Akku-Austausch und Streaming-Auflösung Umweltministerin nennt 72 Maßnahmen für "grüne" Digitalisierung

Smartphones, Streaming, Rechenzentren - die Digitalisierung ist ressourcenintensiv und damit potenziell klimaschädlich. Umweltministerin Svenja Schulze hat Fachleute einen Katalog mit Gegenmaßnahmen erstellen lassen.
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Bundesumweltministerin Svenja Schulze hält die Digitalisierung für einen potenziellen "Brandbeschleuniger" des Klimawandels. Schon 2025 könnten durch die Digitalisierung mehr Treibhausgase ausgestoßen werden als durch den Autoverkehr, sagte sie am Montag. Die SPD-Politikerin nimmt deshalb Hardware-Hersteller, Rechenzentrumsbetreiber und Cloud-Dienstleister in den Blick, aber auch den Bund selbst.

72 Maßnahmen enthält daher ihre Umweltpolitische Digitalagenda . Manche sind bereits angelaufen, andere sollen "neu initiiert werden", der Rest muss erst noch entwickelt werden. Nicht alle könnte die Bundesregierung allein beschließen, ohne die EU wird es nicht gehen. Die Bundesregierung könne aber Akzente setzen, sagte Schulze, wenn Deutschland in diesem Juli den Vorsitz im EU-Rat übernehme.

Einige der vorgesehenen Maßnahmen im Überblick:

  • Smartphones und Tablets sollen langlebiger werden. Dafür sollen Akkus und Bildschirme leichter austauschbar werden, was allerdings zur Folge haben könnte, dass die Geräte klobiger, zerbrechlicher und weniger gut vor Wasser und Staub geschützt sind. Ersatzteile sollen länger und günstiger zur Verfügung stehen, Reparaturen günstiger werden. Über die EU will Schulze erreichen, dass alle Hersteller verbindliche Aussagen zur Lebensdauer ihrer Produkte machen müssen und Kunden ein Recht auf Reparatur bekommen. Letzteres ist oft schon üblich.

  • Im Onlinehandel wünscht Schulze sich einen "Blauen Engel" - einen Öko-Wegweiser für Kunden, die nachhaltig einkaufen wollen. Darunter fiele etwa die Möglichkeit, gezielt nach umweltfreundlichen Waren zu suchen. Im Supermarkt sei ja auch deutlich erkennbar, wo die Bio-Produkte liegen. Darüber wolle sie mit den Händlern sprechen, kündigte sie an.

  • Beim Streaming vor allem auf Handys oder Tablets sollte aus Sicht der Ministerin nicht unbedingt die höchste Auflösung der Standard sein, sondern jene, "die zum Endgerät passt und für das menschliche Auge überhaupt wahrnehmbar ist".

  • Eine weitere Baustelle sind Rechenzentren. Bis 2021 soll das Umweltbundesamt herausfinden, wie viele größere Rechenzentren es in Deutschland gibt, bisher gibt es dazu keine Angaben. Mittelfristig will Schulze Vorschriften zur Effizienz sehen. Ziel ist, dass die Zentren mit Ökostrom laufen, möglichst wenig Strom brauchen und Abwärme zum Heizen genutzt wird. Google, Amazon und Microsoft behaupten schon seit Jahren, dass ihre Rechenzentren CO2-neutral betrieben werden, tatsächlich aber erkaufen sich die Unternehmen diese Bilanz nicht zuletzt mit sogenannten Renewable Energy Certificates (RECs), wie "Wired" im Dezember berichtete . Das ist nicht gleichbedeutend mit dem tatsächlichen Betrieb der Rechenzentren durch erneuerbare Energien, sondern entspricht dem Kauf von Ökostrom irgendwo auf der Welt.

  • Aber auch die IT-Beschaffung des Bundes soll angepasst werden. Schulze hat die "Berücksichtigung der ökologischen Auswirkungen der Herstellungs-, Nutzungs-, Verwertungs- und Entsorgungsphasen vor strategischen Entscheidungen zum IT-Einsatz des Bundes" als Ziel ausgegeben.

Fachleute waren ins Erarbeiten der Maßnahmen eingebunden, andere Ministerien hingegen nicht - mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) wolle sie nun reden, sagte Schulze.

pbe/dpa