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04. Dezember 2010, 12:14 Uhr

Wachsender Druck

Paypal stoppt Geldfluss an WikiLeaks

Für WikiLeaks wird die Arbeit noch schwieriger. Der Bezahldienst Paypal setzt WikiLeaks vor die Tür und hat das Konto gesperrt, über das bisher viele Spenden flossen. "Verletzung der Nutzungsbedingungen" wegen "Förderung illegaler Aktivitäten", lautet die Begründung.

Hamburg - Spenden zur Unterstützung der Enthüllungs-Plattform WikiLeaks können nicht mehr über den Bezahldienst Paypal abgewickelt werden. Die Tochter der Handelsplattform Ebay teilte auf ihrer Blogseite thepaypalblog.com mit, wegen "Verletzung der Nutzungsbedingungen" sei das von WikiLeaks genutzte Konto dauerhaft gesperrt worden. Paypal schließt die Benutzung seiner Dienste aus, wenn dadurch "illegale Aktivitäten unterstützt, begünstigt oder bereitgestellt" würden.

Nach Angaben von WikiLeaks-Gründer Julian Assange braucht die Plattform pro Jahr mindestens 200.000 Dollar an Spenden, um den Betrieb aufrechtzuerhalten - besser noch 600.000 Dollar. Eine wichtige Geldquelle ist die Wau-Holland-Stiftung in Deutschland. Auch sie konnte am Samstag keine Paypal-Zahlungen empfangen.

"PayPal hat uns mitgeteilt, dass wir die Nutzungsbedingungen in Hinsicht auf finanzielle Unterstützung von WikiLeaks verletzen, und hat unseren Zugang gesperrt", twitterte die Wau-Holland-Stiftung am Samstagvormittag. Nach Informationen des Magazins "Focus" waren in kürzester Zeit nach Veröffentlichung der US-Diplomatendossiers 15.000 Euro von Sympathisanten aus aller Welt bei der Stiftung eingegangen.

WikiLeaks steht unter starkem Druck vor allem aus der US-amerikanischen Politik; auch im Web häufen sich die Angriffe:

Die Schweizer Internetadresse von WikiLeaks war am späten Freitagabend durch EveryDNS.net, den bisherigen US-Provider der Seite, deaktiviert worden - keine Überraschung, denn der Provider hatte zuvor schon die ursprüngliche Webadresse WikiLeaks.org abgeschaltet. Die Inhalte von WikiLeaks.ch seien bereits rund zwei Stunden später die Inhalte auf neue Server übertragen worden, teilte die Schweizer Piratenpartei am Samstag mit. Zuvor hatte sie eine Liste mit 21 alternativen Adressen veröffentlicht, über die WikiLeaks abgerufen werden kann, darunter auch eine von der deutschen Piratenpartei eingerichtete Seite.

Ein, zwei, viele WikiLeaks

Regierungen, die erbost sind über die Veröffentlichung Hunderttausender diplomatischer Depeschen von US-Botschaften, versuchen derzeit intensiv, die Spielräume von WikiLeaks zu verkleinern und die Seite möglichst ganz aus dem Netz zu verbannen. Damit begeben sie sich auf das Terrain von trickreichen Web-Kennern. Längst gibt es nicht nur eine Seite, sondern viele WikiLeaks - und auch vielfältige Formen der lautstarken oder stillen Unterstützung, inklusive Spendenappelle oder Amazon-Boykottaufrufe.

Die radikale Haltung von WikiLeaks-Gründer Julian Assange und seiner Mitstreiter wurzelt in einer Hacker-Ethik, die in den Grundzügen bereits ein Vierteljahrhundert alt ist (siehe Kasten oben links). Die Thesen ihres Schöpfers Steven Levy haben in der digitalen Gegenwart massive, weltverändernde Auswirkungen.

Deutsche Hacker schätzen Steven Levy, erkannten aber schon in den achtziger Jahren, dass das Ideal totaler Informationsfreiheit beileibe nicht überall mehrheitsfähig ist. Wau Holland, 2001 gestorben, war einer der Gründer des Chaos Computer Clubs und ein Vordenker des digitalen Zeitalters; nach ihm ist die Stiftung benannt, die heute finanziell zu den wichtigsten WikiLeaks-Stützen gehört und deren Konto von PayPal gesperrt wurde. Holland ergänzte Levys Regeln damals um zwei weitere. Auf den Web-Seiten des CCC ist bis heute diese ergänzte Version der Hacker-Ethik zu finden.

Der ersten der beiden angefügten Sätze lautet: "Mülle nicht in den Daten anderer Leute" - eine wohlmeinende Ermahnung an die jugendlichen Hacker von damals, sich bei ihren Datenstreifzügen durch die Großrechner in Forschungseinrichtungen und Regierungsbehörden überall im Westen nicht zum Vandalismus hinreißen zu lassen. Die zweite hollandsche Ergänzung aber ist eine, die aus heutiger Sicht - mit Blick auf Facebook, Vorratsdatenspeicherung und Datenschutzdebatte - nachgerade prophetisch klingt. Sie lautet: "Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen."

jol/dpa/AFP

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