GPS-Spiel Mit dem Handy auf Menschenjagd

Einer rennt, die anderen versuchen, ihn zu finden: Eine Bremer Start-up-Firma hat dieses uralte Spielprinzip mit moderner Technik verknüpft und so das Jagdspiel der Generation Gameboy erfunden. Schon die erste Vorabversion hat Hunderte Fans gefunden.

Von Gordon Bolduan


Paul Zachos, Mitgründer des Bremer Start-ups urban team, ist auf der Flucht. Er sprintet los, vorbei an einem Gebäude, dann über eine Wiese. Wild flitzen seine Pupillen hin und her, prüfen abwechselnd die Umgebung und das Handy in seiner linken Hand. Das "Radar" darauf zeigt unterschiedlich große konzentrische Kreise, der Radius des größten entspricht in der Realität einem Kilometer Luftlinie. Zachos ist darin das schwarz-orange Kreuz, das sich zügig vom Mittelpunkt wegbewegt. Denn dort lauern eine rote, eine blaue und eine grüne Kugel. "In wenigen Sekunden werden sie ausschwärmen", erklärt Zachos.

Der 32 Jahre alte Informatiker testet das Produkt von urban team, das Spiel "FastFoot-Challenge". Es kombiniert die Idee von "Räuber und Gendarm" mit Kommunikations- und Navigationstechnologie. Spielgerät ist das Handy. Falls es über keinen GPS-Empfänger verfügt, muss es über den Funkstandard Bluetooth ansprechbar sein. Für die Ortung sorgt dann eine sogenannte GPS-Maus, wie Zachos sie in seiner Brusttasche trägt. In der Rolle des "X" sieht er Position, Entfernung und Bewegungsrichtung seiner drei Verfolger dauernd, diese ihn jedoch auf ihrem "Handy-Radar" nur alle sechs Minuten. Schafft es einer, sich Zachos innerhalb von 25 Minuten auf mindestens 50 Meter zu nähern, ist er der Gewinner, schafft es keiner, ist es Zachos.

Was einfach klingt, macht sehr viel Spaß, hier in Bremen und auch in Barcelona. Dort belohnte die Jury des International Mobile Gaming Award das Konzept mit dem ersten Platz und 5000 Dollar.

"FastFoot-Challenge soll der Fußball für die Generation Gameboy sein", fasst Gründer Tom Nicolai die Vision zusammen. Das Spiel solle eine Community erzeugen, die sich, so Nicolai, im Internet unter www.fastfoot.mobi trifft. Bereits 600 Spieler haben sich dort registriert und die noch kostenlos erhältliche Beta-Version des Spiels heruntergeladen. Die Bühne dazu bietet das kostenlose Programm Google Earth, gefüttert mit Daten aus dem Internet. Falls die Spieler zustimmen, können Zuschauer auf virtuellen Luftbildern den Spielverlauf live oder zu einem späteren Zeitpunkt verfolgen.

Nicolai promoviert gerade am Technologie-Zentrum Informatik und Informationstechnik (TZI). Die Idee zu Fast-Foot-Challenge kam ihm bereits 2006, doch erst im April 2008 ergatterten er, Zachos und zwei weitere Mitstreiter das auf ein Jahr begrenzte staatliche Exist-Gründerstipendium. Damit wagten sie die Ausgründung aus dem TZI.

Für Nicolai ist es die durchdachte Einfachheit, die das Spiel so attraktiv macht. Die auf einen Blick erfassbare Oberfläche des Spiels folgt einer simplen Menüführung. Um den Akku des Handys zu schonen, erneuert sich die Anzeige nur viermal pro Sekunde. Die Positionen der anderen Spieler bezieht das Handy von einem zentralen Server, der auch als Schnittstelle zur Internet-Plattform und dem Live-System dient, das die Bewegungsinformationen zu Google-Earth-konformen Abspielformaten verarbeitet.

Nicolai und sein urban team hoffen, von der Verbreitung des mobilen Internets, der Eröffnung sogenannter Application Stores und der Bereitstellung von Programmierwerkzeugen fürs Handy zu profitieren. Im Frühjahr soll FastFoot-Challenge für Googles Handy-Plattform Android zu kaufen sein, im Sommer ist dann das iPhone dran. Nicolai kalkuliert mit einem Preis von fünf bis zehn Euro pro Lizenz. Zusätzlich hofft er auf Werbeeinnahmen durch entsprechende Angebote auf der eigenen Internet-Plattform.

Konkurrenz durch andere Start-ups nimmt der Informatiker bisher noch nicht wahr, Telekommunikationskonzerne trauen sich nach seiner Einschätzung noch nicht an das Thema heran. Deshalb will er mit urban team den Vorsprung nutzen. Fürs kommende Jahr kündigt er weitere Spiele an, und allein mit FastFoot-Challenge will er in den nächsten vier Jahren Millionen Spieler erreichen.


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