Gefragte Spielkonsole Sind wirklich Bots daran schuld, dass es nirgendwo eine Playstation 5 gibt?

Elektromärkte verschicken manche bezahlte Playstation 5 erst zwei Monate nach Verkaufsstart, Neuinteressenten können nicht einmal mehr vorbestellen. Was steckt dahinter?
Die Playstation 5 hat den erfolgreichsten Konsolenverkaufsstart überhaupt hingelegt: Seit Wochen ist sie im Handel so gut wie gar nicht zu bekommen

Die Playstation 5 hat den erfolgreichsten Konsolenverkaufsstart überhaupt hingelegt: Seit Wochen ist sie im Handel so gut wie gar nicht zu bekommen

Foto: Neundorf / Kirchner-Media / imago images

Eine Frechheit, eine Schande, ein Skandal: Unter dem Twitter-Hashtag #wobleibtmeinePS5 schreiben sich verärgerte Playstation-5-Fans seit Wochen den Frust von der Seele. Obwohl sie teilweise schon lange vor Verkaufsstart bei bekannten Händlern wie Saturn und Media Markt bestellt und bezahlt haben, warten manche noch immer auf die Lieferung ihrer Next-Gen-Spielkonsole. Da wird den Elektromärkten schon mal die Insolvenz gewünscht.

Mittlerweile mischen sich aber immer mehr Versandbestätigungen unter das angespannte Grundrauschen. Gibt es also bald endlich auch Nachschub für alle, die bislang nicht einmal die Chance hatten, eine Vorbestellung abzugeben?

Jüngste Berichte über eine Lieferung an den britischen Fachhändler Game verheißen wenig Gutes. Statt von einzelnen Interessenten wurde dessen frisches Konsolenkontingent Berichten zufolge in rasanter Geschwindigkeit von einem Bot-Netzwerk aufgekauft. Auf Twitter prahlte der Account des sogenannten Carnagebot mit 2000 erfolgreichen Bestellungen in weniger als zehn Minuten.

Scalping ist kein neues Phänomen

Angebote wie der Carnagebot zielen auf Menschen, die mit den Kaufinteressen anderer Geld verdienen wollen. Das sogenannte Scalping, der massenhafte Kauf von seltenen oder schwer verfügbaren Dingen und deren Weiterverkauf zu überhöhten Preisen, ist kein neues Phänomen, über seinen Einfluss auf Märkte und Onlineangebote wird seit Jahren diskutiert.

In der Aufregung um die Playstation 5 geht auch schnell unter, dass nicht jeder automatisierte Klick letztlich zu einer ausgelieferten Konsole führt. Game beispielsweise hat angekündigt, sämtliche aufgegebenen Bestellungen genau zu prüfen und Mehrfachanfragen zu stornieren.

Bei vielen Konsoleninteressenten bleibt trotzdem das Gefühl: Bots ruinieren uns den Spaß. Die tatsächliche Marktlage aber spricht eine andere Sprache.

Millionen Konsolen stehen bereits in den Wohnzimmern

Erste Indizien dafür liefert Sony selbst. Laut einem Interview mit Jim Ryan , dem Chef von Sony Interactive Entertainment, hat sich die neue Konsole allein in den USA innerhalb der ersten zwölf Stunden so häufig verkauft wie die Playstation 4 in den ersten zwölf Wochen: Hierbei dürfte es um weit mehr als zwei Millionen Exemplare gehen.

Gäbe es ein massives Scalping-Problem, müsste es allein auf Basis dieser Zahl eine Flut von Onlineangeboten geben. Auf der US-Website StockX, einer Art Ebay für Profi-Scalper, liegt die Zahl der weiterverkauften Playstation-5-Konsolen weltweit aber unter 80.000 Geräten. Bei Ebay selbst sieht es kaum anders aus. Laut dem US-Analysten Michael Driscoll wechselten dort bis Anfang Dezember nur 30.000 Konsolen den Besitzer.

Scalper tragen also sicherlich ihren Teil zur Konsolenknappheit bei. Die Geschichte aber, dass Bots wie Heuschrecken über die Lagerbestände herfallen und Normalkäufern keine Chance lassen, ist wohl eine Übertreibung. Millionen Playstation-5-Besitzer dürften ihre Konsolen ohne technische Tricks erworben haben – durch gewöhnliche Onlinebestellungen zum richtigen Zeitpunkt.

Ein Großteil der Bot-Netzwerke hat Produktkategorien mit größeren Gewinnspannen im Visier. Die sogenannten Cookgroups, also Communitys, die auf eigenen Plattformen oder Discord-Servern Veröffentlichungstermine teilen, Bots vermieten und Strategien besprechen, haben ihren Ursprung in der Sneakerszene. Die größten und beliebtesten Gruppen fokussieren sich auch heute noch auf den Weiterverkauf von limitierten Turnschuhen und Streetwear von Nike, Supreme oder Adidas.

Käufer der Playstation 5: Die Konsole kostet offiziell je nach Ausstattung 400 bis 500 Euro

Käufer der Playstation 5: Die Konsole kostet offiziell je nach Ausstattung 400 bis 500 Euro

Foto: via www.imago-images.de / imago images/ANP

Dieses Geschäft lohnt sich: Ein seltenes Schuhmodell von Rapper Travis Scott kann schon mal mit einer Preissteigerung von 800 bis 900 Prozent weiterverkauft werden. Eine Playstation 5, die je nach Ausstattung regulär 400 oder 500 Euro kostet, wird man maximal zum doppelten Preis los. Bei Konsolen gibt es die hausgemachte, absichtliche Verknappung nicht, die den Sneakermarkt ausmacht: Das Angebot gleicht sich früher oder später der Nachfrage an – spätestens dann wandern Scalper ab.

Ein Scalper aus England bestätigt dem SPIEGEL, dass limitierte Schuhkollektionen noch immer am besten laufen. Sneaker-Scalping sei wegen der großen Konkurrenz im Segment ohne Bots heute nicht mehr möglich, sagt er: Bei bestimmten Onlinehändlern wie Union Los Angeles allerdings müsse man sich weiter auf sein Glück verlassen. Bots hätten es dort schwer, durch das engmaschige Sicherheitsnetz zu schlüpfen.

Bots sind wohl eher eine Seltenheit

Die großen deutschen Elektromärkte, die die Playstation 5 vertreiben, wollen sich nicht zu Themen wie Bots und Scalping äußern. Nachfragen des SPIEGEL bei Media Markt, Saturn und Amazon zum Thema Massenbestellungen blieben unbeantwortet, lediglich Expert gab ein Statement ab. Laut einer Sprecherin achte man akribisch darauf, nur eine Konsole pro Kunde herauszugeben und Mehrfachbestellungen zu stornieren.

Dafür, dass Bot-Netzwerke auf dem deutschen Markt eine entscheidende Rolle spielen, fehlen Belege. Auch eine stichprobenartige Analyse des Playstation-5-Gebrauchtmarkts in Deutschland liefert keine Anhaltspunkte auf ein Massenproblem: Die Angebote bei Ebay und Ebay-Kleinanzeigen landen zusammengenommen gerade mal im vierstelligen Bereich.

Auch Gespräche, die der SPIEGEL mit deutschsprachigen Scalpern führen konnte, deuten eher nicht auf Onlinetricksereien hin. In Reseller-Gruppen tausche man sich über Neuigkeiten zu Lieferterminen aus, heißt es, Bots setzen angeblich aber die wenigsten Scalper ein. Sie verlassen sich nach eigener Aussage wie echte Konsolenfans auch mehr auf Timing und Glück.

Es gibt noch ein anderes Problem

Grundsätzlich ist es bemerkenswert, dass in Onlinediskussionen ausgerechnet Scalpern und Bots die Schuld für den Konsolenengpass gegeben wird. Eine offensichtlichere Erklärung findet sich am Anfang des Fertigungsprozesses, bei den Chipherstellern. Im Fall der Playstation 5 ist das TSMC.

Einer der bekanntesten Kunden der taiwanesischen Firma ist AMD, das nicht nur Grafikkarten und Prozessoren produziert, sondern auch Sonys neueste Konsole mit entsprechenden Chips bestückt. Die Ressourcen dafür sind endlich, die Nachfrage aus anderen Sparten ist hoch . Selbst AMD-Chefin Lisa Su zeigte sich überrascht von der Nachfrage nach aktuellen Konsolen. Die Lage auf dem Hardwaremarkt dürfte so deutlich mehr Einfluss auf den Konsolenmarkt haben, als der Versuch von Scalpern, dort mitzumischen.

Ein wenig Hoffnung für Playstation-Fans gibt es immerhin: Laut einem aktuellen Bericht eines taiwanesischen Fachmagazins ist die Produktion der für Sony wichtigen Halbleiter hochgeschraubt worden. Bis Ende 2021 sollen demnach etwa 17 Millionen Konsolen vom Fließband rollen. Dann dürfte auch der Hashtag #wobleibtmeinePS5 an Bedeutung verlieren.