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31. Juli 2013, 13:22 Uhr

Geheimdienste

Mit einer E-Mail vom Normalbürger zum Islamistenhelfer

Von Mathias Hamann

Wie gerät man als unbescholtener, konservativer Bürger ins Visier eines deutschen Geheimdienstes? Michael Blume weiß es: Eine einzige falsch gedeutete E-Mail reichte, um ihn zum Islamistenfreund zu stempeln. Noch heute leidet Blume unter den Folgen.

Stuttgart - "Hätte der Minister mich nicht gedeckt, wäre vielleicht meine Existenz ruiniert gewesen", sagt Michael Blume. Der Mann ist konservativ, Religionswissenschaftler, heute Beamter - doch im Sommer 2003 geriet Blume in den Verdacht, ein islamistisches U-Boot im Staatsministerium Baden-Württembergs zu sein. Wegen einer einzigen E-Mail.

Dabei ist sein Lebenslauf der eines Musterkonservativen: Seine Eltern kauft die Bundesrepublik 1975 aus der DDR frei, so wird Blume 1976 in Filderstadt vor den Toren Stuttgarts geboren. Als Schüler engagiert er sich in der Kirche, tritt der CDU bei, verliebt sich im Ethikunterricht in seine spätere Frau, eine deutsche Muslimin mit türkischen Wurzeln. Nach dem Abitur folgen Wehrdienst und Bankausbildung. Die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung gibt ihm ein Stipendium für ein Studium der Politik- und Religionswissenschaft. In einem Essaywettbewerb des Bundesinnenministeriums gewinnt er den dritten Platz.

Er schreibt seine Magisterarbeit über "die Öffnung des Islam in Deutschland durch eine neue islamische Elite". Dazu schickt er über E-Mail-Verteiler Interviewfragen mit der Bitte um Weiterleitung und Rücksendung. Es antworten 30 Menschen, darunter einer mit dem Pseudonym "ferramis". Michael Blume klassifiziert ihn in seiner Arbeit als Islamisten, als Extremisten. Sympathie für diese Position drückt er nicht aus.

Im Jahre 1998 gründet Blume in Stuttgart eine christlich-islamische Gesellschaft; seit 2001 wirbt er für das Haus Abraham, ein Dialogzentrum für Juden, Muslime und Christen.

"Davon hab ich in der Zeitung gelesen und ihn mal kennenlernen wollen", sagt Christoph Palmer (CDU). Damals leitete er als Minister das Staatsministerium in Stuttgart und wollte den Dialog mit den "400.000 friedlichen Muslimen in Baden-Württemberg verbessern". Dafür stellt er Michael Blume auf Probe und in Teilzeit ein. Der Uni-Absolvent erscheint "etwas vergeistigt, aber gut vernetzt", wie Palmer sich erinnert.

Am 23. Juli 2003 landet ein Fax in der Pressestelle des Ministers: "Fragen zum Fall Blume". Rainer Wehaus von den "Stuttgarter Nachrichten" zitiert aus einer alten E-Mail. Absolvent Blume hat diese an jene gesandt, die er für seine Magisterarbeit interviewte - und damit auch an einen Islamisten. Er berichtet in der Mail von seiner "attraktiven Arbeitsstelle im Bereich der Landesregierung" und hofft "mit einigen von Euch wieder einmal zusammen wirken zu dürfen."

Die Furcht des Verfassungsschutzes

Rainer Wehaus hat sich mit dem Verfassungsschutz getroffen, die Behörde kennt die E-Mail und die Magisterarbeit Blumes. Nun fürchteten die Verfassungsschützer, dass "der Herr Blume als Islam-Berater der Landesregierung mit islamistischen radikalen Kräften redet und die somit stärkt", berichtet Wehaus SPIEGEL ONLINE. Der Journalist telefonierte mit Blume. "Er wollte mich mit Hinweis auf seine Frau und sein Kind davon abbringen, den Artikel zu schreiben." Das lässt die Berufsehre des Reporters nicht zu, die Geschichte sei "von öffentlichem Interesse". Sein Artikel über die Furcht des Verfassungsschutzes erscheint am 28. Juli 2003: "Reicht der Einfluss von Islamisten mittlerweile bis in Baden-Württembergs Regierungszentrale?", wird darin besorgt gefragt.

Auf einmal landet der Musterbürger Blume in einem ganz anderen Kästchen des Rasters. Wer das Dialoghaus für Juden, Christen, Muslime abtut, die Magisterarbeit nicht liest, wer ignoriert, dass seine muslimische Ehefrau ein Abitur einer katholischen Schule hat und sich nur auf diese eine E-Mail fokussiert, fürchtet womöglich tatsächlich: Der Staatsangestellte pflegt allzu engen Kontakt mit Islamisten. "Als Wissenschaftler musste ich doch auch mit solchen Muslimen reden", sagt Blume heute. "Und natürlich hole ich keine Islamisten in die Staatskanzlei, aber danach hat mich ja auch niemand gefragt."

"An den Vorwürfen war nix dran"

Blume bangt nach den Vorwürfen um seinen Job, aber Minister Palmer stellt sich im Parlament und mit einer öffentlichen Erklärung hinter seinen Teilzeitangestellten. "An den Vorwürfen war nichts dran", wie er heute sagt. Aus den Kirchen und der israelitischen Gemeinde kommt Unterstützung. Andere lenkt der Hass: "Wir kriegen Euch alle", droht ein rechter Anrufer Blumes Ehefrau am Telefon.

Wie sieht das eigentlich der Verfassungsschutz? Gegenüber SPIEGEL ONLINE erklärt ein Sprecher, dass der sonst auskunftsbereite Leiter der Abteilung Islamismus, Herbert Landolin Müller, "aus Gründen des Datenschutzes für ein Gespräch über Herrn Dr. Blume nicht zur Verfügung" steht. Denn "das Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg äußert sich nicht zu Bediensteten anderer Behörden des Landes." Die Behörde bestätigt das Hintergrundgespräch mit den "Stuttgarter Nachrichten", in dem "Herr Dr. Müller auf Nachfrage einige Äußerungen zu der im Internet veröffentlichten Magisterarbeit von Herrn Blume tätigte." Blume versteht das nicht: "Entweder der Verfassungsschutz redet mit Journalisten über mich, oder nicht." Der Geheimdienst teilt immerhin mit, dass zu dem Fall "zu keinem Zeitpunkt 'Ermittlungen' oder 'Untersuchungen' durchgeführt" worden seien.

Erst Monate nach den Vorwürfen treffen sich Dialogangestellter Blume und Islamismus-Experte Müller vom Verfassungsschutz. "Mir wurde damals gesagt, es sei doch schon verdächtig, wie ich mein Studium finanziert hätte", sagt Blume. "Meine Antwort: Die Konrad-Adenauer-Stiftung gab mir ein Stipendium, und die ist keine islamistische Organisation."

Blume wird verbeamtet, arbeitet heute als Referatsleiter im Staatsministerium Stuttgart. An den Unis Köln und Jena hält er Seminare über Religion. Alles gut? Nein, "mich sprechen immer noch Leute auf die Vorwürfe von damals an". Rechte Webportale verfassen Dossiers über ihn. In seinem Blog beim Wissenschaftsverlag Spektrum berichtet er nun über seine Erlebnisse. Warum?

Weil Geheimdienste heute 500 Millionen Datensätze pro Monat aus Deutschland abfischen, wie Blume sagt: "Ein unberechtigter Verdacht kann jeden treffen." Nicht nur vermeintlich Linksextreme oder flapsig Scherzende, sondern auch durchaus konservative Musterbürger. "Es muss nur eine E-Mail falsch verstanden werden."

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