"Duke Nukem Forever" Die unendliche Geschichte

Seit über einer Dekade warten Gamer auf die Rückkehr von Duke Nukem, dem muskelbepackten Desperado und zweifelhaften Helden einer Serie bluttriefender Ballerspiele gleichen Namens. Doch statt der ewig ersehnten Fortsetzung kommen nun die Anwälte.

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Die unendliche Geschichte beginnt vor zwölf Jahren, im April 1997. Gerade ist der Komet Hale-Bopp spektakulär an der Erde vorbeigerast und hat die Menschheit verschont, da kündigt die amerikanische Spielefirma 3D Realms die nächste potentiell zivilisationsvernichtende Katastrophe an.

Duke Nukem Forver: Das Spiel wird seit Jahren versprochen und wird wohl nie erscheinen

Duke Nukem Forver: Das Spiel wird seit Jahren versprochen und wird wohl nie erscheinen

Duke Nukem, blonder wie bärbeißiger Draufgänger und Titelfigur von bereits drei gewaltverherrlichenden Computerspielen, soll ein viertes Mal zur effektvollen Alien-Beseitigung mit großkalibrigen Waffen ausrücken und die Erde retten. Dramatischer Titel des geplanten Ego-Shooters: "Duke Nukem Forever". Zu dem Zeitpunkt ist die Gamer-Welt noch verzückt vom Vorgänger-Titel "Duke Nukem 3D", einer kruden Mischung aus Blut, Ballerei und Stripperinnen.

Technisch hat das Gewaltspiel Maßstäbe gesetzt: So schick sah 3D auf dem Computer bis dahin nicht aus, so effektvoll verwandelten sich virtuelle Monster nicht in rote Pixelklumpen. Dazu der an Arnold Schwarzenegger angelehnte Spielcharakter, der das lebensfeindliche Tun mit ätzenden Kommentaren begleitete - das Spiel wurde ein Hit.

Erste spektakuläre Spielszenen

Der jugendgefährdende Alptraum mit den Macho-Sprüchen wird auch finanziell ein großer Erfolg für 3D Realms. Unter der Regie von Scott Miller und George Broussard machen sich die Entwickler also an eine Fortsetzung, Anfang 1998 soll es so weit sein, zwei Jahre nach "Duke Nukem 3D" der vierte Teil in den Läden stehen. Noch viel spektakulärer.

Als Grundgerüst für die Programmierung lizenziert das Studio die Quake 2 Engine. Was damit phänomenales an Dekonstruktion möglich ist, führen die Entwickler auf der Spielemesse E3 im März 1998 vor. Dreieinhalb Minuten Video mit ersten Szenen aus "Duke Nukem Forever" werden gezeigt - spektakuläres, bombastisches Zeug. So ziemlich alle Gegenstände und Bauten lassen sich kaputtschießen - damals mächtig revolutionär.

Nur wenige Tage nach Erscheinen des Trailers fällt aber die Entscheidung, auf eine andere Game-Engine umzusteigen. Bessere Technik für mehr Möglichkeiten, man setzt auf die Unreal-Engine. Den Zeitplan soll das aber nicht durcheinanderbringen, beruhigt Broussard die Fans. Trotz des Wechsels könne "Duke Nukem Forever" im nächsten Jahr erscheinen, vollmundig werden völlig neue Standards für das Genre versprochen.

Die Erwartungen steigen

Aber 1999 erscheint das Spiel nicht. Es sickert durch, dass es Probleme bei der Programmierung mit der neuen Engine gibt. Im darauffolgenden Jahr wechseln die Rechte an der Spielveröffentlichung den Besitzer, GT Interactive verkauft "Duke Nukem Forever" an Take-Two. 12 Millionen Dollar lässt sich der Publisher die digitale Apokalypse kosten. Die Erwartungen an 3D Realms steigen. Aber das Spiel wird und wird nicht fertig.

Ein zweiter Trailer wird 2001 veröffentlicht, wieder zur Spielemesse E3. Bunter, böser und mit mehr Details, dafür kürzer als das erste Video. Die Gaming-Seite "Shacknews" verneigt sich vor dem Werk: Es sei episch. Frühestens 2002 werden das Spiel auf den Markt kommen, erklärt der neue Verleger Take-Two.

Anfang 2002 zeichnet die amerikanische Zeitschrift "Wired" das Spiel als Luftnummer des Jahres aus. "Duke Nukem Forever" ist bereits vier Jahre überfällig. Wieder wirft ein grundlegender Entschluss alles über den Haufen: Die Entwickler kloppen einen Großteil des bereits fertiggestellten Spiels in die Tonne und überarbeiten die Game-Engine gründlichst. Mit den Erwartungen an sie steigen auch die Ansprüche der Macher.

Wo bleibt der tumbe Proll?

Mittlerweile arbeiten rund 30 Entwickler bei 3D Realms an "Duke Nukem Forever". Es wird 2003, wieder verlacht "Wired" das Spiel als "Vaporware", als Luftnummer. Anfang 2004 folgt die Auszeichnung als größte Luftnummer aller Zeiten. In der Zwischenzeit erschienen der dritte Teil von "Doom", die Fortsetzung von "Half Life" und eine ganze Reihe intelligenter und bestens produzierter Actionkracher, elaborierte Endzeit-Phantasien mit ausgeklügelten Storylines, jedes Drehbuch anspruchsvoller als drei bessere Vorabendserien zusammen. Nur der tumbe Proll Duke lässt weiter auf sich warten.

Eine halbe Millionen Dollar Bonuszahlung soll die Entwickler antreiben. Take-Two verspricht im März 2005 die Summe, falls das Spiel bis Ende 2006 endlich fertig ist. Das versprochene Geld kann die Programmierer aber offenbar nicht von ihrem Perfektionismus abbringen - außer ein paar Screenshots, die ins Internet sickern und die Fans hoffen lassen, gibt es allenfalls Gerüchte.

Kurz vor Weihnachten 2007 dann ein drittes Video: Noch kürzer, diesmal ganz ohne Spielszenen, nur vorher berechnete Animationen. Duke mit Hantel und Zigarre - eine herbe Enttäuschung. Mal wieder wird das Erscheinen des Games angekündigt, Weihnachten 2008 diesmal. Fast schon unnötig zu erwähnen, dass das Spiel natürlich nicht erscheint. 3D Realms veröffentlicht lediglich einen Desktop-Hintergrund mit fies dreinblickenden Monstern.

Geduld und Geld gehen aus

3D Realms hat nunmehr drei halbfertige Spiele im Schrank. Während andere Softwarefirmen regelmäßig unausgereifte Beta-Versionen auf die Nutzer loslassen - und das bei aktuellen Web-Applikationen gerne zugegeben wird - haben die "Duke Nukem"-Entwickler den entgegengesetzten Weg gewählt und immer weiter an ihrer Vision eines perfekten Spiels gearbeitet. Ohne Kompromisse.

Während der ewigen Entwicklung hat sich nicht nur die Technik immer weiter verändert. Auch der kloppende Kämpe ist etwas aus dem Zeitgeist: Richtige Helden sind heute eher milchgesichtige Blackberry-Träger mit ernsten Selbstzweifeln. Dann wird eben die Game-Engine noch ein paar mal umprogrammiert, ein paar Jahre mehr ziehen vorbei, schon passt es auch mit der Actionhelden-Mode wieder. Vorerst gibt es aber drängendere Probleme.

3D Realms hat offenbar kein Geld mehr für die weitere Entwicklung. Am 6. Mai stellt das Studio das Projekt ein und entlässt mit dem Spiel betraute Mitarbeiter. Nach Jahren des Hinhaltens verliert Take-Two schließlich endgültig die Geduld - nun geht es vor Gericht. Weil 3D Realms den Erscheinungstermin immer und immer wieder verschoben hat, verklagt Take-Two das Studio. Die Millionen für Duke sollen nicht umsonst gewesen sein.

Noch ein neues Video

Als die Nachricht von der Terminierung im Netz die Runde machte, flüchteten sich treue Fans in verzweifelte Theorien. Wer mehr als zehn Jahre hofft und harrt, gibt nicht so schnell auf. Die Entwickler, so ihre Idee, hätten sich einen Scherz erlaubt, wollten eine virale Werbekampagne für das Spiel starten, das dann plötzlich doch noch erscheinen würde.

Kurz nach der Hiobsbotschaft gibt es nach acht Jahren neues Videomaterial. Auf der Suche nach einem neuen Job hat einer der entlassenen Entwickler einen Clip mit Szenen aus "Duke Nukem Forever" zusammengestellt, als Demonstration seines Könnens. Die Animation fand ihren Weg ins Netz - und versetzte die Fangemeinde in Entzückung. In dem Video sind Duke, ein hüpfendes Monster und eine kaum bekleidete Tänzerin zu sehen.

Technisch auf der Höhe der Zeit, die Atmosphäre dunkel-düster dicht am Vorgänger. Das Spiel, so die einhellige Meinung, sei auf einem guten Weg. Danach sieht es allerdings nicht aus. Ein zerschlagenes Entwicklerteam und ein Rechtsstreit ändern zwar nichts an der ewigen Devise, nach der das Spiel halt erscheint, wenn es fertig ist. Wahrscheinlicher wird es aber auch nicht gerade.

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