Innovationen Ich denke, also spiel' ich

Gehören auch Sie zu den Zeitgenossen, die es mit dem Konsolen-Controller in der Hand nicht über die zwölfte Sekunde von Level 1 hinausschaffen? Die US-Firma Emotiv verspricht Ihnen das Ende aller Game-Frustrationen - mit einem Helm, der uns Spiele mit bloßen Gedanken steuern lässt.


Ist das nun ein Durchbruch oder ein verfrühter Aprilscherz? Die US-Firma Emotiv will einen Helm entwickelt haben, mit dem sich Spiele nur per Gedankenkontrolle steuern lassen. Noch in diesem Jahr, verspricht das Unternehmen, soll das ungewöhnliche Steuergerät auf den Markt kommen.

Das sogenannte Neuroheadset soll dabei sowohl die Signale der bewussten Hirnströmungen aufspüren als auch unbewusste Gefühle erkennen, wie die Firma bei der Vorstellung des Geräts auf der Game Developers Conference in San Francisco mitteilte. Das klingt wie Science Fiction - genau so nahm man vor Jahren auch Cyber-Handschuhe oder Virtual-Reality-Brillen wahr. Auch die sind bis heute vor allem Gimmicks: Wirklich komplexe Aufgaben und schnelle Reaktionen erledigt man noch immer besser mit herkömmlichen Controllern.

So wird das Headset auch zusammen mit einem eigens von Emotiv entwickelten Spiel ausgeliefert, es soll aber auch mit anderen PC-Spielen funktionieren. Emotivs "Epoc"-Helm kann man also zumindest als "Proof of Concept" sehen: Er beweist, was technisch möglich ist.

Durchaus ernst nimmt aber auch IBM die Sache: Gemeinsam mit Emotiv sollen Anwendungen entwickelt werden, die über Computerspiele hinausgehen. Die Technik der Steuerung mit Gehirnströmen könne nicht nur Spiele, sondern die ganze Interaktion von Mensch und Computer verändern, sagte Paul Ledak von IBM. Denkbar wäre auch der Einsatz im therapeutischen Bereich, um beispielsweise durch Unfälle eingeschränkte Fähigkeiten wieder zu fokussieren und zu trainieren - ähnlich, wie die Wii in vielen Rehabilitationszentren und Altenheimen eingesetzt wird, um motorische Fähigkeiten zu trainieren.

Weniger komplex als man denkt

Die grundsätzliche Funktionsweise des Neuro-Headsets scheint plausibel: In einer Kalibrierungsphase setzt der Spieler quasi selbst fest, was für eine Form von Befehl für was für eine Art von Bewegung stehen soll. Der Epoc braucht also nicht mehr leisten als einen Vergleich grundsätzlicher grober Muster, um das Wollen des Spielers in Bewegung umzusetzen.

Dabei kommen natürlich auch nur relativ grobe Bewegungsmuster heraus: Epoc-Spiele dürften vom Reiz leben, virtuelle Objekte per Gedanke zu kontrollieren, zu bezwingen - das Ding ist für Konzentrationsspiele gemacht, und nicht, um Raumschiffe fleißig ballernd mit Highspeed durch virtuelle Universen zu lenken. Spaß machen könnte das durchaus trotzdem: Produkte vom Gehirn-Jogging-Konzentrationsspiel bis zu einfacheren Wii-Spielen, bei denen es auch nur darum geht, Objekte innerhalb bestimmter Parameter von A nach B zu befördern, gehörten zu den Bestsellern des vergangenen Jahres.

Was Epoc also nicht leisten muss, ist eine Übersetzung von Hirnströmungen in die entsprechenden Aktionen, die normalerweise damit verbunden wären. Wie auch? So etwas auszudeuten, schafft noch nicht einmal ein qualifizierter Neurologe mit hochkomplexer Ausrüstung. Das begrenzt natürlich auch die Einsatzmöglichkeiten in komplexeren Spiele-Kontexten. Ein Durchbruch, eine Erweiterung der Möglichkeiten digitaler Spiele ist das Neuro-Headset allemal: Es ist das erste seiner Art, andere werden folgen. Und IBM arbeitet mit daran, entsprechend komplexe Anwendungen zu entwickeln. Der IT-Riese sieht Epoc vor allem als Steuergerät für die Bewegung in virtuellen Welten. Das würde passen.

pat/AP

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