Gamer-Festival Dreamhack Die Nacht der lebenden Toten

Fesselspielchen auf Bürostühlen, Pogo vor dem Laptop-DJ, schräge Jamsessions mit Plastik-Gitarren: Der größte Computerspiel-Rave der Welt steigt vier Nächte lang in Südschweden. SPIEGEL ONLINE feierte eine Nacht lang mit auf der Dreamhack.

Aus Jönköping berichtet


Ratsch, der Mund ist zugeklebt. Zwei Frauenhände wickeln dem Opfer routiniert Klebeband um Arme und Kopf. Im Nu ist der Junge mit dem schwarzen Schlabberpulli am Bürostuhl fixiert, kontrolliert aber ungerührt weiter die Armbänder der hereinkommenden Besucher. Manchmal presst er kehlige Brunftlaute unter dem Knebel hervor: "Mgrmbl". Manche Besucher stutzen kurz. Die Frau, die ihn gefesselt hat, klippt ungerührt das Armband eines Neuankömmlings mit der Zange fest.

"Ist halt ein Insider-Witz", sagt sie, "er hat zu viel 'Quake' gespielt, der braucht 'ne Auszeit". Der Festgezurrte beschließt, es sei eine gute Idee, mitsamt dem Stuhl durch die Halle zu hüpfen. Doch das gefällt der Dame nicht. "Hiergeblieben", ruft sie und hält die Lehne fest, "glaubst du, ich kontrollier hier alleine die Leute?"

Die Dreamhack im südschwedischen Jönköping ist das größte Computerspiel-Festival der Welt. Es ist ein wundersamer Kosmos, drei Messehallen groß, mit chaotisch verkabelten Tischen und langen Reihen von Monitoren, auf denen abwechselnd bunte Fantasy-Welten, "Family Guy"-Folgen und die Gewehrläufe irgendwelcher Ego-Shooter aufblitzen. Wer hier stundenlang Armbänder kontrolliert, entwickelt bisweilen einen eigenartigen Humor.

Überall kämpfen die Avatare, sterben, stehen wieder auf und kämpfen weiter. Es ist eine Art Nacht der lebenden Toten. Während die Pixelmenschen kämpfen, sitzen die Gamer glücklich vor dem Rechner. Die Stimmung ist überaus friedlich, manche sagen, die Dreamhack sei das Woodstock der Computerfreaks.

Das Gesetz des "Napoleon Dynamite"

Gut 15.000 Besucher sind zur aktuellen Dreamhack erschienen, weiß die Frau, die gerne Leute fesselt. "Damit das Netzwerk unter dem gigantischen Datenansturm nicht zusammenbricht, hat sich das 'Dreamhack'-Team den derzeit schnellsten Router der Welt besorgt", werbetextet sie weiter. "Der schafft bis zu 92 Terabit Daten pro Sekunde - genug Kapazität für endlos viele Zauberer, Maschinengewehrsalven und Schwertstreiche."

Dass die größte Lan-Party der Welt regelmäßig in Schweden steigt, sei nicht weiter verwunderlich. "Videospiele sind hier längst gesellschaftsfähig", sagt die Frau. Tatsächlich dürfen in Schweden selbst Minderjährige Spiele spielen, die in Deutschland auf dem Index sind. Schwedische Experten sind der Meinung, dass ein Zusammenhang zwischen echter und virtueller Gewalt nicht bewiesen werden kann. Im Gegenteil: Laut einer Studie des schwedischen Gesundheitsministeriums erhöhen Computerspiele die Reaktions- und Teamfähigkeit.

Im Dreamhack-Kosmos gilt das Gesetz des "Napoleon Dynamite". Der Antiheld des Films stellt fest, dass das Wichtigste auf der Welt Skills sind - perfekte Fertigkeiten auf einem Gebiet, egal auf welchem. Auch auf Lan-Partys ist das Sich-beweisen-Wollen ein starker sozialer Trieb: Wer einen schwierigen WoW-Boss besiegt oder Slayers "Raining Blood" im Expertenmodus von "Guitar Hero" durchspielt, erntet anerkennende Pfiffe.

Computergestützter Karaoke-Terror

Das "Guitar Hero"- und "Singstar"-Konzept wird zudem immer weiter ausgebaut. Auf einer Dreamhack-Bühne ist die computergestützte Karaokeband komplett. Die Bandmitglieder schrammeln auf Plastikgitarren mit Kippschaltern und Knöpfen, singen in Karaoke-Mikrofone und dreschen auf elektronischen Drumsets herum. Sie steuern damit verschiedene Instrumente einer Karaokemaschine. Auf dem Videobeamer laufen synchron dazu animierte Musikvideos und flammenzüngelnde Anweisungen, welche Knöpfe zu drücken sind.

Stimmt das Timing nicht, dann scheppert das Schlagzeug, die Gitarre jault, das virtuelle Publikum im Video fängt an zu buhen. Das "Enter Sandman" der Karaokeband klingt plötzlich genauso schräg wie die Coverversion einer Schülerband mit echten Instrumenten. Der Soundmischer mit der Baseballkappe und dem Napalm-Death-Aufnäher verdreht genervt die Augen.

In einer kürzlich erschienenen "South Park"-Folge machen zwei Kids via "Guitar Hero" Rockstarkarriere. Die Mechanismen, die einen echten Musiker zum Star machen, werden einfach auf den "Guitar Hero"-Musiker übertragen. Das mag vielleicht ein wenig weit gesponnen klingen, allerdings steht zu befürchten, dass bald die ersten Karaoke-Schülerbands mit ihren Plastik-Controllern auf Abi-Bällen aufspielen.

Disco Extravaganza vor dem Laptop-DJ

15.000 Menschen, eingepfercht auf engstem Raum und doch die meiste Zeit durch Kopfhörer von der Außenwelt abgeschottet, den Blick auf irgendeinen Bildschirm gerichtet - Lan-Partys sind weitgehend körperlos. Umso kraftvoller meldet sich der Körper in kurzen sinnfreien Momenten zurück.

Gegen drei Uhr morgens dröhnen die gesammelten lyrischen Verbrechen der Neunziger durch die Halle - von "Call him Mr. Vain" über "What is love" bis zu "I like to move it, move it". Eine Hundertschaft tanzt dazu vor der Bühne Pogo, die Blicke fest auf den Laptop-DJ gerichtet. Handy-Displays flackern in der Halle auf. Das alles geschieht - offiziell - ohne einen Schluck Alkohol. Betrunkene werden auf der Dreamhack nicht geduldet.

Draußen vor den Eingängen sieht man indes öfter Leute, die harzig duftende Zigaretten herumreichen. Einer von ihnen trottet danach zu einer Art Hippiezelt. Dort hockt er sich zwischen Sechziger-Jahre-Lampen auf eine verranzte Couch und daddelt "Guitar Hero"-Lieder.

Nur ein weiterer Nerd im Nerd-Königreich.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.