YouTube Google-Manager in Italien vor Gericht

In Italien ist ein Verfahren im Gange, das wichtig für Rechte und Pflichten im Netz werden könnte. Google-Manager sind angeklagt, weil bei YouTube ein Video zu sehen war, das die Misshandlung eines autistischen Jungen zeigte. Nun musste das Verfahren vertagt werden - wegen Sprachproblemen.


Rom - Der Prozess könnte durchaus eine der Grundfesten des Web 2.0 ins Wanken bringen - die Politik "erst veröffentlichen, dann filtern". Gegenstand der Verhandlung ist ein Video, das im Jahr 2006 eine zeitlang bei YouTube zu sehen war. Es zeigte, wie vier Schulrowdys einen autistischen Mitschüler schlugen und beschimpften. Einer der Schläger tat währenddessen so, als riefe er mit seinem Handy bei Vivi Down an, einer Hilfsorganisation für Menschen mit Down-Syndrom. Diese Organisation war es auch, die Klage gegen Google einreichte.

Am Dienstag wurde der Prozess gegen die Google-Spitzenkräfte erst einmal verschoben: Ein Dolmetscher war nicht anwesend, die Aussage eines Google-Technikers über die Funktionsweise von YouTube konnte deshalb nicht aufgenommen werden. Am 29. September erst soll weiterverhandelt werden - dann werden wohl viele, die online ihr Geld verdienen, nach Rom blicken.

Eingestellt wurde das Video Associated Press (AP) zufolge kurz bevor Google YouTube aufkaufte. Das Video wurde schließlich, nach der Übernahme, entfernt. Wie lange es genau online war, ist unter den beiden Parteien umstritten. Die vier Schläger jedenfalls wurden, auch mit Googles Hilfe, von einem Jugendrichter zur Verantwortung gezogen.

Die Kläger aber wollen mehr: Den vier Google-Managern, namentlich Chefjurist David Drummond, der ehemalige Finanzchef George Reyes, Marketing-Manager Arvind Desikan und der für Datenschutz und Privatsphäre zuständige Peter Fleischer, werfen die Kläger vor, die Persönlichkeitsrechte des misshandelten Jungen verletzt zu haben. Das Video, so die Argumentation der Kläger, hätte gar nicht erst bei YouTube landen dürfen. Die Höchststrafe in dem Verfahren könnte AP zufolge drei Jahre Gefängnis betragen. Gegen die Manager wird in Abwesenheit verhandelt.

Briefträger für Hasspost belangen?

In einer Erklärung von Google zum Thema heißt es, man halte es für "vollkommen verkehrt", dass das Verfahren überhaupt stattfinde: "Das ist, als ob man Angestellte eines Postdienstleisters belangen will, weil mit der Post auch Hassbriefe geschickt werden." YouTube sei eine "neutrale Plattform". Diese für die dort eingestellten Inhalte verantwortlich machen zu wollen wäre somit ein "direkter Angriff auf ein freies, offenes Internet".

Die Staatsanwaltschaft will Google eigenen Angaben zufolge gar nicht dazu zwingen, alle eingestellten Videos zuvor zu kontrollieren - das wäre bei der gigantischen Menge an Material, die dort jeden Tag eingeht, schlicht unmöglich: 15 Stunden Video werden dort laut Google derzeit pro Minute hochgeladen.

Die Kläger fordern deshalb mehr automatische Filter und zusätzliche Warnungen an die Adresse der Nutzer, die Persönlichkeitsschutz, Privatsphäre und Urheberrecht betreffen sollen. Inwieweit dies allerdings im vorliegenden Fall geholfen hätte, ist zumindest unklar.

Außerdem, so die Kläger, habe Google Italien nicht genügend Mitarbeiter abgestellt, um von Nutzern als "unangemessen" markierte Videos zu prüfen und gegebenenfalls zu entfernen. Eben auf diese Selbstreinigung - Nutzer melden anstößige Videos, diese werden geprüft und unter Umständen entfernt - verweist YouTube, ebenso wie viele andere Betreiber von Seiten mit nutzergenerierten Inhalten, stets, wenn der Vorwurf mangelnder Kontrolle erhoben wird.

cis/AP



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