Urheberrechts-Kampagne Verleger spricht von "Pogromstimmung"

Mit drastischen Worten protestiert der Verleger Helge Malchow gegen eine Adresssammlung. Die Kontaktdaten von Unterzeichnern eines Pro-Urheberrechts-Aufrufes stehen im Web, Verleger drohen mit juristischen Schritten. Die mutmaßlichen Ersteller verteidigen die Aktion.
Urheber-Aufruf: "Historische Errungenschaft"

Urheber-Aufruf: "Historische Errungenschaft"

Berlin - Die Netzaktivisten bedienten sich Taktiken, die man aus totalitären Staaten kenne, sagte der Verleger Helge Malchow (Kiepenheuer & Witsch) im Deutschlandradio Kultur. Vor einigen Tagen war im Netz eine Liste mit Adressen und anderen Kontaktdaten einiger Künstler aufgetaucht, die einen Aufruf zur Stärkung des Urheberrechts unterzeichnet hatten.

Auch die Verleger wollten die neuen Möglichkeiten des Internets nutzen, sagte Malchow: "Nur kann das nicht auf der Basis von 'Kinder-Kommunismus' geschehen", bei dem Inhalte umsonst genutzt würden, weil das technisch möglich sei.

Aktivisten unter dem Banner der Netzbewegung "Anonymous" hatten Adressen und Telefonnummern von mehr als 50 Künstlern zusammengetragen. Die dort Aufgelisteten zeigten sich empört. Malchow und andere Vertreter von Verlagen haben der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zufolge angekündigt, mit juristischen Mitteln gegen die Veröffentlichung vorgehen zu wollen. Malchow sprach demnach von "Pogromstimmung", in einem "Jargon der Unmenschlichkeit" würde im Internet über Autoren, Künstler und Verwerter hergezogen.

Ob die Veröffentlichung allerdings tatsächlich strafbar ist, ist derzeit unklar. Die veröffentlichten Adressen und Kontaktdaten scheinen zumindest überwiegend aus ohnehin öffentlich zugänglichen Quellen zu stammen.

Am Montag wurde eine einlenkende Stellungnahme veröffentlicht. Dort räumen Ungenannte ein, dass die Veröffentlichung "auf den ersten Blick bedrohlich" wirkte. Das Ziel sei jedoch Medienaufmerksamkeit gewesen. Auf Twitter und anderswo fand die Veröffentlichungsaktion wenige Fürsprecher. Viele, die durchaus dem Kreis der Netzaktivisten zugerechnet werden können, distanzierten sich energisch von der Publikation der Liste.

Die mutmaßlichen Urheber verteidigen sich nun: "Fakt ist bei dieser Geschichte, dass niemand bedroht wird und Anonymous auch niemals dazu aufrufen würde, jemanden zu bedrohen", heißt es in dem Schreiben . Anonymous ist eine lose Bewegung, der sich jeder anschließen kann. Eine zentrale Koordination gibt es nicht, jeder Einzelne kann jederzeit im Namen von Anonymous handeln.

Die veröffentlichten Daten seien öffentlich zugänglich gewesen. Sie seien "aus Online-Telefonbüchern, Wikipedia-Profilen und Impressen der Künstler-Webseiten kopiert" worden. Registriert beispielsweise jemand eine Website, ist dessen Adresse über die zentrale Registrierungsstelle für Seiten mit der Endung .de (Denic) abrufbar. Auch Web-Adressen mit anderen Endungen wie .com oder .org werden in der Regel namentlich registriert, die Registrierungsdaten sind über entsprechende Dienste online nachschlagbar.

Der Koordinator der Urheber-Aktion, der Literaturagent Matthias Landwehr, hatte die Veröffentlichung der Daten heftig kritisiert und von Bedrohung gesprochen. Auch der Deutsche Journalistenverband reagierte entsetzt. Durch die Aktion solle die Diskussion um das Urheberrecht abgewürgt werden.

cis/dapd
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