Jugendschutz bei Videospielen Pfeiffer und Beckstein kritisieren USK

Der Kriminologe Christian Pfeiffer wirft der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) Industrienähe vor. Auch Bayerns Innenminister Beckstein kritisiert die USK. Bei dem Streit geht es auch um die Frage, welchen kulturellen Wert Videospiele besitzen.

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Der Kriminologe Christian Pfeiffer wehrt sich gegen die Vorwürfe, die vergangene Woche bei der Vergabe des Deutschen Entwicklerpreises für PC-Spiele gegen ihn erhoben wurden. Der Landtagsabgeordnete Thomas Jarzombek (CDU) hatte dort angedeutet, Pfeiffers Kriminologisches Forschungsinstitut habe Interesse daran, die Rolle der USK zu übernehmen, dies jedoch danach gleich als "Gedankenspiel" relativiert. Klaus Spieler, der Leiter der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) – also des Spiel-Jugendschutzes in Deutschland – hatte Jarzombek zugestimmt - zumindest indirekt . Spieler warf Pfeiffer vor, er störe sich an der Tatsache, dass die USK Kindergärtnerinnen im Umgang mit Computern und der Vermittlung von Medienkompetenz unterweise.

Pfeiffer leitet das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen. An diesem Institut läuft im Moment ein Projekt, das sich mit den Videospiel-Einstufungen der USK befasst. Pfeiffer hat diese Einstufungen in den vergangenen Monaten immer wieder heftig kritisiert. Dass er die Bewertungen aber künftig an seinem Institut durchführen lassen wolle, sei "blanker Unsinn" so der Kriminologe im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Fakt ist, dass wir niemals auch nur in diese Richtung nachgedacht haben", sagte Pfeiffer.

"Haltlose Unterstellung"

Der bayerische Innenminister Günther Beckstein hat sich inzwischen in den Gutachterstreit eingeschaltet. Da die USK "offenbar keine sachlichen Argumente gegen die Kritik Pfeiffers aufzuweisen" habe, versuche sie mit der haltlosen Unterstellung, Pfeiffer wolle die USK übernehmen, Stimmung zu machen. Dies seien durchsichtige Versuche die aber zum Scheitern verurteilt seien. Die Tatsache, dass dieser Gedanke ursprünglich von einem Unionsabgeordneten formuliert worden war, kommentierte Beckstein nicht.

Mit den Gewaltspiel-Verbotsplänen der Länder-Innenminister Uwe Schünemann (Niedersachsen) und Günther Beckstein ist Christian Pfeiffer selbst nicht einverstanden. Eine funktionierende freiwillige Selbstkontrolle sei für den Jugendmedienschutz besser als eine von Herrn Schünemann vorgeschlagene staatliche Behörde. Der entscheidende Vorteil des USK-Systems sei, dass geprüft wird, bevor ein Spiel auf dem Markt ist – und das gehe nur im Wege der freiwilligen Verpflichtung.

Man müsse der USK aber allzu große Industrienähe vorwerfen. Sie sei mit einer Plakatkampagne über die positiven Einsatzmöglichkeiten von Computerspielen als "Lobbyist der Spieleindustrie aufgetreten". Problematisch findet Pfeiffer, dass die Tester der USK nicht die gleichen Personen sind wie die Gutacher, die schließlich über die Einstufung eines Spiels entscheiden.

Ein Spiel wandere unter Umständen mehrmals zwischen USK-Testern und Hersteller hin und her, bis man sich über eine Fassung für den deutschen Markt einig sei. Die USK trete also als Berater der Industrie auf. Dies sei in der Prüfordnung der USK nicht vorgesehen, außerdem könne dies die Unabhängigkeit der Tester beeinträchtigen. Es gebe in diesem Prozess "keine Transparenz". Zudem hätten die USK-Tester gar nicht ausreichend Zeit, alle Spiele wirklich durchzuspielen und würden deshalb Hersteller-Informationen übernehmen.

"Im Kindergarten haben Computer nichts zu suchen"

Kritisch sieht Pfeiffer auch den mit der USK verbundenen Förderverein für Jugend und Sozialarbeit. Der ist beispielsweise am Berliner Computerspiele Museum beteiligt und führt auch die Ausbildungsprogramme für Kindergärtnerinnen durch. Man habe selbstverständlich nichts gegen Computer in Schulen, für Kinder "ab etwa zehn Jahren" sei das durchaus angemessen, so Pfeiffer zu SPIEGEL ONLINE, "im Kindergarten haben sie aber nichts zu suchen, das ist reine Produktförderung".

Den die USK tragenden Verein nannte er einen "Verein zur Förderung des Computerspielens in Deutschland". Er selbst halte Computerspiele bestenfalls für "einen netten Zeitvertreib" und einen "interessanten Erwerbszweig der Industrie", schlimmstenfalls für "eine Sache, die sozial verkümmern lässt". Keinesfalls aber seien Spiele die große kulturelle Erweiterung des 21. Jahrhunderts.

Pfeiffer sagt jedoch auch, er wolle die USK nicht abschaffen sondern stärken. Mit einer Abgabe von 25 Cent pro verkauftem Spiel müsse die Industrie bei der Finanzierung stärker zur Kasse gebeten werden, die so erwirtschafteten Gelder sollten auch zur Bekämpfung der Computerspielsucht eingesetzt werden.

USK-Geschäftsführer Spieler erklärte, die Beratung von Anbietern in Puncto Jugendschutz und gesellschaftlicher Akzeptanz gehöre zu den festgelegten Aufgaben der USK. Allerdings sei die Art und Weise dieser Beratung so geregelt, dass sie die von Pfeiffer behauptete Befangenheit ausschließe: "Es gibt kein informelles Verfahren, das lediglich zwischen einem Tester und einem Anbieter abläuft, auch keines zwischen dem Leiter des Testbereichs und der antragstellenden Industrie."

"Diffamierungskampagne gegen die USK"

Die Tester seien zudem hochprofessionell und könnten ein Spiel daher in relativ kurzer Zeit durchspielen. Man brauche deshalb keine zusätzlichen Ressourcen: "Wir sind ausgestattet, wie es im Sinne des Jugendschutzes notwendig ist."

Spieler wirft Pfeiffer vor, seit Längerem eine Diffamierungskampagne gegen die USK zu betreiben. Er stütze sich dabei auf einen selbsterteilten Auftrag zu ihrer Evaluierung. Tatsächlich sei der Auftrag von Bund und Ländern zur Evaluierung von Arbeit und Wirkung der USK an das Hans-Bredow-Institut für Medienforschung der Universität Hamburg erteilt worden. "Daher ist es naheliegend", so Spieler "dass in der Öffentlichkeit Vermutungen über die wahren Motive und Ziele von Herrn Pfeiffer ausgetauscht werden". Es sei unerträglich, wenn Pfeiffer und Beckstein behauptetenn, ihren "Kampf gegen
solche widerwärtigen Killerspiele" und für den Schutz von Kindern und Jugendlichen gegen Einrichtungen des gesetzlichen Jugendschutzes führen zu müssen.

Im Endeffekt prallen in der momentanen Debatte, in der es ja eigentlich um Jugendschutz geht, zwei prinzipielle Positionen aufeinander: Es geht um die Frage, ob Computer- und Videospiele etwa Filmen vergleichbare kulturelle Artefakte sein können, oder ob sie primär eine gesellschaftliche Belastung darstellen, vergleichbar Alkohol oder Zigaretten. Kriminologe Pfeiffer ist der Meinung, solche Negativ-Wirkungen überwögen, Klaus Spieler steht für eine andere Denkrichtung, die Spiele als zukunftsträchtiges Medium betrachet. Der Fortgang der Debatte wird maßgeblich davon abhängen, auf welche Seite sich die Politik hierzulande stellt.

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