Cinemascope-TV Der erste Fernseher im Kinoformat
Wer 16:9-Fernseher bisher als Breitbild-TVs bezeichnete, muss umdenken. Denn den ersten Fernseher, der das Prädikat wirklich verdient, hat Philips in dieser Woche erstmals enthüllt. Hinter verschlossenen Türen, in einem Hamburger Hotel gewährte der Elektronikkonzern Journalisten einen Blick auf ein TV-Gerät, wie es die Welt noch nicht gesehen hat - den ersten Fernseher im Cinemascope-Format 21:9.
Logischerweise heißt das ungewöhnliche Gerät, mit dem sich der holländische Elektronikkonzern künftig von der Konkurrenz abheben will, Cinema 21:9. Das ungewöhnliche Breitformat entspricht dem bei großen Kinofilmen üblichen Seitenverhältnis von 2,35:1. Erstmals ist es damit möglich, Kinofilme auf einem Fernseher ohne die schwarzen Balken darzustellen, die das Bild normalerweise von oben und unten bedrängen, die nutzbare Fläche verkleinern.
Ein zum Vergleich neben den Neuling an die Wand gehängter 42-Zoll-LCD-Fernseher wirkt gegen den Kino-Riesen fast klein. Dabei sind beide Geräte fast gleich hoch, nämlich rund 68 Zentimeter. Im Vergleich zum 42-Zoll-Fernseher ist der neue allerdings viel breiter. Während der 42-Zöller es auf eine Breite von 105-Zentimeter bringt, ist der Cinema 21:9 mit 148 Zentimetern fast fünfzig Prozent breiter.
Fast wie im Kino
Dieser Zuwachs macht sich natürlich auch bei der Auflösung bemerkbar. Herkömmliche TV-Geräte stellen in der höchsten bisher verfügbaren Auflösung, Full-HD, 1920 x 1080 Bildpunkte dar. Beim neuen Philips dagegen wurde die Auflösung auf 2560 x 1080 Bildpunkte angehoben.
Und dieses Mehr an Auflösung macht sich sofort bemerkbar. Obwohl 42-Zoller und Cinema-Fernseher gleich hoch sind, ist das dargestellte Bild auf dem 21:9-Gerät doch viel größer, weil die Balken wegfallen. So werden mehr Details sichtbar. Vor allem aber hat man aus dem idealen Sichtabstand von drei Metern ein tatsächlich fast kinoartiges Erlebnis. Wie vor der großen Leinwand kann man den gesamten Bildinhalt kaum auf einen Blick erfassen. Dieser Effekt, so Philips Pressesprecher Georg Wilde gegenüber SPIEGEL ONLINE, habe zur Folge, dass der Zuschauer viel stärker in den Film "hineingezogen" werde. Die Umgebung wird quasi ausgeblendet.
TV-Sendungen müssen elektronisch aufgeblasen werden
Zu diesem Eindruck trägt auch die Ambilight-Beleuchtung bei, mit der das Gerät die Umgebung hinter sich illuminiert. Die verwendeten Farben werden dabei passend zum jeweiligen Bildinhalt errechnet. Ein Trick, der dafür sorgt, dass das Bild noch größer erscheint, als es sowieso schon ist.
TV-Sendungen im 16:9-Format soll die Elektronik der Fernsehers aufwendig auf das extreme Breitformat des Cinema 21:9 hochrechnen. Dabei, so erklärt es Georg Wilde, werden nur die äußeren Bildbereiche, also die Ränder, in die Breite gezogen. Das Zentrum des Bildes, auf das sich die Aufmerksamkeit des Zuschauers richtet, bleibe dagegen unverändert, werde also von möglichen Verzerrungen verschont. Allerdings wird diese Interpolation wohl auch abschaltbar sein. Ansonsten würden beispielsweise Fußballübertragungen auf dem Riesenfernseher ungenießbar werden. Bei eingeschalteter Interpolation würde der Ball scheinbar seine Geschwindigkeit ändern, sobald er in die Bildbereiche am Rand rollt.
Und was kostet das?
Ohnehin hält sich Philips mit der Angabe technischer Daten noch sehr zurück. Das reflektiert auch eine Webseite zum Cinema 21:9, die das Unternehmen bereits ins Web gestellt hat. Deren Besuch kann man sich derzeit noch sparen, weil sie außer dem 21:9-Logo und vielen "coming soon"-Hinweisen noch nichts zu bieten hat. Und auch die Philips-Manager halten sich mit Details noch sehr zurück. Das Gerät habe neben seinem ungewöhnlichen Format noch ein paar weitere Neuerungen zu bieten, so viel wird verraten. Über die Natur dieser Innovationen aber mag man noch nichts verraten.
Ebenso wird über die Preisgestaltung geschwiegen. Billig dürfte so ein Heimkino-Fernseher nicht werden, das ist klar. Philips-Sprecher Wilde machte aber Hoffnung, dass der Cinema 21:9 nicht gar so teuer werde, wie es manche Fachjournalisten befürchten. Festlegen will man sich aber erst, wenn das Gerät in den Handel kommt. Und das soll noch im Frühjahr soweit sei, irgendwann im zweiten Quartal.
Kein Kino in klein
Hoffnungen auf eine kleinere Günstig-Version wischt Georg Wilde kategorisch vom Tisch. "Kleinere Formate machen in diesem Bereich aus unserer Sicht keinen Sinn", sagte er gegenüber SPIEGEL ONLINE. Schließlich, so das Argument, wende man sich mit dem 21:9-Format in erster Linie an Film-Enthusiasten. Und für die wären kleinere Bilddiagonalen eben kaum erstrebenswert.
HDTV: Hochauflösendes Abkürzungs-Wirrwarr
HDTV steht für High Definition Television. Nach den Vorstellungen der Hersteller von Unterhaltungselektronik soll es die alten TV-Standards wie PAL (576 sichtbare Zeilen) und NTSC (USA, 480 Zeilen) ablösen und mit höherer Auflösung und stabilerem Bild das Heimkino schöner machen. HDTV-Inhalte können mit 720 Zeilen im Progressive-Scan-Verfahren dargestellt werden (720p), das heißt, jedes Bild wird bei jedem Durchgang komplett neu aufgebaut. Die Alternative heißt 1080i, hat zwar mehr Bildzeilen zu bieten (nämlich 1080), von denen aber pro Durchgang abwechselnd nur jede zweite neu gezeichnet wird (interlaced-Verfahren, daher das 'i').
Full-HD-Filme, wie man sie in Online-Videotheken wie dem iTunes Store ausleihen oder über die integrierten Blu-ray-Laufwerke einiger Notebooks anschauen könnte, haben eine Auflösung von 1920 x 1080 Pixeln. Das Label "HD ready 1080p" besagt, dass das Gerät Vollbilder von 1920 × 1080 Pixeln zeigt.
Das Advanced Access Content System ist ein Kopierschutzsystem, das vor allem auf Wunsch der Filmstudios in Hollywood in alle Laufwerke eingebaut werden soll, die HD-Inhalte abspielen können. Ohne AACS soll man keine hochaufgelösten Filme abspielen können. Kopien sollen nur mit expliziter Erlaubnis des Urhebers gemacht werden können, die man sich zum Beispiel online abholen könnte. Nur so könnte man einen Film dann auch über ein Media Center oder an mobile Geräte streamen. Der Urheber kann aber Kopien auch verbieten oder eine Gebühr verlangen. Um AACS gab es langes Gerangel - denn es gibt noch nicht viele Geräte, die das System überhaupt unterstützen. Eine Interims-Lösung wird den Kopierschutz deshalb nun zunächst zahnlos machen - auch über analoge Ausgänge wird man dann noch HD-Filme ansehen können, obwohl die Studios die Ausgabe lieber gleich auf digitale Ausgänge beschränkt hätten, die mit einem weiteren Schutz namens HDCP versehen sind.
High Bandwidth Digital Content Protection ist eine Art Hardware-Kopierschutz. Auch er soll verhindern, dass hochaufgelöstes Material einfach mitgeschnitten werden kann. HDCP muss im sendenden Gerät, also dem Player oder der Grafikkarte, ebenso eingebaut sein wie im Empfänger, also dem Monitor oder TV-Gerät. Während Fernseher, die das "HD Ready"-Logo tragen, HDCP-fähig sein müssen, sind es viele Monitore und Grafikkarten aber noch nicht. Eine HDMI-Schnittstelle kann immer auch HDCP, eine DVI-Schnittstelle nicht notwendigerweise.
Das High Definition Multimedia Interface soll nach dem Wunsch der Hersteller die generelle Schnittstelle der Zukunft sein, für Musik, Filme und auch die Verbindung zwischen Computer und Monitor. Sie ist standardmäßig mit HDCP ausgestattet - ein Ausgabegerät mit HDMI-Schnittstelle und ein Fernseher mit dem "HD Ready"-Logo sollten gemeinsam also in jedem Fall hochauflösende Filme darstellen können.
Digital Video Interface - die erste digitale Schnittstelle für Video-Inhalte, die aber bereits dabei ist, von HDMI abgelöst zu werden. Manche DVI-Ausgänge sind auch mit HDCP ausgestattet, andere nicht. Besonders bei vielen Grafikkarten fehlt der Hardware-Kopierschutz noch - was zu Problemen bei der Wiedergabe von kopiergeschützten hochauflösenden Filmen führen könnte.
Mag sein. Mancher Teilzeit-Film-Fan würde sich vielleicht trotzdem darüber freuen, DVDs und Blu-rays künftig balkenfrei genießen zu können, ohne dafür Haus und Hof verpfänden zu müssen. Aber wer weiß: Wenn Philips' Vorstoß ins Kinoformat erfolgreich ist, wird es sicher bald Nachahmer geben. Und sobald die Konkurrenz 21:9-TVs mit kleineren Diagonalen anbietet, dürften dann wiederum die Holländer nachziehen.
Aber vorerst kann man sich bei Philips zufrieden zurücklehnen. Während viele Konkurrenten ihre ganze Energie auf die Zukunftstechnik 3D verwenden, hat sich der niederländische Konzern mit dem Cinema 21:9 selbst ein neues Geschäftsfeld geschaffen, das er zumindest für eine Weile ganz allein bestellen kann.