Abstimmung auf Uralt-Rechnern So angreifbar sind die Wahlcomputer der USA

Könnte die Wahl in den USA manipuliert worden sein? Experten halten einige Typen von Wahlcomputern für extrem anfällig. Die Geräte sind veraltet, Sicherheitsmaßnahmen lassen sich mit einfachen Tricks aushebeln.

Wahlcomputer bei der US-Wahl (in Las Vegas)
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Wahlcomputer bei der US-Wahl (in Las Vegas)

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Computer in der Wahlkabine haben einige Vorteile gegenüber traditionellen Systemen: Statt Kreuze auf unhandlich lange Wahlzettel zu kritzeln, geben die Wähler ihre Stimme per Fingertipp auf einem Touchscreen ab. Wegen zu vieler oder zu weniger Kreuze ungültige Stimmabgaben können verhindert werden. Jedes Votum wird sofort registriert, die Auszählung kann automatisch und in Sekundenschnelle erfolgen.

Doch unfehlbar sind solche Systeme nicht. IT-Experten stellen den bei den Präsidentschaftswahlen in den USA eingesetzten Wahlcomputern ein vernichtendes Zeugnis aus. Das Vertrauen in die digital erfassten Ergebnisse ist so gering, dass sowohl Hillary Clinton als auch Donald Trump die Abstimmung anzweifeln, sodass die Stimmen im Bundesstaat Wisconsin nun neu ausgezählt werden.

Die Debatte über einen mutmaßlichen Wahlbetrug hatte der Computer-Wissenschaftler J. Alex Halderman angestoßen. Bei einer Stichprobe stellte er Unregelmäßigkeiten in drei Bundesstaaten fest - und riet dazu, die Stimmen neu auszuzählen. Seit Jahren weisen er und sein Team darauf hin, dass Wahlmaschinen eben Computer seien, die sich umprogrammieren lassen. "Wenn Angreifer die Software verändern können, indem sie Malware einspielen, dann können sie die Maschinen auch dazu bringen, jedes beliebige Ergebnis anzuzeigen", schreibt Halderman in einem Beitrag bei "Medium".

Das System ist nicht einheitlich

Neben der Briefwahl und der klassischen Abgabe des Stimmzettels werden in US-Bundesstaaten vor allem drei Arten von Wahlmaschinen eingesetzt. Welche dieser Computer zugelassen werden, entscheidet jeder Staat selbst:

  • Wahlgerät mit Scanner: Die Wähler geben ihre Stimme auf einem Stimmzettel ab, der eingescannt und elektronisch erfasst wird. Der Wahlzettel wird aber zusätzlich archiviert, damit die Stimmen bei Bedarf mit dem digitalen Ergebnis abgeglichen werden können.
  • DRE-Wahlgerät mit Beleg: Die sogenannten Direct-Recording-Electronic (DRE)-Wahlmaschinen sind am leichtesten zu bedienen. Per Touchscreen oder Knopfdruck geben die Wähler ihre Stimme im Wahllokal ab. In den Wahlcomputern stecken Rollenpapierdrucker, wie man sie aus Registrierkassen kennt. Sie drucken aus, wem der Wähler seine Stimme gegeben hat. Bevor der Papierstreifen in der Maschine archiviert wird, muss man bestätigen, dass der Ausdruck korrekt ist. Tut man das nicht, wird er als ungültig markiert und man kann seine Stimme erneut abgeben. Das System wird als Voter-Verified Paper Audit Trail (VVPAT) bezeichnet.
  • DRE-Wahlgerät ohne Beleg: Bei einigen DRE-Geräten wird die Stimmabgabe lediglich elektronisch auf der Speicherkarte im Wahlcomputer gesichert. Eine VVPAT-Quittung wird nicht gedruckt. Eine spätere manuelle Auszählung ist somit nicht möglich. Diese Geräte gelten als besonders anfällig für Betrugssoftware.

Wie leicht sich DRE-Geräte austricksen lassen, haben Halderman und seine Kollegen bereits vor Jahren in einem YouTube-Video vorgeführt. Dennoch nutzen immer noch viele Bundesstaaten wie Wisconsin, Pennsylvania, Louisiana und Georgia die Problemgeräte ohne VVPAT.

Dabei sind diese Geräte für Manipulationen via Internet anfällig, obwohl sie selbst gar nicht vernetzt sind. Das Problem: In den Wahllokalen selbst werden die digitalen Wahlzettel auf Speicherkarten kopiert, welche in die Wahlcomputer eingesteckt werden. Da diese Arbeit auf Windows-Rechnern erledigt wird, die mit dem Internet verbunden sind, ist denkbar, dass auf eben diese PC eine Schadsoftware eingeschleust wird, die sich auf die Speicherkarten und von dort in die Wahlcomputer kopiert.

Technik aus den Neunzigerjahren

Wenn man sich die Maschinen in vielen Wahllokalen genauer anschaut, müssen die Angreifer nicht einmal auf dem neuesten Stand sein, um die Rechner zu manipulieren. Laut einer Studie des Forschungsinstituts Brennan Center for Justice werden bei US-Wahlen Computer eingesetzt, die in den Neunzigern gebaut wurden. Die Autoren der Studie stellten erhebliche Sicherheitslücken bei den Uraltrechnern fest. Die Geräte sind so alt, dass es für sie weder Ersatzteile noch Softwareupdates gibt.

Die Sicherheitsprobleme bei den Wahlrechnern seien "haarsträubend", sagt Informatik-Professor Peter Purgathofer von der Technischen Universität in Wien. "Sie zeigen, wie kurzsichtig es ist, Computer bei Wahlen einzusetzen." Das beste Wahlsystem sei immer noch Papier. Um bei diesem Medium flächendeckende Manipulationen zu ermöglichen, müsse man eine große Anzahl von Wahlleitern und Helfern überzeugen, die Ergebnisse zu fälschen. Ein Wahlcomputer lasse sich leichter überlisten. "Solange Software von Menschen geschrieben wird, ist sie fehlerhaft", sagt Purgathofer.

Betrugssoftware wie beim VW-Skandal

Auch der IT-Sicherheitsexperte Jörn Müller-Quade befürchtet, dass sich die Gefahr von Hackerangriffen auf Wahlcomputer niemals komplett ausschließen lässt. "Eine Manipulation kann stark erschwert, aber nicht prinzipiell verhindert werden", sagt der Professor für IT-Sicherheit. Man könne immer nur hoffen, dass der Computer richtig funktioniert.

Ob dem so ist, lasse sich aber nur schwer erkennen, wenn die Betrüger etwa eine Software aufspielen, die bei Tests optimal funktioniere, bei der Wahl aber in einen Betrugsmodus umschalte, so wie es beim VW-Dieselskandal der Fall war. Wenn sich die Schadsoftware dann auch noch nach der Wahl selbst löscht, lasse sich die Manipulation kaum noch nachvollziehen.

Eine Wahl per Touchscreen hält der Sicherheitsexperte in Deutschland in den kommenden Jahren für ausgeschlossen, weil das Bundesverfassungsgericht im Jahr 2009 Wahlcomputern eine klare Absage erteilt hat. "Eine Maschine in der Wahlkabine ist zur Zeit in Deutschland undenkbar", urteilt Müller-Quade.

insgesamt 18 Beiträge
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CaptainSubtext 02.12.2016
1.
Das sind doch Nebelkerzen. Prinzipiell sollte man zwar auf Wahlcomputer verzichten, da sie Wahlen intransparent und nicht nachvollziehbar machen. Die Probleme in den USA fangen aber vorher an. Den Republikanern wird vorgeworfen Minderheiten die Stimmabgabe spezielle Minderheiten zu erschweren. Den Demokraten wird vorgeworfen mit gefälschten Wahlregistern und Nicht-Bürgern Stimmen zu erlangen. Das sind die eigentlichen Probleme.
Das Pferd 02.12.2016
2.
ein weiterer Punkt ist, daß der Vorgang in transparent erscheint. Objektiv ist er es wohl auch, aber das ist hier nicht mein Punkt. Es tut der Demokratie nicht gut, wenn der Vorgang den Menschen nicht nachvollziehbar erscheint.
horstenporst 02.12.2016
3. Nicht der entscheidende Punkt
Die Kritik an den Wahlcomputern ist berechtigt, aber nicht der entscheidende Punkt. Viel wichtiger ist das viele abgegebene Stimmen schlicht nicht gezählt werden. SPON könnte seine Leser ja mal über "provisional ballots", "interstate crosscheck" und ähliche Absurditäten informieren. http://www.truth-out.org/news/item/38553-the-no-bs-inside-guide-to-the-presidential-vote-recount
ackergold 02.12.2016
4.
IT-Experten stellen den bei den Präsidentschaftswahlen in den USA eingesetzten Wahlcomputern ein vernichtendes Zeugnis aus? Das reicht eigentlich schon, um das Wahlergebnis anzuzweifeln. Damit steht in meinen Augen fest, dass die Wahl ohne Schwierigkeiten manipuliert werden kann. Seit Clappers Aussagen wissen war dazu auch noch, dass alles gemacht wird, was gemacht werden kann. Ich habe kaum Zweifel daran, dass solche Wahlcomputer ungeeignet sind, um in demokratischen Staaten Wahlen abzuhalten.
Georg_Alexander 02.12.2016
5. Der Verdacht der Manipulationsmöglichkeit reicht schon
dass die Wahlmaschinen ungeeignet für eine sichere Stimmabgabe sind. Völlig unverständlich, dass die amerikanische Verfassung, Wahlgesetzgebung, was auch immer, dies toleriert! Aber neben der Cholera gibt es auch noch die Pest: Durch komplizierte Wahlregistrierung scheint es auch noch möglich zu sein, die Gruppe der Wahlberechtigten zu manipulieren. Nicht akzeptabel. Auch in Deutschland gilt im Übrigen nicht das uneingeschränkte Wahlrecht: Wenn man sich in eine andere Gemeinde ummeldet, ist man für drei Monate vom Wahlrecht ausgeschlossen - man bekommt keine Wahlbenachrichtigung. Wozu diese Regel gut ist, erschließt sich mir auch nicht!
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