IT-Innovator Apple Cool, phänomenal, arrogant

Was für ein Hype: Selbst wenn Steve Jobs nur Mini-Neuheiten zu präsentieren hat, wird der Apple-Chef inzwischen bejubelt wie ein Messias. Anatomie eines Phänomens, das in der IT-Welt ohne Gleichen ist - und nicht ganz ungefährlich für den Konzern.

Es ist der erste Satz, und er ist Steve Jobs wichtig. So wichtig, dass er ihn sogar hinter sich an die Wand werfen lässt.

In einer Zeile, weiß auf dunklem Grund, steht da zu lesen, was einst Mark Twain per Telegramm in die Heimat schickte: "Die Meldungen über meinen Tod sind stark übertrieben."

Der legendäre US-Literat war vor vielen Jahren für tot erklärt worden, bis er jene dürre Zeile durchtickerte. Apple-Chef Jobs ist vor knapp zwei Wochen dasselbe widerfahren. Die Nachrichtenagentur Bloomberg hatte versehentlich den Nachruf auf ihn veröffentlicht – und dann beschämt zurückgezogen.

Jetzt steht Jobs im Yerba Buena Center for the Arts in San Francisco, wie immer in Jeans und schwarzem Rollkragenpulli, und erntet gleich für diesen ersten Satz Beifall und Gelächter. Auf der großen dunklen Bühne sieht der Konzerngründer allerdings hager aus, noch hagerer als im Juni, als er die neue iPhone-Generation vorstellte und Gerüchte über eine erneute Krebserkrankung aufkamen.

Mehr als den einen Twainschen Satz gibt es zum Gesundheitszustand des 53-Jährigen nicht. Schließlich will Apple Jobs feiern - mal wieder.

Die Stadt mit der höchsten iPod-Dichte

Unter dem Motto "Let's rock" wurden die neuen Produkte für das Weihnachtsgeschäft vorgestellt, und das Publikum im Kongresszentrum - zu großen Teilen Apple-Mitarbeiter und deren Gäste - brach in Jubel aus. Regelmäßig treffen sie sich hier oder im noch viel größeren Moscone Center um die Ecke, um zu Tausenden die Neuheiten ihres Messias zu beklatschen. Denn als nichts anderes ist Steve Jobs hier in San Francisco: der Stadt, die sich wie keine andere mit dem Erfindergeist, den grenzenlosen Visionen und dem unglaublichen Erfolg des naheliegenden Silicon Valley identifiziert.

Hier wohnen sie, die jungen Ingenieure, die smarten Programmierer und die erfolgreichen Web-Unternehmer: im Castro-Viertel, in Noe Valley oder im "Soma", dem South-of-Market-Viertel. In wohl keiner anderen Stadt der Welt ist die Dichte von iPods und iPhones so hoch wie hier.

Die Zuhörer im Yerba Buena Center erfahren, dass Apple mit seinen 160 Millionen verkauften iPods inzwischen einen Marktanteil von 73,4 Prozent hat. Danach kommen 15,4 Prozent "andere". Microsofts Zune-Player liegen mit verschwindend geringen 2,6 Prozent an letzter Stelle, noch hinter Sandisk (8,6 Prozent).

Selbst diese eher nüchterne Feststellung provoziert begeisterten Beifall. Fast hat man den Eindruck, es ist egal, was hier gesagt wird. Hauptsache, es wird etwas gesagt.

Technikbegeisterung mit menschlichem Antlitz

Verehrt, bewundert, vergöttert wird Steve Jobs hier - das erfährt man, wen immer man in der Stadt danach fragt. "Er könnte einen Hundehaufen polieren und ein silbernes Apple-Logo draufsetzen, selbst das würden die Leute kaufen", heißt es in einem der vielen Blog-Einträge des "San Francisco Chronicle".

"Steve Jobs ist der Archetypus des Silicon Valley. Der erste Name, der genannt wird, wenn man nach bekannten Firmen oder Namen fragt", sagt Paul Saffo, langjähriger Chef des Institute for the Future im Silicon Valley und Dozent an der Universität von Stanford. "Er wird uneingeschränkt bewundert - und das, obwohl ihn viele hier gar nicht persönlich kennen. Er hängt nicht auf den vielen Cocktailpartys rum."

"Wir hier im Valley sind insgesamt recht selbstbewusst", sagt Yves Béhar, erfolgreicher Industriedesigner, der unter anderem für Apple, Hewlett Packard, BMW, Nike, Toshiba und Microsoft gearbeitet hat. "Aber Apple als Unternehmen ist sicher führend in der Art, wie es seinen Enthusiasmus und die Technikbegeisterung auf seine Nutzer überträgt – und das mit menschlichem Antlitz." Was das Phänomen so einzigartig macht: "Apple repräsentiert den eigentbrötlerischen Durchhaltewillen, das Eigene durchzuziehen."

Um den Stolz auf Firmen wie Apple und Chefs wie Jobs zu verstehen, muss man wissen, dass das Silicon Valley noch immer mit Abstand die attraktivste und lukrativste Region für Kapitalgeber ist. Hier boomt die IT-Wirtschaft. Fast 30 Milliarden Dollar haben Risikokapitalfirmen im vergangenen Jahr insgesamt in US-Firmen investiert - und knapp ein Drittel davon floss nach San Francisco und Umgebung. Auf Platz zwei folgt Boston mit gerade mal 3,7 Milliarden Dollar. Und während im ganzen Land die Häuserpreise wegen der Immobilienkrise abrutschen, steigen sie in der Bay Area kontinuierlich weiter, um fast sieben Prozent allein in der ersten Hälfte dieses Jahres.

Ordner in apfelgrünen T-Shirts

Apples Sonderrolle unter den vielen IT-Firmen begründet Designer Béhar mit einer einfachen Begründung: "Es ist das bekannteste der vielen risikofreudigen Silicon-Valley-Unternehmen - vor allem aber steht es wie kein anderes für den wichtigsten Beitrag, den wir von hier aus geleistet haben. Nämlich die Wiedereinführung des Designs in die Wirtschaftswelt." Ohne Apple müssten Designer noch heute außerhalb der Unternehmen kämpfen, um zu beweisen, dass man mit gutem Aussehen gute Geschäfte machen kann.

Jetzt sitzen sie in den Unternehmen - all die hippen Mac-User mit ihren coolen Brillen, den lässigen Taschen und den Apple-Laptops auf den Knien.

Und sie lauschen bei Events wie jenem im Yerba Buena Center Jobs, der das neue iTunes und die ultradünnen iPods mit all ihrem technischen Schnickschnack preist. Draußen stehen Übertragungswagen, staunende Touristen drücken sich an den abgesperrten Eingängen herum, von Ordnern in apfelgrünen T-Shirts fernab des Geschehens gehalten.

Gäbe es Musik, könnte das hier auch ein Popkonzert sein.

Wie lange wird das eigentlich noch so gehen?

Es gibt, wenn man genauer hinsieht und -hört, auch andere Stimmen. So vermisste mancher in der Arena schon den Elan bei Jobs - die schwachen Witze beschränkten sich auf den Musikgeschmack ("Ich wollte Euch eigentlich nicht zeigen, dass ich Dean Martin auf meinem iPod habe"). Und nach der kurzen Live-Einlage von Jack Johnson, laut Jobs der am meisten nachgefragte Sänger bei iTunes, blieb die legendäre Zugabe aus. Es gab kein "one more thing", kein "noch was" - der Satz, mit dem der Apple-Gründer die größten Sensationen am Ende der Veranstaltungen einleitet.

Was, wenn es keine Innovationen gibt?

Das Publikum verlief sich eher schnell in den Fluren des Kongresszentrums, während Jobs mit seinen Managern noch am Rande der Bühne stand. Die wenigen Journalisten wurden freundlich, aber bestimmt von ihm ferngehalten. "Apple hält sich sicher für das coolste Unternehmen des Planeten und ist manchmal ziemlich arrogant", sagt Zukunftsforscher Saffo. "So lange sie weiterhin gute Produkte liefern, können sie sich das auch leisten."

Was auch bedeutet: Wenn sie das nicht tun, wird es schwierig.

Die Börse reagierte eher enttäuscht auf die Show (siehe Grafik). Zu wenig Innovation, zu wenig Neues, bemängelten die Analysten. Überraschungen, auf die etliche gehofft hätten, seien ausgeblieben: "Da gab es nichts Revolutionäres", sagte Andrew Silverberg, Vizepräsident des Alger Large Cap Growth Fund, der knapp 70.000 Apple-Aktien hält. "Diese Nachrichten waren erwartet worden." Es sei nicht das erste Mal, dass eine Apple-Show die Anleger enttäuscht habe.

Tatsächlich hatten Gerüchte-Websites wie "Apple Insider" vor der Apple-Veranstaltung etliche Details herausbekommen und den Apple-Fans online präsentiert. Weil Apple an seinem Geschäft immer mehr Partner und Zulieferer beteiligt, scheint es auch dem legendär geheimniskrämerischen Konzern schwerer zu fallen, sein Publikum zu überraschen.

Anders gesagt: Es wird immer schwieriger, den Hype zu erzeugen. Das ist nicht ungefährlich für Apple.

In San Francisco wollen sie so was natürlich nicht hören. Kaum eine Viertelstunde, nachdem die Vorstellung der neuen Geräte zu Ende ist, hängt die Werbung für den neuen iPod Nano, "nano chromatic", schon an den Bushaltehäuschen der Innenstadt. Zu kaufen gibt es den Player erst am Ende der Woche. Ein bisschen Spannung muss schließlich auch hier noch sein.

mit Material von dpa

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