Kommunikation in der Ukraine, etwa durch »Warfluencer« und Soldat*innen selbst, hilft nicht nur bei der Kampfmoral, sie ist auch die Basis für OSINT, also Open Source Intelligence. Dieser Begriff skizziert eine neue Größe im Informationskrieg und damit im Krieg insgesamt. Es handelt sich meist um Gruppen interessierter Zivilisten, die gemeinsam öffentlich im Internet verfügbare Informationen auswerten, um an kriegswichtige Erkenntnisse zu gelangen.
Sie finden heraus, wann und wo ein Foto geschossen wurde, was für Waffensysteme in aktuellen Videos zu sehen sind und wo sie gefilmt wurden, welche Truppenbewegungen gerade stattfinden, welche Munition bei Angriffen verwendet werden und so fort. Schon Stunden vor der russischen Invasion stellten OSINT-Expert*innen fest, dass auf den späteren Angriffsrouten Staus bei Google Maps angezeigt wurden. Google misst, wie viele Android-Smartphones auf den Straßen unterwegs sind.
Dabei geht die zivile Informationsbeschaffung offensiv und clever vor, ukrainische Frauen erstellen in der Dating-App Tinder Profile, in denen sie behaupten, auf der Seite der russischen Soldaten zu stehen. Über die eingebaute Entfernungs- und Ortsangabe bei Tinder bekommen sie Informationen über deren Truppen-Standorte. Die ukrainische Regierung hat sogar eine App umfunktioniert, die zuvor für die Organisation von Coronatests gedacht war . Inzwischen können die Ukrainer*innen dort melden, wo sie welche russischen Fahrzeuge gesichtet haben. Woraus eine Beinahe-Echtzeit-Karte der russischen Truppenbewegungen entsteht.
Das Internet wurde bekanntlich im Kalten Krieg vom US-Militär geplant, um eine Kommunikationsinfrastruktur aufzubauen, die auch russischen Atombomben widersteht. 45 Jahre nach dem Lieferwagen-Experiment kommt das Netz ziemlich nah an diesen Zweck heran.
Anmerkung der Redaktion: In einer älteren Version dieses Textes wurde der Aspekt der vielen kleinen Netz-Knotenpunkte in der Ukraine nicht erwähnt. Für die Dezentralität des Netzes ist das Zusammenspiel von TCP mit dem IP-Protokoll wichtig. Das haben wir nachgetragen.