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US-Militär WikiLeaks-Sprecher kündigt neues Enthüllungsvideo an

Mit der Veröffentlichung eines US-Militärvideos aus dem Irak hat WikiLeaks weltweit für Schlagzeilen gesorgt - jetzt legen die Macher der Website nach: Im SPIEGEL-ONLINE-Interview kündigt Sprecher Daniel Schmitt eine neue Enthüllung an und erklärt, wie das Netzwerk arbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Herr Schmitt, mit Ihrer Enthüllungs-Website WikiLeaks sorgen Sie immer wieder für Aufsehen, jüngst mit einem Video, das zeigt, wie US-Piloten in Bagdad Zivilisten erschießen. Anders als bei früheren Aufnahmen haben Sie dieses Video mit Kommentaren und einer starken Wertung versehen. Warum haben Sie die neutrale Position aufgegeben und sich damit selbst angreifbar gemacht?

Schmitt: Aus meiner persönlichen Sicht ist das tatsächlich ungünstig gelaufen. Wir versprechen unseren Quellen, dass wir den politischen Einfluss, den eine Veröffentlichung entfalten kann, maximieren. Unsere Erfahrung ist aber, dass eine Enthüllung oft untergeht, wenn wir nicht im Vorfeld mit Medien kooperieren oder zumindest nach der Veröffentlichung Medien darauf aufmerksam machen. Wir suchen noch den optimalen Weg, wie wir unser Material am besten unter die Leute bringen.

SPIEGEL ONLINE: Diesmal haben Sie sich offensichtlich für eine eindeutig wertende Präsentation entschieden.

Schmitt: WikiLeaks hat zusätzlich ja auch das Originalvideo in voller Länge publiziert. Aber die Grenze zwischen dem Rohmaterial einerseits und dem journalistischen Beitrag "Collateral Murder"  andererseits wurde nicht klar genug gezogen.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie die Gefahr, dass WikiLeaks durch derart wertende Beiträge seinen Nimbus als neutrale Plattform verliert?

Schmitt: Dieses Problem besteht vielleicht. Wir müssen in Zukunft sicherstellen, dass wir diese Linie klarer ziehen.

SPIEGEL ONLINE: Gab es über diese Frage intern Streit?

Schmitt: Wir streiten uns nicht, sonst kämen wir mit den geringen Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen, nicht voran. Aber wir lernen aus unseren Fehlern.

SPIEGEL ONLINE: War die öffentlichkeitswirksame Präsentation des Irak-Videos nicht einfach ein Versuch, die Spenden für die Plattform zu erhöhen?

Schmitt: Nein. Was Spenden angeht, sind wir in einer soliden Position für das kommende Jahr. Wir haben Besucher der Seite von Anfang an aufgefordert, sich mit Spenden zu beteiligen. Im vergangenen Dezember haben wir die Seite in eine Art Streikbetrieb genommen und unseren Nutzern damit klar kommuniziert: Wir brauchen mehr Geld. Seitdem haben wir etwa 350.000 Euro eingenommen, das ist viel für uns. Der Zeitpunkt der jetzigen Videoveröffentlichung hat damit also nichts zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Spenden sind denn seit der Veröffentlichung des Videos dazugekommen?

Schmitt: In den ersten fünf Tagen haben wir etwa 100.000 Euro bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Das ist beachtlich. Zahlt WikiLeaks Ihnen ein Gehalt?

Schmitt: Nein, wir arbeiten alle ehrenamtlich. Anfang 2009 habe ich meinen Beruf aufgegeben, seither lebe ich von meinen Ersparnissen. Wir hoffen, dass wir uns künftig finanzieren können, aber die vergangenen zweieinhalb Jahre habe ich nichts bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie hoffen, dass WikiLeaks Ihnen eines Tages ein Gehalt zahlt?

Schmitt: Ja. Keiner von uns hat den Anspruch, damit reich zu werden, aber ich muss ja meine Lebenshaltungskosten decken.

SPIEGEL ONLINE: Welche Enthüllung steht als nächste an?

Schmitt: Wir haben ein weiteres Video aus Afghanistan, das zeigt, wie Zivilisten Opfer einer Militäraktion werden. Es stammt aus militärischen Beständen, muss aber erst noch entschlüsselt werden - genau so wie das Video aus dem Irak.

SPIEGEL ONLINE: Um was für eine Militäraktion handelt es sich?

Schmitt: Es geht wieder um amerikanische Truppen. Mehr kann ich jetzt noch nicht sagen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Material, das Sie nicht veröffentlichen würden?

Schmitt: Wir veröffentlichen nur Dokumente, die nachprüfbar und gleichzeitig Teil einer dokumentierten Geschichte sind. Wir publizieren nichts, was die jeweilige Quelle, von der wir das Material bekommen, selbst verfasst hat, denn das birgt die Gefahr der Beeinflussung. Wenn Sie einen Brief schreiben, indem Sie Ihren Arbeitgeber beschimpfen, wird WikiLeaks ihn nicht publizieren. Wir würden auch kein Material veröffentlichen, das Leben oder Gesundheit eines Menschen gefährden könnte.

SPIEGEL ONLINE: Aber WikiLeaks hat die Namen und Adressen aller Mitglieder der rechtsextremen British National Party (BNP) veröffentlicht.

Schmitt: Ich persönlich hatte dabei Bauchweh, weil ich dachte: Wer weiß, was jetzt passiert? Vielleicht wird jemand angegriffen oder ein wütender Mob geht in England auf die Straße. Aber genau das Gegenteil ist eingetreten: Es ist alles friedlich verlaufen, und zum ersten Mal überhaupt gab es in England eine Debatte, warum diese Menschen eine rechtsextreme Einstellung haben, was sie so frustriert, dass sie sich der BNP anschließen.

SPIEGEL ONLINE: Aber eine Gefahr für Leib und Leben der BNP-Mitglieder konnten Sie nicht ausschließen.

Schmitt: Wir haben alle Mitglieder vorher angeschrieben und ihnen erklärt, dass wir diese Liste veröffentlichen werden. Die Reaktionen waren überwiegend sehr positiv, obwohl die Parteiführung verärgert war. Viele Parteimitglieder haben uns in E-Mails geschrieben, sie seien froh darüber, dass nun eine offene Debatte geführt werde.

"Zwei von uns wurden erschossen"

SPIEGEL ONLINE: Wer entscheidet bei WikiLeaks überhaupt, was veröffentlicht wird und was nicht?

Schmitt: Wenn etwas den Kriterien entspricht, dann wird es veröffentlicht.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt sehr vage. WikiLeaks-Mitbegründer Julian Assange hat der Londoner "Times" gesagt, er selbst treffe die endgültige Entscheidung, welches Dokument "authentisch" sei und welches nicht. Wird WikiLeaks autokratisch regiert?

Schmitt: Als unser investigativer Kopf ist Julian natürlich in die Entscheidung involviert. Aber wir beziehen auch externe Experten ein.

SPIEGEL ONLINE: Aber wenn Julian Assange sagt, "ich glaube nicht an dieses Material", wird es nicht veröffentlicht?

Schmitt: Bisher hatten wir noch keinen Fall, bei dem er sich mit allen anderen uneins gewesen wäre und dann eine diktatorische Entscheidung getroffen hätte. Das halte ich auch künftig für ausgeschlossen. Wir diskutieren jeden Fall: Außer Julian und mir gibt es noch drei Vollzeit-Kollegen - und unser loses Netzwerk von knapp tausend Spezialisten, die wir bei konkreten Fragen einbeziehen. Außerdem haben wir ein technisches Team, das abgekoppelt von allen anderen arbeitet. Nicht mal ich habe Kontakt zu denen.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach Geheimdienstmethoden.

Schmitt: Wenn Sie eine nicht zensierbare Plattform aufbauen wollen, müssen Sie sicherstellen, dass nicht mal jemand wie ich die Standorte alle Server kennt. Mich könnte ja jemand dazu zwingen, die Standorte zu verraten, im schlimmsten Fall, indem er mich foltert.

SPIEGEL ONLINE: Fürchten Sie, dass es dazu kommen könnte?

Schmitt: In Deutschland halte ich das für extrem unwahrscheinlich. Aber in Afrika gab es schon Übergriffe auf Menschen, die mit uns zusammenarbeiten. Zwei Menschenrechtsanwälte haben mit ihrem Leben bezahlt, sie wurden in Kenia auf offener Straße erschossen, nachdem sie in Zusammenarbeit mit uns einen Bericht über politische Morde durch die Polizei veröffentlicht hatten.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie meinen, Ähnliches könnte auch bei anderen Fällen passieren? Haben Sie selbst beispielsweise Angst, entführt zu werden?

Schmitt: Wir müssen uns in jedem Fall auf eine Situation vorbereiten, in der wir ein derart brisantes Dokument zugespielt bekommen, dass jemand ein echtes Problem hat. Das Irak-Video und auch einige unserer in Zukunft geplanten Veröffentlichungen bringen Geheimdienste in die Bredouille. Und die arbeiten potentiell auch mit solchen Methoden.

SPIEGEL ONLINE: Verfolgen Sie mit WikiLeaks also eine politische Agenda?

Schmitt: Nein. Unsere Agenda besteht darin, dass wir die Wirkung, die das jeweilige Material hat, maximieren. Das ist weder links noch rechts. Wir sind neutral gegenüber dem Inhalt des Materials - wir wollen nur, dass er möglichst viel Positives bewirkt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in der Vergangenheit die Kinderpornografie-Sperrlisten mehrerer Länder veröffentlicht...

Schmitt: ...ja, aus Dänemark, Norwegen, Finnland, Australien und anderen Ländern.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben das so begründet: Die Listen würden zeigen, dass dort viele Web-Seiten auftauchen, die gar keine Kinderpornografie enthalten. Nehmen wir einmal an, jemand spielt Ihnen einen Katalog mit konkreten Bilddateien zu, die für Fahndungszwecke gespeichert wurden. Nehmen wir an, darunter wären brutale kinderpornografische Abbildungen, aber auch relativ harmlose Bilder. Würden Sie dieses Bildmaterial mit derselben Begründung veröffentlichen?

Schmitt: Ich würde das nicht als Dokument im eigentlichen Sinn betrachten. Darüber müssten wir reden, das kann ich so nicht beantworten.

SPIEGEL ONLINE: Ein anderes fiktives Beispiel: Nehmen wir an, jemand spielt Ihnen ein Dokument zu, das ein Geheimdienst erstellt hat und das die Namen aller Mitarbeiter von WikiLeaks enthält. Würden Sie es veröffentlichen?

Schmitt: Wir müssten sicherstellen, dass alle diese Leute informiert werden - und ja: Dann müssten wir die Liste publizieren.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Ihnen Transparenz so wichtig ist - warum veröffentlichen Sie die WikiLeaks-Mitgliederliste nicht einfach selbst?

Schmitt: Darauf arbeiten wir hin. Aber wir brauchen Mechanismen, die sicherstellen, dass wir damit unsere Quellen - übrigens auch technische Hilfsmittel - nicht gefährden. Solange wir diese Sicherheit nicht haben, müssen wir auf eine gewisse Obskurität als Sicherheitsmechanismus vertrauen. Es ist aber nur eine Frage der Zeit und der Ressourcen, dass sich das ändert.

Das Interview führte Christian Stöcker
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