Zehn Thesen zum Web Warum die Dummheit des Internets ein Segen ist

Verletzte Urheberrechte, Horrorbilder, Pornografie: Im Wahlkampf ertönt der Ruf nach Regulierung des Internets besonders laut. Solche Forderungen greifen zu kurz, findet Christian Stöcker. Das Netz ist deshalb so nützlich, weil es frei, global, wild ist - und dumm. Zehn Wahrheiten über das Web.

1. Das Internet ist dumm - und das ist gut so

Die Väter des Internets hatten keine Vision von einer besseren, besser informierten Welt. Sie wollten nur sicherstellen, dass Datenpakete wohlbehalten von A nach B kommen - völlig egal, was in diesen Paketen steckt, woher sie kommen und wohin sie gehen. Das Netz selbst ist blind gegenüber den Inhalten, die es durchwandern, es weiß nichts von den Absendern und Adressaten all der Datenpäckchen. Die Protokolle, die es möglich machen, unterscheiden nicht zwischen einer E-Mail, einem Stückchen Musikvideo oder einer illegal heruntergeladenen Audiodatei.

All die technischen Wunder, die das Internet heute ermöglicht, sind dieser fundamentalen Ignoranz des Internets gegenüber Daten geschuldet - und der immer weiter wachsenden Intelligenz der Endpunkte an den Rändern des Netzes: Flashvideos, Onlinespiele, Podcasts, Livestreams und im Browser benutzbare Software funktionieren nur deshalb, weil die Endpunkte des Netzwerkes, unsere Rechner, immer klüger werden.

Es gibt allerdings durchaus Bestrebungen, das zu ändern. Mancher Internetprovider würde die Päckchen gerne, je nach Quelle, langsamer oder schneller transportieren. Mancher Regulierer möchte die Päckchen am liebsten irgendwo unterwegs aufschnüren und bei Bedarf einen Blick hineinwerfen können - es könnte ja Teil einer Bombenbauanleitung, eine Terroristen-Verabredung oder ein illegaler Download darin stecken. Die entsprechende Technologie gibt es bereits - sie flächendeckend einzusetzen würde allerdings grobe Eingriffe in die Infrastruktur des Netzes erfordern. Abgesehen davon, dass ein solcher Eingriff fatal wäre: Die Tatsache, dass das Internet so rasant gewachsen ist, dass seine Nützlichkeit weiterhin exponentiell zunimmt, ist nicht zuletzt der Tatsache zu verdanken, dass es so dumm ist.

Die Internetnutzer sind selbst schuld an dem, was das Netz gefährlich macht

In der ersten Augustwoche 2009 wurde der Internet-Kurznachrichtendienst Twitter zum Opfer einer sogenannten verteilten Denial-of-Service-Attacke(DDoS). Auch andere Plattformen waren von dem Angriff betroffen, etwa Facebook und YouTube. Ob der Angriff wirklich auf einen einzelnen Mann gerichtet war, einen georgischen Blogger, ist noch ungewiss - eins aber ist sicher: Ohne die Hilfe Zehntausender argloser Internetnutzer hätte die Attacke nicht stattfinden können.

Solche Angriffe gehören zu den realen Gefahren des Internets, und sie sind nur aus einem Grund möglich: Nicht ausreichend vor Viren geschützte PC lassen Schadcode ein, ein entsprechendes Progrämmchen installiert eine Hintertür, durch die der Virenschreiber jederzeit wieder Zugriff auf den Rechner bekommen kann. Aus vielen derart ferngesteuerten Rechnern kann sich ein findiger, böswilliger Hacker dann ein sogenanntes Botnet bauen, eine Zombie-Armee, die er zum Spam-Verschicken oder eben für gezielte Angriffe auf bestimmte Web-Angebote nutzen kann. Genau so eine Attacke zwang vergangenen Donnerstag auch Twitter vorübergehend in die Knie.

Am Ende werden Botnetze in der Regel zu Problemen für große Anbieter, seien es populäre Webdienste oder Banken. Der Ursprung der Probleme jedoch liegt auf den einzelnen Rechnern selbst: Wären sie anständig abgedichtet, wären ihre Nutzer klug genug, nicht blindlings E-Mail-Anhänge zu öffnen oder Software aus fragwürdiger Quelle zu installieren, wäre das Aufstellen einer solchen Zombie-Armee ungleich schwieriger. Verwundbar ist das Netz vor allem an seinen Endpunkten. Wer mehr Sicherheit fürs Netz fordert, müsste damit also zunächst einmal bei jedem Nutzer zu Hause anfangen. Der Kampf gegen die echten Gefahren aus dem Internet - Hack-Attacken, Viren, Datendiebstahl, Betrug - aber ist ungleich komplexer und schwieriger, als sich lautstark über Inhalte aufzuregen, die einem nicht passen ("Killerspiele", "Horror-Videos", Pöbeleien).

Wer über die Gefahren des Netzes lamentiert, meint in Wahrheit meist schlechte Manieren

Was in den vergangenen Wochen und Monaten in der politischen Sphäre Deutschlands über das Internet gesagt wurde, ist überwiegend wenig schmeichelhaft. Ständig ist da von "Schmutz", "Vulgarität", "Pöbelei" und Ähnlichem die Rede. Aktuell sah sich der Chef des Bundeskanzleramts, Thomas de Maizière (CDU) einmal mehr genötigt, vor den "Scheußlichkeiten" zu warnen, die online drohten, und die durch "Verkehrsregeln im Internet" verhindert werden müssten.

Die meisten der Scheußlichkeiten, von denen hier mutmaßlich die Rede ist, haben mit dem Internet an sich allerdings gar nichts zu tun: Es handelt sich dabei lediglich um Erzeugnisse und Äußerungen von Menschen, die die Grenzen von Anstand und gutem Geschmack weit überschreiten.

Solche Übertretungen sind kein neues Phänomen. Es gibt sie mindestens so lange, wie es die menschliche Sprache gibt. Geändert hat sich vor allem eins: Es ist heute, online, ungleich einfacher, sich wirkungsvoll schlecht zu benehmen. Es ist, nicht erst seit 1993, absolut wünschenswert, gegen schlechte Manieren vorzugehen. Das aber hat wenig mit dem Internet und viel mit der Erziehung seiner Nutzer zu tun. Das Internet ist, siehe oben, ebenso dumm wie Papier geduldig ist. Geschmacklosigkeiten begegnet man on- wie offline am besten gleich: Man bringt seinen Kindern bei, sie selbst bitteschön zu unterlassen - und sie zu ignorieren, oder sich gegen sie zu wehren, wenn man anderswo auf sie trifft. Eine schlichte Grundregel für die Netzbenutzung der Zukunft könnte lauten: Tue online nichts, was Du offline nicht auch tun würdest. Und: Man muss sich wirklich nicht alles ansehen, was es zu sehen gibt.

Wir sollten aufhören, den Exhibitionismus anzuprangern, solange wir den Menschen schamlos und ohne jede Hemmung durchs Wohnzimmerfenster starren

In den Niederlanden haben die Menschen schon seit der Frühzeit des Calvinismus keine Vorhänge im Erdgeschoss. "Seht her", hieß das ursprünglich einmal, "wir haben nichts zu verbergen, unsere Teller sind auch nicht aus Gold und wir essen Kartoffeln, genau wie Ihr, liebe Nachbarn". Zum guten Ton gehört umgekehrt bis heute, dass man trotz fehlender Vorhänge nicht durch die Fenster ins Wohnzimmer starrt (das tun nur die Touristen).

Diese Art von Etikette hat sich unter den besorgten Beobachtern der "Jugend von heute" noch nicht so recht durchsetzen können - dabei wäre es ganz einfach, per Analogieschluss zu einer angemessenen Art des Umgangs zu kommen. Wer bei Facebook, StudiVZ oder MySpace Bilder von sich ins Netz stellt, wer von der rauschenden Party am Vorabend berichtet, der ist in der Regel keineswegs "exhibitionistisch", wie das in den vergangenen Jahren in nahezu jedem Artikel über die Jugend und das Netz zu lesen war. Die Leute, die da kommunizieren (denn nichts anderes geschieht dort), reden ja gar nicht mit Ihnen. Sondern mit ihren eigenen Freunden und Bekannten. Ihrem privaten Umfeld. Wenn im Park jemand auf einer Bank sitzt und seinem besten Freund Fotos von der Party gestern Abend zeigt, setzt man sich ja auch nicht daneben und glotzt.

Nun aber ist die Situation so: Die gleichen Medien, die heute den Exhibitionismus der Jugend beklagen, glotzen morgen wieder durch die geöffneten Wohnzimmerfenster der Social Networks, wenn es eine Geschichte hergibt. Das Durchwühlen privater Profile auf Community-Web-Seiten gehört inzwischen zum Handwerk des Boulevards. Mit anderen Worten: Der Voyeur selbst ist es, der hier "Exhibitionismus" anprangert.

Für den mittlerweile sprichwörtlichen Personalchef, der seine Kandidaten erstmal googelt, sollte das Gleiche gelten: Was fällt ihm ein, erst gezielt nach den Partybildern zu suchen und sie dann gegen Bewerber zu verwenden? Und wie kommt es, dass unsere Gesellschaft ein solches Verhalten toleriert? Schickte der Personalchef einen Privatdetektiv los, um den Bewerber nächtens bei der Party im Park in flagranti zu erwischen und zu knipsen, gäbe es zu Recht einen Aufschrei, würde man von einer Verletzung der Privatsphäre sprechen. Warum ist es also akzeptabel, in dem augenscheinlich privaten Bereichen eines Online-Angebotes herzumzuschnüffeln und die Funde dann auch noch triumphierend herumzuzeigen?

Wir brauchen eine neue Definition von Öffentlichkeit

Das Internet und das, was darin geschieht, wird derzeit noch überwiegend als Pendant zum journalistischen Publizieren betrachtet: Wer etwas veröffentlicht, weil er es auf eine Web-Seite gestellt hat, ist selbst schuld. Wenn es erstmal draußen ist, darf es sich jeder ansehen, jeder darf daraus zitieren (manche Medien sind sogar der Meinung, sie dürften so veröffentlichte Fotos einfach übernehmen und abdrucken) und es bei Bedarf gegen den Autor verwenden.

Für Gespräche in der Kneipe gilt diese Betrachtungsweise bislang nicht: Obwohl sie auch an einem öffentlichen Ort stattfinden, würde man auf wenig Gegenliebe stoßen, wenn man sie aufzeichnen und ihren Inhalt anschließend gegen die Gäste verwenden würde. Auch für das Internet sollte klar sein: Hier findet an von den Benutzern als geschützten Räumen wahrgenommenen Orten private Kommunikation statt. Nicht alles, was online ist, ist auch "öffentlich" im herkömmlichen Sinn. Manche Anbieter haben diese schlichte Wahrheit technisch umgesetzt - etwa über abstufbare Systeme, mit denen sich Profilseiten je nach Betrachter privater oder eben diskreter gestalten lassen.

Es ist aber auch ein Umdenken bei den Nutzern und vor allem den Kritikern digitaler Kommunikation nötig: Nicht alles, was belauscht werden darf, sollte belauscht werden, nicht alles, was zu sehen ist, muss man sich ansehen. Das ist eine Frage der Etikette.

Jugendschutz ist wichtig, aber nicht wichtiger als alles Andere

Wenn man derzeit denen lauscht, die nach mehr Regulierung im Netz rufen, bekommt man einen ziemlich unmissverständlichen Eindruck: Am liebsten wäre ihnen ein Internet mit Jugendfreigabe "ab 12". Onlinespiele, Pornografie, Ekelbilder, provokante Texte - das alles soll bitteschön am besten gar nicht mehr verfügbar sein. Dann ist das Netz sicher, denn schließlich sind es ja die Kinder, die da ständig drin sind. Das entspricht vermutlich sogar der Lebenswirklichkeit vieler Menschen jenseits der 50, die online nur hin und wieder mal eine E-Mail abschicken oder einen Schaukelstuhl bei Ebay verkaufen. Das schlimme Internet, über das man so viel liest, vermuten sie eher auf den Monitoren ihrer Kinder.

Den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor grausigen, scheußlichen oder pornografischen Inhalten aber zur obersten Priorität bei der Regulierung des Netzes zu machen, wäre ein großer Fehler. Nicht umsonst sind hierzulande (und in den meisten anderen westlichen Demokratien) Erwachsenen Dinge gestattet, die Kindern und Jugendlichen verboten sind. Erwachsene haben die Freiheit, sich zu betrinken, sich Pornografie anzusehen, brutale Filme zu sehen oder ihren Körper mit Nikotin zu vergiften. All das betrachten wir als Ausdruck unserer Freiheit in einer freien Gesellschaft.

Umgekehrt betrachten wir Gesellschaften, in denen beispielsweise Pornografie (China, Indien, etc.), oder öffentlicher Alkoholkonsum verboten ist (USA), als weniger frei, ja womöglich sogar als ein bisschen rückständig. Diese Freiheiten nun online leichtfertig zur Disposition zu stellen, weil es schwieriger erscheint, die Online-Aktivitäten von Kindern und Jugendlichen zu überwachen als das, was sie offline tun, wäre fatal.

Sicher ist: Jugendschutzregelungen lassen sich in Grenzen immer umgehen, und das geschieht auch fortwährend. Jugendschutz ist ein Prozess, der permanent neu ausgehandelt werden muss, dessen Rahmenbedingungen ständig neu definiert werden müssen, damit das Recht des Einzelnen dabei nicht auf der Strecke bleibt. Das Moralempfinden einer bestimmten Generation zum Gradmesser für das zu machen, was im Netz erlaubt sein sollte, ist nicht nur technisch nicht umsetzbar - es wäre auch ein äußerst kurzsichtiger Umgang mit unserem höchsten Gut: unserer Freiheit.

Die Staaten dieser Welt werden sich nicht darüber einigen, wie das Netz sein sollte

Ein Konsens über akzeptable Inhalte für das Internet ist nicht in Sicht - und er wird sich auch niemals herstellen lassen. Das Moral- und Geschmacksempfinden von Sittenwächtern aus Dubai, Deutschland, China, Schweden und den USA unter einen Hut zu bringen, ist ein utopisches Unterfangen. Wenn man sich auf eine internationale Zensur-Infrastruktur einigen sollte, um das Netz sauber zu halten, an wessen Empfinden sollte sich das Sauberkeitsregime orientieren? An den USA, was Gewaltdarstellungen angeht und an Schweden, was den Sex betrifft? Oder umgekehrt?

Es ist dennoch möglich, einen internationalen Minimalkonsens darüber herzustellen, welche Verbrechen geahndet werden sollten

Familienministerin von der Leyen hat im Zusammenhang mit der Debatte über das Zugangserschwerungsgesetz gegen Kinderpornografie im Netz immer wieder betont, es gebe eine Vielzahl von Staaten, in denen es gar keine Gesetze gegen Kinderpornos gebe. Sie vergaß dabei regelmäßig zu erwähnen, dass in den meisten dieser Staaten Pornografie ganz generell verboten ist, es also naturgemäß kein eigenes Kinderpornoverbot mehr braucht. Festzuhalten ist aber: Wenn man auf politischer Ebene über dieses Thema einen Dialog aufnimmt, wird man wohl kaum einen Staat finden, dessen Lenker sich für ein freies Recht auf Kinderpornos aussprechen, im Gegenteil.

Das Gleiche gilt für viele andere Straftaten: Auf eine klare, unzweideutige Haltung zu Themen wie Betrug, Mord, Diebstahl, Hehlerei oder Menschenhandel könnten sich vermutlich die meisten Regierungen auf diesem Planeten einigen - wenn man es denn einmal versuchte. Auslieferungsabkommen, Interpol und internationale Kooperation bei der Verbrechensbekämpfung gibt es auch jetzt schon - warum sollte das für Verbrechen, die mit dem Internet im Zusammenhang stehen, nicht auch funktionieren?

Was tatsächlich möglich ist, zeigte vor kurzem eine Studie der Universität Cambridge : Die Forscher fanden heraus, dass gemeldete Phishing-Seiten, die Bankdaten ausspähen sollten, im Schnitt nach wenigen Stunden aus dem Netz verschwinden - während Seiten mit Kinderpornografie oft noch einen Monat nach der Meldung im Netz standen. Die Effektivität solcher Säuberungsmaßnahmen hänge nicht zuletzt "von den Anreizen für Organisationen ab, dafür angemessene Ressourcen zur Verfügung zu stellen", schlussfolgerten die Autoren aus ihren Ergebnissen.

Anders gesagt: Weltweit als abscheulich betrachtete Straftaten wie die Darstellung der Vergewaltigung von Kindern werden im Netz weniger wirksam bekämpft als Straftaten, bei denen es um Geld geht. Das wäre doch mal ein schöner Ansatzpunkt für die Politik. Allerdings ist es eher eine Aufgabe für das Außen- und das Justiz- als das Familienminsterium.

Kulturpessimismus kann Wandel weder aufhalten noch in sinnvoller Weise formen

Das Internet verursacht einen globalen Wandel, der vermutlich mindestens so tiefgreifend sein wird wie die Folgen der Einführung des Buchdrucks oder der Industrialisierung. Wir stehen nach wie vor am Anfang dieser rasanten Entwicklung, deren langfristige Auswirkungen heute niemand ernsthaft vorhersagen kann. Für die Gesellschaft, für die Politik und für viele Wirtschaftszweige hat dieser Wandel bereits jetzt massive, deutlich spürbare Folgen. Gerade die Branchen, die bislang am Verkaufen geistigen Eigentums Geld verdient haben, stehen vor schweren Zeiten.

Diesem fundamentalen Wandel jedoch mit einer prinzipiellen Abwehrhaltung zu begegnen, mit Rückzugsgefechten und ständigen Verweisen auf die gute alte Zeit, bringt rein gar nichts. Das Internet ist da, es ist global, es ist ein Hort für Information - und zwar auch für solche, die man vielleicht ekelhaft, geschmacklos oder geschäftsschädigend findet. Es gilt, Wege zu finden, mit diesem Wandel in konstruktiver Weise umzugehen. An diesem Punkt ist man in Deutschland noch nicht angekommen - bislang wird vor allem lamentiert, mehr oder minder sinnvoll reglementiert - und die neue Infrastruktur wird vom Gesetzgeber vor allem als neues Überwachungsinstrument in Stellung gebracht (Vorratsdatenspeicherung, Bundestrojaner).

Die Vorteile eines freien Internets überwiegen seine Nachteile

Das Internet, oder besser: das World Wide Web, hat die Welt in den vergangenen 16 Jahren bereits fundamental verändert. In Ländern wie Iran, China oder Ägypten wird es von Oppositionellen im Kampf um mehr Freiheit genutzt; E-Mail, Instant Messaging und kostenlose Videotelefonie verkürzen heute die Distanzen zwischen um den Erdball verstreuten Freunden oder Familienangehören. Es ist eine globale Kultur des Teilens und Zusammenarbeitens entstanden, deren eindrucksvollstes Ergebnis sicher Wikipedia heißt - wer hätte vor 20 Jahren geglaubt, dass ganz normale Menschen einmal gemeinsam und unentgeltlich eine immens wertvolle Ressource schaffen würden, die nun vom ganzen Planeten genutzt werden kann?

Gleichzeitig hat das Internet Geschäftsmodelle in Gefahr gebracht, Abscheulichkeiten verfügbar gemacht und auch dem Terror und dem Wahnsinn völlig neue Vernetzungs- und Organisationsmöglichkeiten eröffnet.

Insgesamt aber muss, wer das Internet für überwiegend schädlich hält, ein Menschenfeind sein. Das Netz ist vor allem eins: Der größte Informationsvermittler und -speicher, den die Menschheit jemals zur Verfügung hatte. Vor nicht allzu langer Zeit herrschte im alten Europa noch Konsens darüber, dass mehr Information in der Regel besser ist als weniger Information. Dass die Möglichkeit, Bildung und Wissen zu erwerben, begrüßenswert ist, dass die Welt dadurch zu einem besseren, freieren, womöglich glücklicheren Ort wird.

Manchmal kann man dieser Tage den Eindruck bekommen, dieser alte Konsens gelte nun nicht mehr: Weil unter der vielen Information im Netz auch so viel ist, das dem einen oder anderen nicht behagt.