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13. Juli 2007, 13:54 Uhr

Chat über virtuelle Welten

Spontos Ausflug ins Erste Leben

Der Redakteur hinter Avatar-Dame Sponto stellte sich im Chat den Fragen der SPIEGEL-ONLINE-Leser. Die fragten kritisch und klug, erfuhren so einiges über Sponto und "Second Life" - auch warum die Avatardame eigentlich überhaupt "ein bisschen im Virtuellen herumturnt".

Es ist verwirrend: Hat jetzt Sponto einen Ausflug ins First Life gemacht? Oder war es doch SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Christian Stöcker, das Alias des Avatars, der sich den Fragen der Leser gestellt hat – in der aber doch irgendwie wieder virtuellen Welt eines Chatrooms? Im Gespräch mit den verborgenen Gegenübern sprach Sponto Stöcker über seine Erlebnisse in "Second Life" und die Zukunft von Online-Welten.

Links Sponto, rechts Stöcker: Nur auf den ersten Blick eine gespaltene Persönlichkeit
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Links Sponto, rechts Stöcker: Nur auf den ersten Blick eine gespaltene Persönlichkeit

Aber ist denn "Second Life" überhaupt mehr als ein Chatroom, wollte Leser somiht wissen. "Auf jeden Fall", findet Stöcker. In einem Chatroom passiere schließlich nichts außer getippter Kommunikation. In "Second Life" dagegen gebe es nonverbale Kommunikation, wirtschaftliche Transaktionen, nutzergenerierte Inhalte, Handeln und Erleben.

Bei ihm selbst allerdings gehe das Erleben nicht so weit, dass er bereits süchtig nach der Zweitwelt sei. Sponto, so sein Alias, treibt sich dort rein beruflich herum. Seine Familie mache sich auch noch keine Sorgen, dass er eines Tages nicht mehr aus dem anderen Leben zurückkehren könnte.

Ohnehin gebe es sehr unterschiedliche Meinungen über das Sucht- und Fluchtpotential von Onlinewelten wie "Second Life", erklärte Stöcker auf die Frage des Lesers Karel von Groningen. Aber natürlich habe er eine Menge Spaß bei seinen Ausflügen in "Second Life": "Es ist zumindest eine sehr ungewöhnliche Art von Job."

Die Frage, inwieweit das zweite Leben das erste bestimmt, ließe sich im Grunde auf jede Art von interaktivem Medium ausdehnen. Die Gefahr, am Computer völlig in eine Parallelwelt abzudriften, sieht der psychologisch vorgebildete Netzwelt-Redakteur eher bei Spielen, die explizite Belohungsstrukturen haben, die ständig Erfolgserlebnisse verlässlich produzieren. Es gibt aber Hinweise - und sogar darauf beruhende Therapieansätze -, dass Kommunikation virtuell geübt werden kann und dann auch real besser funktioniert.

Meike Leopold, die in "Second Life" Mona heißt, wollte wissen, warum der Chat eigentlich nicht in der virtuellen Welt sondern auf "einer herkömmlichen Webseite" stattfinde. Einerseits, antwortete Stöcker, können in der 3-D-Welt aus technischen Gründen nie mehr als 50-60 Avatare an einem Ort sein - und andererseits sollten auch SPIEGEL-ONLINE-Leser mitchatten können, die keinen Avatar ihr eigen nennen.

Viele Teilnehmer interessierten sich für die wirtschaftlichen Potentiale von "Second Life", wollten wissen, wir Marketing funktionieren und Mehrwert geschaffen werden kann im Digitalen. Stöcker glaubt im Moment noch nicht an eine große wirtschaftliche Bedeutung der Plattform - sie sei eher Experimentierfeld als Markt.

Interessantes würde vor allem von den einzelnen Usern geschaffen: "Den Mehrwert stiften die Nutzer in meinen Augen selbst. Sie suchen sich etwas zu tun, was ihnen Spaß macht, und schaffen dabei idealerweise noch etwas, das auch anderen Spaß macht." Unternehmen könnten dort vor allem für eine mögliche dreidimensionale Netz-Zukunft Lernerfahrungen machen: "Ich kann mir durchaus vorstellen, das avatarbasierte Netznutzung zu einem Standard wird, dreidimensionalle Darstellungen und Räume passen einfach zu unserer Art, Informationen zu verarbeiten."

Das sei auch der Grund, warum Sponto überhaupt auf die Reise geschickt worden sei: Nur mit teilnehmender Beobachtung könne man wirklich entdecken, was eine derartige Entwicklung langfristig bedeuten könne, da müsse man "dann eben selbst ein bisschen im vVrtuellen herumturnen".

Und wo treibt sich Sponto am liebsten herum? Die Avatar-Dame ist begeisterte Inselhopperin und besucht gern Cyberpunk-Sims, zum Beispiel Midian oder die Wastelands auf der Insel Gibson. Spontos persönlicher Lieblingsplatz aber ist die Künstlerinsel Odyssey – "weil es da wechselnde Ausstellungen gibt, die oft wirklich an den Kern dessen gehen, was virtuelle von realer Welt unterscheidet".

Hier geht's zum Chatprotokoll!

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Mehr zum Thema finden Sie im SPIEGEL SPECIAL "Wir sind das Netz", das derzeit am Kiosk liegt - und natürlich in Christian Stöckers eben erschienenem Buch "Second Life - Eine Gebrauchsanweisung für die digitale Wunderwelt".

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