Hippe Handarbeit Hacker zu Stricklieseln

Aus den USA schwappt ein Trend nach Deutschland, der uralte Tugenden wiederbelebt: Häkeln und stricken, bauen und basteln sind plötzlich in - die Hacker der Internet-Ära werden zu High-Tech-Handarbeitern. Dabei entsteht Skurriles, Bizarres und oft Zauberhaftes jenseits des Massenmarktes.

Eine vergoldete Audiokassette als Gürtelschnalle . Ein rollendes viktorianisches Haus , angetrieben mit Dampf. Speichenbeleuchtung für Fahrräder, die im Vorderrad einen fliehenden Geist und hinten einen hungrigen Pacman erscheinen lässt . Strick-Überzüge für Parkuhren und Brückenpfeilern als wollig-befristeter Graffiti-Ersatz. Gehäkelte Comichelden. In den USA vollzieht sich zur Zeit eine bizarre, technikverliebte Revolution: Nerds und Hacker werden zu Heimwerkern - und die Strick- und Häkelfans von gestern zu den Markt-Avantgardisten von morgen. Handarbeit ist wieder hip.

Der Trend schwappt gerade nach Deutschland, in den USA ist er schon Mainstream. "Ich sehe, dass sich eine starke Do-it-yourself-Kultur entwickelt", sagt Wired-Chef und Buchautor Chris Anderson ("The Long Tail") SPIEGEL ONLINE. In seinem Blog GeekDad  reichen die Themen von maschinell bemalten Ostereiern bis hin zu der Frage, wie man in einer Mikrowelle Metall zum Schmelzen bringt.

Web-Pionier Tim O'Reilly rief im SPIEGEL-ONLINE-Interview schon im vergangenen Herbst das Zeitalter der Hardware-Hacker aus: "Wir betreten eine neue Welt." In seinem Verlag erscheinen die Zeitschriften " Make " und " Craft " - projektorientierte Bastler-Blätter, Strickmuster und Modellflugzeuge für die Eltern und Kinder des Internets.

Überwachungsflugzeug aus Lego

Bei einer "Maker Faire", einer der Bastlermessen, die O'Reillys Leute nun regelmäßig organisieren, trafen vor ein paar Tagen in San Francisco Fans alter Flipperautomaten auf Menschen, die aus Bohrern und Kettensägen Rennautos bauen, der Erfinder eines "3-D-Zucker-Druckers" auf ein vielköpfiges Team, von dem das erwähnte viktorianisch-architektonische Dampfvehikel entwickelt wurde. "Wired"-Chef Anderson war auch da - mit seinen Kindern und einem ferngesteuerten Überwachungsflugzeug, vom Familienteam mit Hilfe von Lego Mindstorms gebaut. Insgesamt kamen in zwei Tagen 40.000 Besucher zu dem Tech-Jahrmarkt.

Die Kinder des Web strömen also zurück in die wirkliche Welt, ins Freie, in Kellerwerkstätten und Geräteschuppen. Und wie in einer Zangenbewegung kommen die angestammten Bewohner der Bastelstuben und Heimwerker-Labore ins Netz, um die globale, oder doch wenigstens eine lokale Öffentlichkeit für ihre Schöpfungen zu begeistern.

"Das Web hat meine Arbeit nicht verändert, sondern sie überhaupt erst möglich gemacht", sagte Kathrin Pöhlmann. Die Mittzwanzigerin, die in Unterfranken in einem ländlichen Idyll lebt, ist die Gründerin von "Nähzimmer". Das Familienunternehmen stellt Produkte für den individuellen Geschmack her - zum Beispiel Wickeltaschen für junge Mütter. Pöhlmann verkauft ihre Waren über das Internet. Und zwar inzwischen nicht mehr über ihre eigene Webseite, sondern über ein Angebot namens Dawanda.

Kleine Strickpuppen und Computer aus Holz

Dawanda  ist eine Handelsplattform für Selbstgemachtes, gewissermaßen ein Ebay für Kunsthandwerker - und für Kunden, die nach Individualität und einem persönlichen Bezug zum Produkt suchen. "Kunden, die uns über Dawanda finden, wissen, was sie wollen", sagt Pöhlmann, "das sind Kunden denen ich nicht mehr erklären muss, dass hinter dem Nähzimmer kein großes Unternehmen steht."

Das Vorbild für Dawanda heißt Etsy  und stammt aus den USA. Etsy-Gründer Robert Kalin ist ein Paradebeispiel für den Handarbeits-Hacker von heute: Er liebt kleine, makabre Strickpuppen - und baut selbst Computer so um, dass sie aussehen wie ausgehöhlte Dual-Plattenspieler aus den Siebzigern, mit Holz und orangefarbenenem Plexiglas.

"Das Internet ist ein subversives Medium" - wie die Techno-Humanisten der Gegenwart ultrahippes Webdesign für ein uraltes Gewerbe nutzen ...

Kalin wirkt wie ein Elfenmann aus einem Fantasyfilm, ein zierlicher Mittzwanziger mit rotblondem Wirrschopf und blitzenden Augen. Wenn er über seine Vision spricht, glaubt man, einem religiös Beseelten zuzuhören: "Diese Bewegung ist größer als alle Walmarts dieser Welt", sagt er. "Das hier ist viel mehr als ein kleiner Trend und auch keine vorübergehende Mode."

Die Menschen, ist der passionierte Bastler überzeugt, haben die Nase voll von Massenproduktion und der zwangsläufigen Entfremdung von Produzent und Konsument: "Das Internet ist für mich ein sehr subversives Medium, und es hat bereits begonnen - nach nur 10 Jahren - die Weltwirtschaft und Unternehmen fundamental zu verändern, dem Einzelnen Macht zurückzugeben."

Stöbern in animierten Farbklecksen und Zeitspiralen

Die Techno-Humanisten, die Wikipedia, Open-Source-Software und Craigslist als Vorboten einer besseren Zukunft betrachten, entdecken in Etsy, "Make" und Geekdad.com die Hardware-Entsprechung der Software-Revolution des vergangenen Jahrzehnts. "Das Internet ist zu einem Nischenmarkt geworden", sagt Malte Gösche, einer der Gründer der Produktempfehlungsseite iliketotallyloveit.com , "in dem jedes Produkt, sei es noch so skurril, gefunden und bestellt werden kann."

Etsy ist auch als Plattform die Verkörperung der unerwarteten Allianz aus Technikfreak und Strickliesel, die sich da gerade formiert: Auf der Seite gibt es Häkeldeckchen, Kristallschmuck, Holzschüsseln und Tonskulpturen - präsentiert in fast schmerzhaft hippem Webdesign, mit einer Funktionalität, die "Web 2.0" schreit und es gleichzeitig mit technolgischen Tricks schafft, eine Art Schaufenster-Shoppen im Browser zu ermöglichen. Man kann auf der Etsy-Seite in animierten Farbklecksen herumstöbern und sich farblich passende Produkte vorführen lassen oder in eine Zeitspirale aus Produktfotos eintauchen, die Angebote nach Einstell- oder Verkaufsdatum sortiert aus dem Bildschirm sprudeln lässt.

Neue Sockenstrickmenschen für Kunden ohne Oma

Gleichzeitig betont das Webdesign die soziale Komponente dieser Art von Handel - sogar hübsch animierte Netzwerke aus Verkäufern kann man sich anzeigen lassen, verknüpft mit kleinen Fotos von deren Produkten. "Wir nutzen das Web", sagt Kalin, "um den Produzenten und den Konsumenten wieder zusammenzubringen."

Die Propheten der Bewegung haben für dieses uralte Prinzip den Begriff "social commerce" geprägt - darunter fällt Etsy ebenso wie Produkt-Empfehlungsseiten wie das deutsche Projekt iliketotallyloveit.com oder die nutzergetriebene Preissuche von dealjaeger . Gemeinschaftlich shoppen wider die Entfremdung. Am stärksten aber ist social commerce, wenn Produkt, Käufer und Verkäufer die wohlige Wärme selbstgehäkelter Hüttenschuhe eint.

Kathrin Pöhlmann formuliert es so: "Es hat nicht mehr jeder eine Oma, die Socken stricken kann. Deshalb sucht man sich jetzt eben neue Sockenstrickmenschen." Johanna Cenit, die über Dawanda handgemachtes Porzellan verkauft, sagt: "Ein persönliches Feedback, das Achtung und Freude an dem Objekt vermittelt, ist unglaublich wichtig." Man mache eben "keine Joghurtbecher", so die 38-Jährige, "sondern gibt ein Stück von sich, das man geliebt wissen möchte und dessen Anerkennung oder Kritik einen direkt betrifft."

Dawanda hat das Etsy-Prinzip recht erfolgreich in die bislang eher von Kunsthandwerkermärkten geprägte deutsche Szene übertragen, wenn auch mit weniger aufwendigem Webdesign als das US-Vorbild. Der Trend zum Selbermachen sei ein langfristiger, glaubt Claudia Helming, die Dawanda gemeinsam mit Michael Pütz gegründet hat: "Es passiert schon seit mindestens 15 Jahren etwas in diese Richtung, wie bei allen Trends wird dieser aber erst zum Massenphänomen oder massentauglich, wenn dafür die notwendigen Strukturen geschaffen werden."

Bei Dawanda böten mittlerweile über 1.700 Verkäufer etwa 10.000 Produkte an. Der soziale Aspekt sei nur die eine Hälfte: "Während zwar auf der einen Seite bei Massenprodukten der Preiskampf regiert, entwickelt sich parallel zunehmend die Lust an Dingen, die sonst keiner hat. Die genauso einzigartig sind, wie der Mensch, der sie kauft."

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