Klanggesteuerte Musiksuche Die Ohrwurm-Maschine

Kennen Sie das? Sie haben einen Song im Kopf und verzweifeln, weil Sie nicht wissen, wie er heißt und wer ihn singt? Jetzt verspricht eine neue Musik-Suchmaschine Abhilfe - der Apparatschik hat die Dudelbox getestet.

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Als ich heute Morgen aufwachte, hatte ich einen tierischen Affen. Sein Name: Brass Monkey - that funky Monkey. Seine Herkunft: Eine Textzeile aus einem Song einer Band, dessen und deren Name mir entfallen sind. Ich summe das Lied vor mich hin, wieder und wieder und wieder.

Ich frühstücke – und denke an den Blechaffen und frage mich: Wer hat das noch mal gesungen? Ich ziehe mir die Schuhe an und summe den Brass Monkey. Ich putze mir die Zähne: Blechaffe. Ich höre "One" von Metallica auf Konzertlautstärke. Aber der Brass Monkey nimmt den Metallica-Shouter James Hetfield in den Schwitzkasten, damit er nicht weitersingen kann.

Brass Monkey - that funky monkey. Brass Monkey – Junkie - that funky monkey. Got this dance that's more than real, drink Brass Monkey - here's how you feel.

Ich halte das nicht länger aus. Von wem ist dieses Lied? "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist", hat der französische Schriftsteller Victor Hugo mal daher philosophiert. Was aber, wenn man nicht schweigen möchte? Wenn man ein Stück benennen will und nicht benennen kann?

"Das Schweigen zwischen Mensch und Maschine brechen"

Die Suchmaschine Midomi nimmt sich seit ihrem Launch vor ein paar Tagen dieses Problems an. Wer ein Headset oder Mikrofon an den PC anschließt, kann den Song, den er sucht, einer Melodie- und Spracherkennungssoftware vorsingen. Um die Suchanfrage weiter zu präzisieren, können außerdem Textfragmente in eine Maske eingegeben werden, sofern bekannt.

Das Programm spuckt dann Vorschläge aus, wie der gesuchte Song und sein Interpret heißen könnten. Der Suchende kann sich das Ergebnis gleich anhören – in der Version des Original-Interpreten oder als von anderen Midomi-Usern eingesungenes A-cappella-Stück.

Musik-Suchmaschine Midomi: "Das Schweigen zwischen Mensch und Maschine brechen"

Musik-Suchmaschine Midomi: "Das Schweigen zwischen Mensch und Maschine brechen"

"Unser Ziel ist es, das Schweigen in der Mensch-Maschine-Interaktion zu brechen", werbetextet Amir Arbabi, der Vicepresident der Melodis Corporation, die Midomi entwickelt hat. "Über Midomi können Nutzer auf die natürlichste aller Arten Musik finden: durch singen, summen oder pfeifen."

Ich sitze am PC, habe mich in das Midomi-Portal eingeloggt. Vor mir auf dem Bildschirm flackert ein grüner Balken. "Brass Monkey", singe ich, "that funky monkey" - und der grüne Balken schlägt aus. Nur Mut, denke ich, und singe weiter, so weit, wie ich das namenlose Blechaffenlied eben singen kann. Am Ende fühle ich mich irgendwie erleichtert.

Die Suchergebnisse tragen zu dieser Erleichterung allerdings wenig bei: Der Brass Monkey sei "Into The Great Wide Open" von Tom Petty, schlägt Midomi vor. "Falsch!", fluche ich, und der grüne Balken flackert auf. Aber was habe ich falsch gemacht? Habe ich schief gesungen? Genuschelt? Den Songtext verdreht? Oder taugt die Sprach- und Melodieerkennung nichts?

Multimodale Melodie- und Spracherkennung

Im Tutorial steht, dass die Suchmaschine auch bei musikalisch weniger begabten Nutzern funktionieren soll. Schiefes Gegröle und atonales Schreien bügle das System dadurch aus, dass es den einströmenden Soundbrei digital zerlege und nach Tonhöhe, Tempo-Variation, Phonetik der Wörter und Platzierung der Pausen analysiere. "Multimodales adaptives Rekognitions-System (MMARS)" nennen die Midomi-Entwickler Keyvan Mohajer und Majid Emami diese Technologie.

Ich probiere mein Glück weiter. Diesmal mit anderen Songs, von denen das Programm viele anstandslos erkennt. Mainstream-Titel à la Shakira oder Beyoncé und Evergreens wie "Surfin' USA" von den Beach Boys funktionieren besonders gut. Sogar den "Imperial March", die Darth-Vader-Melodie aus dem Film "Star Wars", die ich zwischendurch geistesabwesend vor mich hinpfeife, erkennt Midomi nach ein paar Takten.

Bei den Songs, die das Programm nicht erkennt, bekomme ich immer "Into The Great Wide Open" von Tom Petty als Suchergebnis.

Ich frage mich, ob Mr. Pettys Plattenfirma dafür teures Geld bezahlt, oder ob dem Song die musikalische Weltformel zu Grunde liegt. "Wenn Midomi ihnen ständig Tom-Petty-Stücke ausspuckt, dann singen sie vielleicht wie Tom Petty", meint Arbabi schlicht, "natürlich ist die Software nicht perfekt, sie wird aber umso besser, je mehr User eigenen Content hochladen."

Weitreichendes Geschäftsmodell

Denn Midomi ist nicht nur Suchmaschine, sondern auch Studio, Weltbühne, Kontaktbörse: Über eine flashbasierte Recording-Software können Nutzer eigene Acapella-Versionen von Songs aufnehmen und ins Netz stellen. Damit erweitern sie gleichzeitig die Datenbank um neue, nachschlagbare Musikstücke. "Langfristig wollen wir mit Hilfe der User die weltweit größte Musik-Suchmaschine aufbauen", sagt Arbabi.

Über User-Profile, Rating-Sternchen, Gästebücher und Kommentarleisten wird nebenbei eine Community aufgebaut. Hobby-Chanteure können diese als Plattform nutzen, um sich vor einem weltweiten Publikum in Szene zu setzen, Trendscouts von Plattenfirmen eventuell dazu, neue Gesangs-Talente aufzuspüren. Die Firma schätzt, dass sich in den ersten Tagen nach dem Launch bereits mehrere Tausend User einen Account angelegt haben.

Wächst die Community in diesem Tempo weiter, ist sie bald ein attraktives Werbeumfeld und eine attraktive Verkaufsplattform für Musik. Schon jetzt steht, ähnlich wie bei Google, neben jedem Suchergebnis ein Link zum Online-Shop der Melodis Corporation. Rund zwei Millionen Songs können sich Midomi-User von dort für die obligatorischen 99 Cent auf die Festplatte saugen.

Mein Blechaffe ist offenbar bei diesen zwei Millionen Songs noch nicht dabei. Ich suche anderswo und finde ihn schließlich bei Google neben einem Zitat von Kurt Tucholsky: "Der Mensch: ein Lebewesen, das klopft, schlechte Musik macht und seinen Hund bellen lässt. Manchmal gibt er auch Ruhe, aber dann ist er tot", steht dort neben einem mir nur zu bekannten Plattencover der Beastie Boys, das bei mir zu Hause auch im Plattenregal steht.

Brass Monkey, denke ich, du affiges Ungetüm, endlich hab' ich dich geschnappt. Knisternd legt sich der Saphir auf die Platte. Klappe zu - Affe tot.

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