WWW-Erfinder Tim Berners-Lee "Das Web funktioniert nicht für Frauen und Mädchen"

Nutzerinnen werden online bedroht, belästigt und benachteiligt. World-Wide-Web-Erfinder Tim Berners-Lee verlangt Gleichberechtigung im Netz - gerade auch in Zeiten des Coronavirus sei alles andere inakzeptabel.
Schülerinnen und Lehrerin vor dem Rechner: Die Benachteiligung von Frauen und Mädchen im Internet bedroht den Fortschritt, sagt WWW-Erfinder Tim Berners-Lee

Schülerinnen und Lehrerin vor dem Rechner: Die Benachteiligung von Frauen und Mädchen im Internet bedroht den Fortschritt, sagt WWW-Erfinder Tim Berners-Lee

Foto: Corbis

World-Wide-Web-Erfinder Sir Tim Berners-Lee ist "ernsthaft besorgt", dass die Benachteiligung von Frauen und Mädchen im Internet den allgemeinen Fortschritt bei der Geschlechtergleichheit bedroht. Besonders betroffen seien Nichtweiße, Mitglieder der LGBT+-Community und andere marginalisierte Gruppen.

"Das Web funktioniert nicht für Frauen und Mädchen", schrieb Berners-Lee zum 31. Jahrestag der Erfindung des World Wide Webs (WWW) auf der Seite der Web Foundation . Der Informatiker hatte am 12. März 1989 seinen Vorschlag für ein System für Informationsmanagement  vorgelegt, aus dem das WWW hervorging. Er arbeitete damals bei der Europäischen Organisation für Kernforschung (Cern) in Genf.

Drei Problemfelder hält Berners-Lee für besonders wichtig:

  • Neuen Untersuchungen der Web Foundation und der World Association of Girl Guides and Girl Scouts  zufolge habe schon mehr als die Hälfte der jungen Frauen online Gewalt erfahren, durch Drohungen, Belästigungen oder die Verbreitung von privaten Fotos ohne ihre Zustimmung. Viele gäben ihre Ausbildung ihre Arbeit oder ihr politisches Amt deshalb auf, andere zögen sich aus sozialen Medien zurück und die Welt verliere damit ihre Stimmen. 84 Prozent der von der Web Foundation Befragten würden davon ausgehen, dass sich diese Zustände noch verschlimmern werden.

  • Zweitens sei es bei Männern um 21 Prozent wahrscheinlicher, dass sie einen Netzzugang haben, in den ärmsten Ländern sei es sogar um 52 Prozent wahrscheinlicher. Damit werde die Ungleichheit gefestigt, so Berners-Lee: Millionen Mädchen und Frauen hätten nicht die Chance, online zu lernen, Geld zu verdienen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.

  • Drittens diskriminierten manche Anwendungen künstlicher Intelligenz Frauen. So habe 2018 eine Amazon-Anwendung für Arbeitsplatzvermittlung  gestoppt werden müssen, weil die Algorithmen aufgrund historischer Daten aus Zeiten, als überwiegend Männer bestimmte Jobs innehatten, bei der Auswahl Männer bevorzugte.

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Berners-Lee appellierte an "alle, die Technologie gestalten", sich des Problems anzunehmen. "Das Handeln von Regierungen und Unternehmen kommt zu langsam, und sie tun zu wenig", kritisierte Berners-Lee. Die Coronavirus-Pandemie verdeutliche, wie dringend der Handlungsbedarf sei. Wenn Büros und Schulen schließen, sei das Web "ein Rettungsseil, das es uns erlaubt, weiter zu arbeiten, unsere Kinder zu unterrichten und lebenswichtige Informationen zu bekommen". Eine Welt, "in der so vielen Frauen und Mädchen der Zugang zu diesen Grundlagen verwehrt wird", sei absolut inakzeptabel.

pbe/dpa
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