Judith Horchert

Fall WikiLeaks Es geht um mehr als nur Assange

Die Festnahme von Julian Assange mag wie das Ende einer langen Geschichte wirken - dabei ist sie erst der Anfang. Denn jetzt gilt es, ganz genau hinzusehen.
Demonstrant in Sydney

Demonstrant in Sydney

Foto: PETER RAE/EPA-EFE/REX

Den gestrigen Tag haben Julian Assange und seine Unterstützer seit Jahren gefürchtet, seine Feinde haben ihn wohl ebenso lange herbeigesehnt: Der WikiLeaks-Gründer wurde festgenommen und aus der ecuadorianischen Botschaft geschleppt, wo er sich seit sieben Jahren verschanzt hatte. Es scheint wie das Ende einer Geschichte - dabei ist es ein Anfang. Und den sollte die Welt aufmerksam verfolgen.

So sehr Julian Assange von einigen verehrt wird, wird er von anderen verachtet, aus verschiedenen Gründen: wegen der Vergewaltigungsvorwürfe gegen ihn in Schweden, wegen seiner politischen Winkelzüge, wegen seiner streitbaren Äußerungen, wegen der Arbeit von WikiLeaks und dabei insbesondere der Veröffentlichung von E-Mails aus Hillary Clintons Lager, die womöglich Trump mit zum Sieg verholfen hat. Wegen seiner Flucht ins ecuadorianische Asyl, wegen seiner Öffentlichkeitsarbeit oder einfach nur wegen seines Gehabes. Vieles an der Kritik ist berechtigt. Doch nichts davon spielt aktuell eine Rolle.

Es ist völlig egal, ob man Julian Assange als Held oder Aufschneider sieht, ihn für einen Star hält oder für einen Schuft. Man darf sich nicht dazu hinreißen zu lassen, wieder die Person Assange ins Zentrum des Geschehens zu stellen. Denn jetzt sind seine etwaigen persönlichen oder politischen Verfehlungen Nebensache, wichtig ist allein, was legal ist und was nicht - und wie welches Recht durchgesetzt wird. Das ist nicht nur für Assange und WikiLeaks von Interesse, sondern kann auch Weichen stellen für die künftige Arbeit investigativer Journalisten weltweit, für ihre Informanten, für Whistleblower und Hacktivisten.

Für uns alle beginnt nun der schwierigste und anstrengendste Teil

Schließlich steht hier nicht das "Lebenswerk des Julian Assange" vor Gericht. Es gibt bisher ein Auslieferungsgesuch der USA und eine Anklageschrift mit einem konkreten Vorwurf , nämlich dem der Verschwörung von Julian Assange mit Chelsea Manning (damals noch Bradley Manning). Die Anklageschrift wirft Assange unter anderem vor, Manning im Jahr 2010 technisch geholfen zu haben, an bestimmte Informationen zu kommen, und sie animiert zu haben, nach weiteren Informationen zu suchen.

Diese Anklageschrift wirft viele Fragen auf. Geht es wirklich allein um die darin erhobenen Vorwürfe oder sind sie nur Vorboten? In welchem Maße war das in der Anklageschrift beschriebene Vorgehen Assanges von der Pressefreiheit gedeckt? Kriminalisiert die Anklage legitimen investigativen Journalismus ? Die größte Frage aber ist: Wie wird die Weltöffentlichkeit mit diesem Fall umgehen?

Für das globale Publikum beginnt nämlich nun der schwierigste und anstrengendste Teil der bisherigen WikiLeaks-Geschichte: Die juristische Aufarbeitung, der Blick weg von Personen und Stories hin zu trockenen Paragrafen und teils undurchsichtigen weltpolitischen Vorgängen. Und auch wenn kaum jemand noch Lust dazu hat: Dieser Teil der Geschichte, oft antizipiert und lange erwartet, muss besonders aufmerksam verfolgt werden.

Es geht um den Umgang mit Enthüllern - auch mit unbeliebten

Wenn es aus Ecuador heißt, die Briten hätten zugesichert, Assange nicht an ein Land auszuliefern, in dem ihm Folter oder die Todesstrafe droht, kann man stutzen: Für welche Vergehen käme das in dem Zusammenhang überhaupt in Frage? Wenn es um eine drohende lange Haftstrafe geht, gilt es zu fragen: Wofür genau? Wenn von einem fairen Prozess die Rede ist, stellt sich die Frage: Wie sähe der aus?

Die Bereitschaft der breiten Bevölkerung, sich mit all dem auseinanderzusetzen, haben Assange und WikiLeaks in den vergangenen Jahren wohl in weiten Teilen verspielt. Deshalb ist die Erkenntnis wichtig, dass hier längst nicht nur WikiLeaks und Julian Assange angeklagt sind, sondern der generelle Umgang mit geheimen Informationen und deren Enthüllung verhandelt wird.

Mancher verloren gegangene Unterstützer der Plattform stellt sich in diesem Prozess darum vielleicht doch noch einmal auf deren Seite, obwohl er dort längst nicht mehr stehen wollte. Andere verlassen sie vielleicht endgültig. Für ein Urteil aber ist es noch zu früh. Die Geschichte hat ja gerade erst begonnen.

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