Gewaltspiel-Debatte Größter deutscher Spielehersteller droht mit Wegzug

Videospiele-Entwickler Crytek ist die einzige deutsche Computerspiel-Firma von Weltrang. Jetzt droht die Firma, Deutschland den Rücken zu kehren - sofern es zu einem Herstellungs- und Verbreitungsverbot sogenannter Killerspiele kommt.

Sollte es zu einem Herstellungsverbot von sogenannten Killerspielen kommen, würde man "Deutschland verlassen", sagte Firmenmitgründer Avni Yerli dem Nachrichtenportal "Welt Online" vor Beginn der Leipziger Branchenmesse "Games Convention".

"Budapest ist eine schöne Stadt. Dort haben wir schon eine Niederlassung", so Yerli im Interview. Zudem würden regelmäßig Wirtschaftsministerien aus anderen Ländern anklopfen. "Vor allem England, Schottland, Österreich und Singapur sind sehr aktiv."

Durch einen Wegzug von Crytek würde Deutschland den Anschluss an die Weltspitze verlieren, da es derzeit kein weiteres, international wettbewerbsfähiges Spielestudio gibt. Das Frankfurter Unternehmen beschäftigt rund 130 Mitarbeiter aus 27 Ländern.

Videospiele gelten als eine wichtige Zukunftsbranche. Von 2007 bis 2011 soll der Umsatz mit Spielen für Konsolen, PCs, Mobiltelefone und andere portable Geräte um jährlich 9,7 Prozent auf 3,4 Milliarden Dollar steigen, prognostiziert die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) im aktuellen "Global Entertainment and Media Outlook: 2007-2011". 

Innenminister fordern Herstellungs- und Verbreitungsverbot

Die Innenministerkonferenz (IMK) der Länder hatte sich Ende Mai erstmals einstimmig für ein Herstellungs- und Verbreitungsverbot gewalttätiger Computerspiele ausgesprochen. Man sehe die "Notwendigkeit, erforderliche Verschärfungen des Jugendschutzes und ein ausdrückliches Herstellungs - und Verbreitungsverbot virtueller Killerspiele so schnell wie möglich umzusetzen", hieß es. Was genau mit "virtuellen Killerspielen" gemeint ist, wurde nicht definiert.

Zudem soll eine grundlegende Reform der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) eine altersgerechte Medienfreigabe sichern. In der offiziellen Mitteilung zur Konferenz heißt es, man wolle darauf hinwirken, "dass künftig im stärkeren Maße eine sehr restriktive Altersfreigabe von gewaltverherrlichenden Computerspielen vorgenommen wird".

Diese Einschätzung wirkt aus mehreren Gründen verwunderlich: Die Bundesregierung selbst hat die Arbeit der USK noch mehrmals ausdrücklich gelobt. Im europäischen Ausland gilt der deutsche Jugendschutz als vorbildlich. Gewaltverherrlichende Medien jeder Art sind in der Bundesrepublik ohnehin per Gesetz verboten.

Das federführende Bundesfamilienministerium arbeitet derzeit an einem anderen Gesetzentwurf: Statt wie bislang gewaltverherrlichende Spiele soll die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) künftig auch gewaltbeherrschte Spiele indizieren. Diese dürften dann nicht mehr beworben und an Jugendliche verkauft werden.

Forscher: "Gewaltspiele führen nicht zu Amokläufen"

Selbst Spiele-Kritiker innerhalb der Forschergemeinde bezweifeln, dass Videospiele ursächlich für Amokläufe oder andere Gewalttaten verantwortlich gemacht werden könnten. Die Psychologin Ingrid Möller von der Universität Potsdam sagte SPIEGEL ONLINE: "Spiele oder andere Medien sind nicht die Ursache für Amokläufe."

Ein so komplexes Geschehen auf eine einzige Ursache zu reduzieren, führe zu nichts. Man müsse "Risikofaktoren ausfiltern, die die Wirkung solcher Medien in ungünstiger Weise verstärken". Es gebe allerdings Hinweise, dass dauerhaftes Spielen brutaler Spiele aggressive Gedankeninhalte fördern könne.

Bekannt geworden war Crytek durch den Ego-Shooter "Far Cry", in dem als Spielziel feindliche Söldner getötet werden müssen. Als das Spiel herauskam, wurde es in einem Atemzug mit großen US-Produktionen wie "Half-Life 2" genannt.

"Far Cry" verkaufte sich etwa 2,5 Millionen Mal. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien hatte die erste Version des Spiels auf ihre Schwarze Liste gesetzt. Crytek entschärfte daraufhin einige Sequenzen. Auf der "Games Convention" wird Crytek diese Woche seinen neuen Ego-Shooter "Crysis" vorstellen. Das Entwicklungsbudget wird mit mehr als 16 Millionen Euro angegeben.

ssu

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