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Wahlkampf: Die Politiker und das Web

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Wahlkampf Die Web-Fans von der Hinterbank

Auch an der Wahlkampf-Basis wird eifrig getwittert und gebloggt, das Web 2.0 hat die Politik erobert. Längst kommunizieren Abgeordnete via YouTube und Facebook. Im Netz herrscht die große Freiheit, denn kaum einer schaut hin. Die Wirksamkeit der Waffe Web ist eine Glaubensfrage.
Von Raphael Geiger

Der Abgeordnete Andreas Scheuer  (CSU) lugt aufgekratzt in sein Kamerahandy. Er murmelt etwas von "Morgenstund hat Gold im Mund" und dass er jetzt schnell nach Berlin müsse. Es ist noch nicht ganz halb fünf in Passau, Scheuers Wahlkreis. Draußen ist es dunkel und kalt, Scheuer hat nicht lange geschlafen, aber was hilft alles Jammern: Der YouTube-Kanal  will gefüttert werden, das Netz schläft nicht, die Videobotschaft vom frühen Morgen muss online gehen.

An diesem Tag wird Scheuer zum gläsernen Bundestagsabgeordneten par excellence. Kaum im Auto zum Flughafen München, filmt er sich während der Fahrt. Dann am Flughafen, beim Einchecken. Und in Berlin, bei der Ankunft im Büro und beim Schreiben einer Rede.

"Wir müssen viel transparenter werden", sagt Scheuer. An dem einen Tag hat er es wohl geschafft. Mehr Transparenz geht nicht.

Andreas Scheuer, 34, ist einer von fünf Bundestagsabgeordneten, denen der Fernsehsender "Phoenix" vor einiger Zeit ein filmtaugliches Mobiltelefon zusteckte. Seitdem filmen sich die fünf  (für jede Fraktion einer) allenthalben in ihrem Leben als Politiker. Beim Schützenfest, beim Wahlkampfauftakt, bei der Büroarbeit. Zusätzlich sendet Phoenix 15-Minuten-Dokumentationen, für die die Abgeordnete einige Tage ein Kamerateam des Senders begleitet.

Ein Muss bis hinunter auf die lokale Ebene

Es ist eines der vielen Projekte, die im Moment Deutschland zu einer Web-2.0-Spielwiese für Politiker machen. Mal wird das von klassischen Medien angestoßen, mal läuft es über die Webseiten der Parteien, über soziale Netzwerke oder selbstgebastelte Blogs. Was vor vier Jahren noch widerwillig passierte - nach der Wahl 2005 vereinsamten die Politblogs rasch -, ist jetzt zum Must-have eines jeden Kandidaten geworden. Wer nicht twittert oder Status-Updates für Facebook tippt, wirkt schon altmodisch.

Was auffällt: Der Polit-Prominenz, die den Trend aus Amerika zuerst importierte, folgen jetzt mehr und mehr einfache Abgeordnete oder sogar Lokalpolitiker. Schon Stadtratskandidaten lassen sich von Werbeagenturen ihren Onlineauftritt entwerfen.

Doch: Kann das funktionieren - klappt der Obama-Trend auch im Lokalen, auch bei Andreas Scheuer?

Die Sicht des Skeptikers

Von der Welle, die das Web 2.0 in alle Ecken der Republik spült, ist im Büro von Max Stadler  (60, FDP) noch nichts zu sehen. Dort stapelt sich das Papier auf dem Schreibtisch, Stadler ist ein "Nonliner".

Dem FDP-Mann, der wie Scheuer aus Passau kommt, gefällt die Idee eines Videotagebuchs nicht. "Das Leben eines normalen Abgeordneten bietet dafür nicht genügend Stoff. Scheuer geht genau wie ich von einer Sitzung zu anderen. Was soll daran interessieren?"

Stadler meint, Blogs müssten auch Inhalt bieten. "Ansonsten läuft sich das auf die Dauer tot."

Man kann das so sehen, fremd ist Stadler das Thema ja durchaus nicht. Er ist der Medienexperte seiner Fraktion. Er ist aber auch "old school": Politik assoziiert er mit Inhalten, nicht mit Personen. Dass da manches langweiliger ist, als die Inszenierung suggeriert, mag richtig sein. "2.0" ist sein Standpunkt aber nicht. Dabei kann man 2.0 sein, und doch an Inhalten orientiert.

Auch das geht: Kommunikation und Dokumentation

Michael Leutert , 35, macht alles anders. Leutert ist das Pendant der Linkspartei zu Andreas Scheuer, er vertritt die Linke beim Phoenix-Projekt, bei YouTube gibt es 116 Filme von ihm . In seinem Blog ist auch Wahlkampf erlaubt. "Ich versuche hier Debatten anzuregen, auch mal nicht fertige Gedanken zu bringen. Dazu ist das Internet ideal", sagt Leutert und greift die anderen vier Phoenix-Abgeordneten an: "Die interpretieren den Blog als verlängerte Pressestelle oder zeigen Heile-Welt-Prosa."

Leutert attackiert seine Widersacher schonmal direkt im gemeinsamen Weblog. Um den Phoenixblogger von der SPD herauszufordern, setzte er sich einmal 22 Sekunden lang mit einem laufenden Föhn vor die Kamera. Titel: "Heiße Luft und böse Worte, oder: wenn Sozialdemokraten bloggen."

Ist das Sarkasmus oder schlechter Stil? Er will nicht nur Provokation, sagt Leutert, sondern vor allem mehr Politik im Blog. Doch die Reaktion auf Anstöße zu Diskussionen sei mager. "Von den anderen kommt einfach nichts", sagt er. Die machten eben ihr - Videotagebuch.

Was will der Netz-Nutzer?

Der so gescholtene Scheuer wehrt sich: "Jeder von uns fünf hat seinen Blogstil eben nach seinem Gusto gestaltet." Politische Debatten, meint er, "die können die Leute doch überall haben." Dann schon lieber das vierzehnte Vereinsjubiläum.

Die Frage ist: Wollen die Leute in Scheuers Wahlkreis Passau überhaupt, dass sich ihr Abgeordneter ständig die Kamera vor die Nase hält und über sich selbst spricht - oder finden sie das abgehoben, eitel, selbstdarstellerisch? Scheuer will daran nicht glauben. Es wäre ein Argument für einen politischen Blog.

Die Klickzahlen seiner YouTube-Filme halten sich gelinge ausgedrückt in Grenzen. Auf etwa 50 bis 150 Aufrufe kommt ein Video im Schnitt, dabei leben im Wahlkreis Passau fast 240.000 Menschen. Sein Web-2.0-Auftritt sei eben bisher "noch etwas für Feinschmecker", sagt Scheuer. "Aber irgendwer muss halt damit anfangen. Vielleicht interessiert es bald auch die Masse."

Wie bürgernah kann Web 2.0 wirklich sein?

Im Hamburger Stadtteil Veddel lebt einer, den man vielleicht irgendwann einmal Pionier nennen wird: Klaus Lübke sitzt nebenberuflich für die SPD in der Bezirksversammlung Hamburg-Mitte. Seit drei Jahren hat er sein eigenes Wordpress-Blog , seit zwei Jahren vernetzt er es auch mit der Fotoplattform Flickr, mit YouTube, Facebook und natürlich auch - Twitter.

Den Kurznachrichtendienst hat auch Andreas Scheuer für sich entdeckt, er morst eifrig von seinem Blackberry . "Ganzheitliche Kommunikation im Internet" nennen das Wissenschaftler: Nicht nur selbst Seiten anbieten, auch den Kontakt mit Leuten in sozialen Netzwerken suchen. Scheuer und Michael Leutert haben sich auf MySpace, StudiVZ und MeinVZ angemeldet.

Mit seinen 46 Jahren ist Klaus Lübke deutlich älter als die jungen Abgeordneten, er hat graue Haare und ist von Beruf Buchhalter. Klingt nicht gerade nach einem mustergültigen Web-2.0-Verfechter - aber er ist einer, vielleicht mehr als alle anderen.

Web-Politik authentisch: Nicht an Ereignisse gebunden

"Ich habe das alles selber zusammengebastelt", sagt er. Darauf legt er Wert. Er ist ein Einmannbetrieb, anders als die Bundestagsabgeordneten hat er kein Büro, das ihm beim Pflegen des Web-Auftritts helfen könnte. Alles, was er macht, ist Handarbeit. Zeitaufwand? "Geschätzte zwei bis vier Stunden die Woche".

Er sagt, sein Blog sei wie ein zusätzlicher Infostand. "Aber in der Fußgängerzone kann ich nur Samstagvormittag sein, im Internet rund um die Uhr." Eine Anlaufstation, auf die niemand mehr verzichten könne. Wobei es, sagt der Hamburger, "Tinnef" wäre, deshalb nicht mehr in die Fußgängerzone zu gehen. Eines sei auch klar: "80 Prozent der Leute in Veddel schauen nicht auf meinen Blog."

Aber vermutlich macht es gerade das momentan so spannend: Noch spielt das Internet verglichen mit Presse und Fernsehen eine winzige Rolle, zumal im Bundestagswahlkampf. Es ist noch eine Nische, wo alles ausprobiert werden darf. Im Fernsehen zählt jeder Nebensatz, im Netz herrscht dagegen eine große Entspanntheit. Viel Platz für Kreative.

Das Web als Verlautbarungskanal: ein Missverständnis

Leider wird das gerade von Politikern oft verkehrt interpretiert: Als Freifahrschein für quälend lange Reden oder arrogante Untertöne, weil, wie schön, endlich mal keine Journalisten dazwischengehen. Das erledigen dann die Zuschauer. Sie klicken weg. Genauso, wenn Politik 2.0 zu Politik-PR 2.0 verkommt. Wenn ein Blog außer Einsdreißig-Imageschnipseln noch nichts gesehen hat, werden Wähler eher verprellt - da hat der Web-Skeptiker Stadler völlig Recht.

Wer sich anstrengt, das Medium ernst nimmt, kann im Internet gewinnen. Dazu muss er nicht Merkel heißen - Scheuer, Leutert, Lübke geht auch. Und er muss wirklich nicht aus Berlin und Washington bloggen. Wieso nicht aus Passau oder Veddel?

Den Bewährungstest allerdings hat das Internet als Politkanal noch vor sich. Auf der Spielwiese geht viel, bei den nächsten Landtagswahlen wird es ernst. Die Abgeordneten in den Ländern sind oft näher an ihren Wählern, an der Kommunalpolitik. Dort muss sich die Eignung des Web 2.0 erst noch beweisen. Zumal in der Provinz.

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