Sascha Lobo

Ausgang der Bundestagswahl Wie Markus Söder doch noch Bundeskanzler wurde

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Olaf Scholz würde lieber den Hamburger G20-Gipfel mit Lego nachstellen, als mit den Linken zu regieren. Die FDP will nur Kevin Kühnert verhindern. Deshalb kommt ganz bestimmt die schwarze Ampel – ohne Armin Laschet.
Markus Söder: Der Mann, der Opportunismus als eine Art smartes Rückgrat erscheinen lässt

Markus Söder: Der Mann, der Opportunismus als eine Art smartes Rückgrat erscheinen lässt

Foto: Peter Kneffel / dpa / Pool

»Ein Weiter So darf es nicht geben!« ist ein häufig gehörter Satz in der deutschen Politik. Und doch gibt es kaum einen Ort, wo er falscher wäre als dort. Denn ein paar Details wollen immer alle Wählenden gern ändern, aber der große Bogen der Mehrheit heißt in den meisten Fällen »Weiter so«. Der Grund ist simpel und auch für Nicht-Konservative irgendwie nachvollziehbar: Deutsche hassen Überraschungen. Deshalb haben sie 16 Jahre lang immer wieder die Großmeisterin der Non-Überraschung gewählt: »Sie kennen mich« (Merkel 2013).

Und trotzdem gibt es ein Szenario, in dem überraschend Markus Söder nach der Bundestagswahl doch noch Bundeskanzler wird – und zugleich progressiv Wählende regelrecht hintergangen werden. Es mag nicht überragend wahrscheinlich sein, aber die vergangenen Jahre haben ja ohnehin nicht dadurch geglänzt, stets der größten Wahrscheinlichkeit zu folgen. Daher folgt hier eine Vorausmutung in die nahe Zukunft auf Basis der meiner Ansicht nach absolut möglichen Prozentergebnisse der Parteien am 26. September 2021.

»Ich empfinde ihn als absolut peinliche, inkompetente, korrupte und vollkommen lächerliche Person. Aber das eigentlich schlimme ist, dass jeder weiß wer gemeint ist, ohne seinen Namen zu nennen.« Vollkommen unfair und boshaft, dieser Tweet , aber mit das Lustigste der vergangenen Tage. Denn alles beginnt natürlich mit dem Naturphänomen Armin Laschet, der ein sehr geschickter, politischer Hinterzimmerdealer sein muss, wie hätte er sonst mit einem derartigen Maß an öffentlich-unbeholfener Maximalonkeligkeit Unionskandidat werden können? Laschet jedenfalls schafft es, die Union auf einen soliden zweiten Platz zu hieven und geht am Wahlabend mit 22 Prozent ins Ziel. Zugleich, und auch das ist einzigartig, verpasst er persönlich den Einzug ins Parlament. Denn Laschet steht zwar auf Platz 1 der Landesliste in NRW – aber dort holt die CDU so viele Direktmandate , dass die Landesliste gar nicht greift. Laschet käme dann nur in den Bundestag, wenn jemand direkt Gewähltes verzichten würde – aber mit dem mit Abstand schlechtesten CDU-Ergebnis aller Zeiten hat er ganz andere Probleme. Noch am Abend wackelt sein Stuhl heftig.

Auftritt Olaf Scholz. Der neulich in einer Talkrunde sagte: »Die Bürgerinnen und Bürger kennen mich.« Das ist Merkel, bloß behutsam gegendert. Scholz schafft das von praktisch allen noch vor Jahresfrist für unmöglich gehaltene  und holt 23 Prozent. Die meisten Stimmen für die SPD! Die SPD gewinnt die Wahl, weil Scholz ausreichend vielen Nicht-Überraschungswilligen vermittelt: Ich bin vielleicht nicht die beste, aber doch die am wenigsten schlechte Wahl. Die Grünen kommen auf 16 Prozent, ein fantastischer, miserabler Wert, aber immerhin. Die FDP glänzt mit 14 Prozent, die Linkspartei dümpelt bei 6 Prozent, die parlamentarische Hürde in bedrohlicher Sichtweite (die AfD kommt auch rein, aber spielt hierfür keine Rolle). Außer einer erneuten GroKo plus Ergänzungspartei ergeben sich folgende, rechnerische Möglichkeiten:

  • eine Ampel (Rot-Gelb-Grün)

  • eine schwarze Ampel (Schwarz-Gelb-Grün)

Wahlarithmetisch muss man hier vor allem beachten, dass es durch die endgültige Sitzverteilung knapp nicht für Rot-grün-rot reicht. Das ist nicht weiter schlimm, denn obwohl in allen demokratischen Parteien Knalltüten, Flitzpiepen und Wirrköpfe vorhanden sind, ist deren Dichte und Stärke bei der Linkspartei im Bundestag schon außergewöhnlich hoch. Olaf Scholz würde daher wahrscheinlich lieber den Hamburger G20-Gipfel mit Lego in Echtzeit nachstellen, als seine Bundesregierung von einem Dutzend Leuten mit Sternzeichen Putin abhängig zu machen. Aber wenn das Druckmittel Rot-Grün-Rot wegfällt, bleibt Scholz nur die Ampel.

Hier kommt Christian Lindner ins Spiel, der enorm wenig Bock hat auf eine Koalition mit SPD und Grünen. Das ist sogar fast nachvollziehbar: Die meisten dazugekommenen FDP-Wählenden sind von Laschet enttäuschte Liberal-Konservative, die alles mögliche wollen, aber keine sich links anfühlende Regierung mit Kevin »Vergesellschaftung« Kühnert als Parlamentarischem Staatssekretär. Nach ein paar Vorsondierungen mit dem Wahlsieger lässt Lindner deshalb nach heftigem Druck und unter großem Jubel der konservativen Presse die Bombe platzen:

Er erklärt eine Ampel für »inhaltlich ausgeschlossen«. Aber weil er nicht nur regieren möchte, sondern auch regieren muss, um an der Spitze der FDP zu bleiben, macht er einen konkreten Gegenvorschlag: eine Schwarze Ampel. Der Stabilität für Deutschland halber. Kontinuität. Ruhe. Bürgerdings. Gerade in Zeiten der Krise. Wie Lindners Lieblingsmodell Schwarz-Gelb, nur mit etwas Klimabeimischung.

Konservative sind allergisch gegen Erfolglosigkeit

Es ist nämlich in Deutschland so, dass die stärkste Fraktion nicht zwingend die Regierungspartei samt Bundeskanzelperson werden muss, das war schon zwischen 1976 und 1980  so. Armin Laschet fühlt sich kurz schon wieder wie der Mann, der durch bloßes Dableiben am Ende erfolgreich ist. Aber nur kurz, und das liegt an den Grünen. Auch die Grünen wollen unbedingt regieren. Nicht so unbedingt, um den sicheren Weg zu wählen und Cem Özdemir zum Spitzenkandidaten zu machen, aber schon sehr, sehr gern. Trotzdem wollen sie zunächst das böse Spiel nicht mitmachen. Scholz gewinnt die Wahl, und Lindner bestimmt Laschet zum Kanzler? Nein, nicht mit den Grünen, das wäre ja Verrat an der mehr oder weniger progressiven Mehrheit!

Und der Armin Laschet von früher hätte als Person vielleicht mit den Grünen regieren können, vielleicht war das sein ursprünglicher Plan. Aber er hat im Wahlkampf sehr viele Anti-Grünen-Schachzüge gebracht, zum Beispiel Friedrich Merz ein Superministerium versprochen (sonst würde der für ihn nicht immer wieder in die Bresche springen). Die Altlast des geräumten Hambacher Forsts liegt auch noch rum. Deshalb sind Armin Laschet und sein Team eine zu bittere Pille für die Grünen. Sie sagen ab. Sie können das einfach nicht tun – es sei denn, sie würden ein wirklich großes, ein gigantisches Symbol serviert bekommen.

Sie bekommen dieses Symbol. Konservative sind allergisch gegen Erfolglosigkeit, und obwohl die Wahl alle zusammen verlieren, ist jetzt einer Schuld: Laschet wird ironischerweise abgeschossen, obwohl sich gerade erst überraschend das Fenster für seine Kanzlerschaft doch noch geöffnet zu haben schien. Der Rest erzählt sich dann von selbst, denn wer sollte eine schwarze Ampel als schwarzer Kanzler mehrheitsfähig gestalten können – wenn nicht Markus Söder? Der Mann, der Opportunismus als eine Art smartes Rückgrat erscheinen lassen kann. Zum Bundeskanzler kann jede volljährige Person mit deutscher Staatsangehörigkeit gewählt werden. Und also kommt die Schwarze Ampel, die alltagsästhetisch so famos ist wie ihr Spitzname »Schwampel« mit Kanzler Markus Söder. Doch noch.

Epilog: Die Grünen bekommen ein Ministerium mehr als rechnerisch fällig und einen gegenderten Koalitionsvertrag. Die FDP wird zum Hassobjekt aller, die endlich einen echten Politikwechsel – ein Kanzleramt ohne Union – herbeigesehnt haben, da ändert sich also gar nicht so viel. Die CDU erholt sich von den vier zehrenden Kanzlerinnenschaften Merkel mithilfe einer CSU-Kanzlerschaft (also gar nicht). Die SPD fühlt sich von allen verraten und ist es ja irgendwie auch. Die Linkspartei zerfällt in drei Teile, die urbanen Links-Hipster samt Realoflügel, die starrlinken Unrealisten und die Querfront. Und alles, weil die Deutschen Überraschungen stets verhindern wollen, was im 21. Jahrhundert das beste Rezept ist, um garantiert massive Überraschungen zu erleben. Das vielleicht Lustigste an diesem traurigen, merkwürdigen, aber nicht ausgeschlossenen Szenario aber wäre, dass Friedrich Merz zum etwa hundertachten Mal in Folge trotz großer Chancen nichts werden würde.

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