Electronic Entertainment Expo Christen verdammen Höllenspiel

"Der Himmel ist der Highscore, die Hölle hat keinen Reset-Knopf!" Mit christlichen Slogans zetern Demonstranten bei der Videospielmesse E3 gegen das Game "Dante's Inferno", geißeln den Hersteller Electronic Arts als elektronischen Antichrist - so radikal, dass mancher Guerilla-Marketing wittert.

Aus Los Angeles berichtet Sven Stillich


"Die Hölle ist kein Spiel!" skandiert die Gruppe vor dem Messegelände in Los Angeles, "das Kreuz ist keine Waffe!" rufen sie und immer wieder "we say no, inferNO!". Junge Leute laufen an ihnen vorbei, sie tragen T-Shirts, auf denen die Titel von Videospielen stehen. Manche grinsen, viele zücken ihre Digitalkamera, denn das ist gutes Futter für Flickr, Facebook oder Twitter.

Doch für die Handvoll Protestierer vor dem Eingang der Gamesmesse "Electronic Entertainment Expo" (E3) ist das hier kein Witz: Sie empören sich über das neue Videospiel "Dante's Inferno", und auf eines ihrer in den grauen Himmel von Los Angeles gereckten Schilder haben sie geschrieben, gegen wen sie hier auf die Straße gehen: gegen die Firma Electronic Arts, den Hersteller des Spiels - gegen den "Elektronischen Antichristen".

Eklig und manchmal überaus geschmacklos

Drinnen in der Messehalle stehen die Besucher in der Zwischenzeit Schlange, um hinter verschlossenen Türen einen ersten Blick auf "Dante's Inferno" werfen zu dürfen. Auf das Spiel, das inspiriert worden sein soll von Dante Alighieris "Göttlicher Komödie" - oder das zumindest einen daran erinnernden Namen trägt, denn "in der Komödie selbst kommt leider kaum Handlung vor", wie Produzent Jonathan Knight dem Publikum sagt. Womit er natürlich Action meint, denn davon lebt sein Spiel.

Also hat er ein wenig Story hinzuerfunden. In der muss sich Held Dante durch die Kreise der Hölle kämpfen, um seine Geliebte Beatrice zu retten. Und das, indem er Monster aufspießt, ihnen ein Heiliges Kreuz in den Körper treibt, das dabei hell aufleuchtet, indem er ihnen den Bauch aufschlitzt oder den Kopf abreißt. "Er geht durch seine innere Hölle", erklärt Knight, und die Besucher nicken. Niemand erschrickt, als Dante Babys umbringt, die ihn mit Klingen angreifen. Das Publikum stört auch nicht, dass das Spiel ausgesprochen brutal ist, an vielen Stellen eklig und an manchen überaus geschmacklos.

Die Demonstranten vor der Messe, die sich "Heilsprediger gegen virtuelle und ewige Verdammnis" nennen, prangern auf ihren Flugblättern auch an, dass die Babys nicht getauft sind. Außerdem bezichtigen sie Electronic Arts unter anderem der Hexerei, der Huldigung Satans und der sexuellen Perversion. "Tauscht eure Playstation gegen eine Praystation", steht auf den Blättern, die von den jungen Messebesuchern als Souvenir gerne mitgenommen werden. "Unser Highscore ist im Himmel", ruft die Gruppe und "die Hölle hat keinen Reset-Knopf", während Christian Kidd erklärt, warum sie hier stehen: "Wir wollen nicht, dass jemand die Hölle als einen Ort glorifiziert, den man aus Spaß besucht", sagt der 36-Jährige zu SPIEGEL ONLINE und fragt: "Warum muss es ein Videospiel geben, das meine Religion beschmutzt? Warum muss man Satan zum Superhelden machen? Wir haben nichts gegen Spieler, aber wer braucht so ein Spiel?"

Der Produzent muss grinsen

Drinnen in der Halle muss der Produzent von "Dante's Inferno" ein wenig grinsen bei der Frage, ob er bereits von den Protesten gegen sein Spiel gehört habe: "Gehört schon", sagt er, "aber Alighieris Komödie ist 700 Jahre alt und ein fiktionales Werk - also genau das, was unser Videospiel auch ist. Ich sehe da keine Kontroverse." Dabei wird sein Grinsen noch breiter - ein wenig zu breit sogar, als sei die Demo vor der Halle nur eine Werbemaßnahme von Electronic Arts, um für ein wenig Rummel zu sorgen und dafür, dass über das erst im kommenden Jahr erscheinende Spiel geredet wird.

Die Web-Adresse auf dem Flugblatt der Demonstranten wurde über eine US-Firma erworben, die sich auf Domain-Reservierungen spezialisiert hat. Ein bisschen verdächtig scheint die allzu grässlich aussehende Web-Seite der Gruppe aber schon - dort ist sowohl ein Trailer für das Spiel als auch die offizielle Werbeseite des Spiels verlinkt.

Christian Kidd würde den Vorwurf, heimlich für EA zu werben, empört von sich weisen. Und ebenso, dass es sich lohnen würde, mit dem Produzenten über seine Vorbehalte zu reden. Der Aktivist ist Realist. Er glaubt nicht, dass viele Videospieler verstehen, worum es ihm geht. "Aber eine einzige Seele gerettet zu haben", sagt er - "das wäre es schon wert gewesen, hier zu sein."

Electronic Arts Deutschland wollte die Demonstration auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht kommentieren.

Nachtrag: Einige Tage nach Erscheinen dieses Artikels gestand Electronic Arts ein, dass es sich bei der Aktion um ein bezahltes Marketingspektakel gehandelt hat. Mehr dazu lesen Sie hier.



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