Deutschlands beste "Starcraft"-Spielerin Gamer-Oma mit 25

Sie ist die einzige Frau im Deutschland-Finale der besten "Starcraft"-Zocker: Julia Syrer hat sich in der Männerwelt der Computerspieler Respekt erkämpft. Verbalattacken und Neider gibt es im Internet trotzdem reichlich.

Von Mathias Hamann


"Sie macht wie immer zwei Matches, verliert darin beide Spiele und ist dann draußen", prophezeit Phillipp Spaeth und grinst verschmitzt. "Hey, als Schiedsrichter solltest du unabhängig sein", sagt Julia Syrer und knufft ihn in die Seite. Beide lachen. Sie kennen sich seit Jahren. Gerade versucht Philipp Spaeth den Ton an Julias Computer zu verstärken, damit die 25-Jährige ihr erstes Match bestreiten kann. Sie spielt das Echtzeit-Strategiespiel "Starcraft" - mit Erfolg. Als einzige Frau hat sie sich im fünften Jahr in Folge für das Deutschlandfinale der "World Cyber Games" qualifiziert. Die letzten beiden Jahre hat sie verzichtet, doch dieses Mal ist sie dabei.

Die "World Cyber Games" verstehen sich als die Olympischen Spiele der Computerspieler und locken bei ihrem internationalen Finale mit mehreren hunderttausend Dollar Preisgeld. Wie 2008 gastiert die deutsche Zockermeisterschaft auch dieses Jahr in Leipzig auf der Games Convention und finanziert den besten Zockern des Landes einen Trip zur Endrunde. Dieses Jahr geht es im November nach China.

Dahin wird Julia Syrer nicht kommen. Auch sie glaubt, dass sie nach zwei Partien rausfliegt, nur bitte nicht doppelt 2:0. Ihr erstes Match beginnt, Runde Nummer eins verliert sie, aber das zweite Spiel kann sie gewinnen, trotzdem verliert sie am Ende 2:1.

Hat sie eigentlich Fans hier? Sie schüttelt den Kopf. "Doch, mich, denn ich finde es toll, dass sie immer wieder dabei ist", sagt Phillipp Spaeth. Der Schiedsrichter lässt sie den Ergebnisbogen unterschreiben und lobt: "Hey, eine Runde geholt - nicht schlecht." Andere haben weniger positive Worte für die Zockerin übrig, immer wieder gibt es böse Kommentare in den Foren der Szene-Web-Seiten. "Dort schreiben einige, dass ich nichts kann und nur Aufmerksamkeit will", sagt Syrer. Die Behauptungen stammen meist von jüngeren Spielern, glaubt sie. "Die schlimmsten Beiträge wurden mittlerweile gelöscht."

Mit 25 unter den Älteren

Ihre Neider meinen, dass Julia Syrer ihren Platz im Deutschlandfinale zu Unrecht hat, dabei ist sie nur clever genug, für die Qualifikation Vorturniere mit wenigen Konkurrenten auszuwählen. "Das kann aber jeder so machen", sagt Silvano Bovo. Er ist ihr nächster Gegner und ein starker Kontrast zu Julia Syrer. Auf seinem Shirt prangen Sponsorenlogos, auf ihrem keine. Er bekommt Gehalt und Hotel bezahlt, Julia Syrer hat die Nacht im Auto geschlafen - für sie ist Gaming Hobby, für ihn ein lukrativer Nebenjob.

Außerdem ist Bovo vier Jahre jünger als sie. "Ich fühle mich hier manchmal schon als Oma", sagt die 25-Jährige schmunzelnd. Der Jüngste im Teilnehmerfeld ist gerade mal 14. Gegen den hat Silvano Bovo gerade verloren und grinst seine Kontrahentin nun an: "Gegen Dich darf ich nicht verlieren." Für ihn wäre es eine Blamage, nicht weil sie eine Frau ist, sondern weil er als Titelfavorit gilt und bei einer Niederlage ausscheiden würde.

Seit Jahren betreibt der 21-jährige Fachinformatiker Daddeln als Sport und Nebenjob - fast täglich übt er. "Vor dem Turnier in Leipzig waren das sechs bis acht Stunden pro Tag", sagt er. Julia Syrer pustet die Luft aus den Backen: "Puh, so viel Zeit habe ich gar nicht mehr." Die kaufmännische Angestellte hat erst vor vier Wochen mit der Vorbereitung angefangen, maximal zwei Stunden pro Tag, am Wochenende auch mal vier. Es wird ein ungleiches Duell.

Nach 30 Minuten hat Silvano Bovo den Sieg in der Tasche. Julia unterschreibt den Ergebnisbogen. Bovo lobt: "Im zweiten Spiel hattest du mich am Rand einer Niederlage." Beide fachsimpeln noch kurz über das Match, dann huscht er zur nächsten Partie. Das Lob macht Julia Syrer stolz, sie lächelt trotz der Niederlage.

Woran liegt es eigentlich, dass so wenige Frauen Daddeln als Wettbewerb betreiben? Immerhin sind sie nicht wie etwa beim Leistungssport körperlich benachteiligt und könnten sich direkt mit den Männern messen. "Für mich war es ungewohnt, gegen andere anzutreten und gewinnen zu wollen", sagt Syrer. "Ich musste mir so einen unbedingten Siegeswillen erst erarbeiten, Männer tun sich da vielleicht leichter."

Insgesamt ist sie mit ihrem diesjährigen Ergebnis zufrieden: "Ich hab zwar beide Matches verloren, aber immerhin ein Spiel geholt." Auch in Zukunft wird sie weiter auf Turniere fahren und spielen, denn durch "Starcraft" hat sie viele nette Leute kennengelernt, zum Beispiel ihren Mann. Trainieren beide eigentlich zusammen? "Er unterstützt mich", sagt sie und schmunzelt: "Aber er spielt nicht mehr mit mir, seitdem ich ihn zum ersten Mal geschlagen habe."



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