Web-Guerilla Spanische Polizei verhaftet angebliche "Anonymous"-Aktivisten

Sie sollen an Netz-Attacken gegen Regierungen und Unternehmen beteiligt gewesen sein, nun sind sie in Haft: Spaniens Polizei hat drei Personen festgenommen, die angeblich unter der Flagge von Anonymous Cyberangriffe planten und durchführten.

Anonymous-Demonstration für WikiLeaks-Gründer Assange: Verhaftungen in Spanien
REUTERS

Anonymous-Demonstration für WikiLeaks-Gründer Assange: Verhaftungen in Spanien


Madrid - Die spanische Polizei teilte am Freitag mit, man habe drei Personen verhaftet, die als die Anführer der spanischen Anonymous-Gruppierung betrachtet werden. Ein Server in der Wohnung eines der drei Verhafteten sei für die Koordination und Durchführung von Attacken auf Rechner der Regierungen von Ägypten, Libyen, Iran, Chile, Kolumbien und Neuseeland sowie für Angriffe auf zwei große spanische Banken und den italienischen Energieversorger Enel benutzt worden.

Die Verhafteten hätten komplexe Sicherheitsmaßnahmen benutzt, um ihre Identitäten zu verschleiern. Die Verhaftungen fanden in Barcelona, Valencia und Almeria in Südspanien statt. Die spanische Polizei will seit Oktober 2010 mehr als zwei Millionen Zeilen Chatprotokolle und Text auf Web-Seiten ausgewertet haben, um herauszufinden, wer die Köpfe von Spaniens Anonymous-Ableger sind.

Die britische Polizei hatte schon im Januar fünf junge Männer verhaftet, die verdächtigt wurden, an Cyberattacken aus Sympathie für WikiLeaks beteiligt gewesen zu sein. In den Niederlanden wurde ein Teenager festgenommen. In den USA ist das FBI einigen Unterstützern der lose organisierten Netz-Guerilla auf der Spur.

Anonymous hatte zu Angriffen gegen MasterCard, Visa, Paypal und Amazon aufgerufen, weil diese Unternehmen WikiLeaks ihre Unterstützung entzogen hatten. Die Unternehmen wurden mit verteilten Denial-of-Service-Attacken (DDoS) angegriffen. Dabei werden die Server einer Website oder einer Organisation so lange mit automatisierten Anfragen vieler anderer Rechner überlastet, bis sie den Dienst versagen.

Wie die spanische Zeitung "El País" berichtet, sollen die Verdächtigen auch Angriffe auf den Sony Playstation Store ausgeführt haben. Offenbar geht es hier ebenfalls um DDoS-Attacken, ein Zusammenhang mit dem millionenfachen Diebstahl von Kundendaten wird bisher nicht hergestellt.

Anonymous-Helfer hatten dazu ein eigenes Werkzeug namens "Low Orbit Ion Cannon" zur Verfügung gestellt, mit dessen Hilfe auch Laien ihre Rechner in den Dienst solcher DDoS-Angriffe stellen konnten. Dabei legten sie ohne weitere Sicherheitsmaßnahmen jedoch gegenüber ihrem Internetprovider ihre Identität offen und boten Strafverfolgern so Zugriffsmöglichkeiten.

Anonymous ist eine lose Gruppierung von Internetnutzern, die ihren Ursprung einst im anarchischen Bilderforum 4Chan hatte. Zunächst konzentrierte sich die Gruppierung auf Aktionen gegen Scientology. Inzwischen werden im Namen von Anonymous DDoS-Attacken und andere Aktionen gegen eine Vielzahl von Zielen durchgeführt. Gruppen erklärte sich solidarisch mit den Aufständischen in Ägypten, Libyen, Syrien und anderswo in der arabischen Welt, sie verteidigt WikiLeaks als Plattform, die freien Austausch fördert und bekämpft, wiederum meist mit DDoS-Attacken, die Branchenverbände der Musik- und Filmbranche.

Freie Information und das Recht auf Anonymität gehören zu den wenigen geteilten Zielen der zahlreichen Netznutzer weltweit, die sich zu Anonymous zählen.

cis/AP

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rondon 10.06.2011
1. so,so
hier gibt es ein exklusivinterview mit deutschen anonymousaktivisten http://le-bohemien.net/2011/05/16/anonymous-intervie davon mal abgesehen ist völlig klar, dass die jungs auch bei den protesten in spanien mitmischen.
Meckermann 10.06.2011
2. Schon traurig...
Schon traurig, dass die Demokratie heutzutage von verrückten Hackern verteidigt wird, während unsere gewählten Regierungen Folterknäste betreiben...
ecce homo 10.06.2011
3. Erschreckend
Erschreckend ist der Aufwand, den man betreibt um diese Aktivisten aus dem Verkehr zu ziehen. Man macht sich da doch im wesentlichen zu Handlanger derer, die sich durch Wikileaks bedroht fühlen und die Verbreitung der Wahrheit über das, was sie so tun, verhindern wollen. Dies ist der einzige Grund, warum man soviel Aufwand betreibt, um diese Aktivisten zu ermitteln. Sowas wünscht man sich eher bei der Bekämpfung der Korruption, von Rockerbanden und dem organisierten Verbrechen vergebens.
distributer 10.06.2011
4. Genau!
Zitat von MeckermannSchon traurig, dass die Demokratie heutzutage von verrückten Hackern verteidigt wird, während unsere gewählten Regierungen Folterknäste betreiben...
so sieht es leider aus... Ich hatte lediglich mein PayPal Konto geschlossen und politische Gruende angegeben. Seitdem mag PayPal die Kreditkarte nicht mehr, die ich dort registriert hatte. Das wiederum gibt mir Anlass Unternehmen und Organisationen darueber zu informieren, dass vertmutlich etliche Leute keine Geschaefte mehr mit PayPal Konton abwickeln koennen. Uebrigends kann ich gut damit leben...
avollmer 10.06.2011
5. Loic?
Man muss an dieser Stelle immer wieder darauf hinweisen, dass LOIC ein destruktives Werkzeug ist, dessen Benutzung rechtlich derart gewürdigt werden kann, dass der Anwender Probleme mit den Behörden bekommt, auch wenn LOC ferngesteuert wird. Dagegen ist es vollkommen legal eine eigene Suchmaschine aufzusetzen, die ausgewählte Websites auf Änderung durchsucht, kopiert und indiziert. Google macht das schließlich auch. Jeder darf sich hier ähnlich betätigen und niemand kann einen Suchmaschinenbetreiber dafür verantwortlich machen, dass er gerade die gleiche Website indiziert, die von LOIC angegriffen wird. Im Gegenteil, das Indizieren dauert länger, bricht ab, startet neu, alles wegen Anonymous. Das gleiche gilt auch für die Erstellung einer Offline-Kopie mit einem Webspider oder -crawler. Man muss allerdings die derartige Software manuell starten und sollte deshalb vorher unbedingt in den einschlägigen Channels nachlesen ob gerade eine Attacke läuft um nicht versehentlich hier Mithilfe zu leisten. Die Behörden sollten deshalb diese Informationen umfänglich, zeitnah und detailliert verfügbar machen. Sonst könnte man ganz zufällig und ohne Absicht Teil einer DDoS-Attacke werden.
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