"Washington Post" Jeff Bezos will politische Macht

Der aufgeregten Debatte um die Übernahme der "Washington Post" durch Amazon-Gründer Jeff Bezos liegt ein Missverständnis zugrunde. In den vergangenen Tagen wurde viel gerätselt, ob der überraschende Deal gut oder schlecht ist für den Journalismus, ob Bezos die großartigen Ideen mitbringt, die den Medienmachern all die Jahre selbst nie eingefallen sind.
Amazon-Gründer Bezos: Medienmacher müssen Teil der öffentlichen Diskussion werden

Amazon-Gründer Bezos: Medienmacher müssen Teil der öffentlichen Diskussion werden

Foto: AP/dpa

Aber Bezos will nicht den Journalismus retten. Das wäre im Idealfall nur ein Nebenprodukt. Bezos agiert auch nicht in der Tradition von Steve Jobs, der einst der Musikindustrie aus reinem Eigeninteresse wieder auf die Beine verhalf, um mehr Apple-Produkte zu verkaufen. Bezos Absichten sind viel simpler. Er greift nach politischer Bedeutung und Macht.

Der Amazon-Gründer ist nicht der erste Protagonist der Digitalbranche, der sich offenbar nicht mehr damit zufriedengeben will, die ökonomische und gesellschaftliche Umwälzung der digitalen Revolution voranzutreiben. Seit einiger Zeit ist eine deutliche Tendenz zu beobachten: Die führenden Köpfe des Silicon Valley, schwerreich, erfolgsverwöhnt und mächtiger als alle anderen Wirtschaftsführer, sind zunehmend bemüht, ihren wirtschaftlichen und kulturellen Einfluss auf die politischen Bühne zu übertragen.

Das ist ein erheblicher Wandel gegenüber früheren Generationen, geprägt von Kreativen wie Steve Jobs und Bill Gates. Lange haben die meisten der führenden Figuren des Silicon Valley sich konsequent von der politischen Bühne ferngehalten. Für die Machtzentralen der Welt, sei es Washington oder Brüssel, haben große Teile der Tech-Elite traditionell nur eine Mischung aus Desinteresse und Verachtung übrig. Hinter den Kulissen wird gerne gelästert, wie langsam und ineffizient die politische Welt sei. Gesteuert von ahnungslosen Bürokraten. Inkompetenz ist ein Wort, das in solchen Gesprächen gerne fällt.

Das soll nicht heißen, dass die digitale Elite unpolitisch ist und nur in Bilanzen denkt. Im Gegenteil. Sie ist zutiefst ideologisch. Ihre Wurzel liegen in der Gegenkultur der sechziger Jahre in San Francisco. Bis heute ist die gesamte Tech-Szene geprägt von utopistischen Phantasien und durchzogen von ultra-individualistischen, libertaristischen Denkern - allen voran Peter Thiel, erster Facebook-Investor und einer der einflussreichsten Gestalten im Silicon Valley.

Im Extrem ist der Hacker deswegen auch nichts weniger als ein Freiheitskämpfer. Mindestens aber ist Technologie aus der Sicht des Silicon Valley nicht bloß eine Industrie, ein Geschäftsmodell wie die Autobranche, sondern verkörpert den menschlichen Fortschritt. "Think Big", das inoffizielle Motto jedes Start-ups im Silicon Valley, bezieht sich keineswegs nur darauf, möglichst viel Geld zu verdienen, sondern auch darauf, die Welt verändern zu wollen.

Für jedes Problem die passende App

Bei Facebook etwa wird ernsthaft die Meinung vertreten, das soziale Netzwerk bringe die Menschheit näher zusammen und löse dadurch schon allerhand Probleme. Bei Google glauben nicht wenige, dass Technologie inhärent "gut" ist und damit stets das Potential besitzt, uns weiter voranzubringen - auch ohne große politische Debatte. So ist die Haltung fast überall im Valley, frei nach dem Motto: Für jedes Problem gibt es die passende App. Und wer weiß, vielleicht ist solcher Techno-Utopimus gar nicht unbegründet. Es lässt sich sicherlich die Position vertreten, dass Smartphone, iPad und Google Maps die Welt in den vergangenen Jahren weiter gebracht haben als das zerstrittene, im Stillstand festgefahrene Washington.

Allerdings geht es zunächst um die Konsequenzen, die daraus bislang gezogen wurden: Wozu sich einmischen in Washington, dort, wo es nur die Mittelmäßigen hin verschlägt, dort, wo sich nicht wirklich etwas bewegen lässt?

Zunehmend lassen einige der führenden Köpfe durchblicken, dass sie anders denken. Weil sie erkannt haben, dass die von ihnen gesteuerte digitale Revolution tatsächlich die Welt verändert. Und dass sie erstaunlich nahe dran sind, ihren Techno-Determinismus wirklich umsetzen zu können - dafür aber direkten politischen Einfluss benötigen. Bezos gehört sicherlich zu diesen Denkern.

Neuer Aktivismus aus dem Valley

Genauso wie der Google-Verwaltungsratschef Eric Schmidt. Sein im Frühjahr erschienenes Buch "The New Digital Age" liest sich wie ein Pamphlet für die politisch-soziale Agenda, die sich Google für die Zukunft wünscht.

Facebook-CEO Sheryl Sandberg hat ein Buch über Frauenpolitik  und Arbeitswelt geschrieben.

Und eine ganze Reihe der führenden Köpfe des Silicon Valley, allen voran Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und Yahoo-Chefin Marissa Mayer, haben sich vor wenigen Monaten erstmalig zu einer Lobby-Organisation zusammengeschlossen. Das offizielle Ziel: eine bessere Schul- und Uni-Ausbildung sowie eine neue Einwanderungspolitik durchzusetzen, die mehr Fachkräfte ins Land lässt. "Wir haben eine seltsame Einwanderungspolitik für eine Nation von Einwanderern", schrieb Zuckerberg jüngst in einem Gastbeitrag - für die "Washington Post". Es könne etwa nicht angehen, dass man viele der ausländischen Studenten wieder aus dem Land werfe, nachdem man sie erst zum Studieren in die USA geholt habe.

Tatsächlich hat der neue Aktivismus aus dem Valley in kürzester Zeit zu einem Entwurf für eine Einwanderungsreform geführt. Der schnelle Erfolg hat die Tech-Protagonisten darin bestärkt, sich endlich eine umfassendere offizielle Agenda zu schaffen.

VIP-Eintrittskarte in die konservative Politszene

"Jetzt wird realisiert, dass wir mehr Einfluss nehmen müssen in Washington", sagt etwa Kevin Hartz. Wenige sind an so vielen Erfolgsgeschichten der vergangenen Jahre beteiligt wie er: PayPal, Airbnb, Pinterest - unter anderem. "Wir verstehen nur die Mechanismen der politischen Welt noch nicht genau, das lernen wir gerade." Ähnlich wie man im Valley ständig auf der Suche nach technischen Neuerungen sei, müsse nun ein innovativer Ansatz für den Umgang mit Politik und Regierung gefunden werden.

Nach dieser Denkweise ist es nur konsequent, dass jemand wie Jeff Bezos die "Washington Post" kauft. Es ist die VIP-Eintrittskarte in die konservative Politszene von Washington, ein enormes Sprachrohr. Wenn Bezos den Mitarbeitern des Blattes zuruft, man müsse "experimentieren", dann bezieht er das sicherlich nicht nur auf neue Geschäftsmodelle, sondern auch auf die eigene neue Rolle in Washington.

Das macht Bezos' Engagement deswegen nicht verdammenswert. Im Gegenteil. Wer erst einmal auf der politischen Bühne steht, kann nicht nur auf die Menge herabsprechen, sondern auch aus dem Saal angepöbelt werden. Und dafür ist die Zeit längst reif. Denn dank ihrer vorgeschobenen Politikferne haben sich bislang die Macher im Valley weitgehend darum gedrückt, aktiver Teil der öffentlichen Diskussion zu sein, die schon längst über die Folgen ihrer Arbeit geführt wird: Was ist noch privat in der digitalen Welt? Welche Bildungspolitik brauchen wir? Was sind die Folgen für den Arbeitsmarkt in einer zunehmend technologisierten Umgebung?

Zumindest für Bezos wird es nun schwerer, sich noch länger jeder gesellschaftlichen Debatte zu entziehen.

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