Kleinrechner-Trends Was die neue Netbook-Generation wirklich kann

Erfolgsrezept mit frischen Zutaten: HP, Sony, Asus und andere Hersteller erfinden das Netbook neu - manche bauen DVD-Brenner oder Handychips in die Mini-Rechner ein, andere experimentieren mit Linux und Android. SPIEGEL ONLINE gibt den Überblick.

Netbooks sind der Renner. Finanzkrise, schlechte Stimmung und Verunsicherung der Verbraucher zum Trotz werden sie den Händlern förmlich aus den Händen gerissen. Das Marktforschungsunternehmen DisplaySearch erwartet, dass der Netbook-Absatz 2009 um 65 Prozent gegenüber dem Vorjahr zulegen wird. Traditionelle Notebooks hingegen stagnieren beinahe, müssen sich mit drei Prozent Wachstum begnügen. Aber, was ist ein Netbook eigentlich? Was ist daran anders als an einem Notebook? Und vor allem: Warum sind die sich alle so ähnlich?

Für Intel und Microsoft ist das ganz klar definiert: Ein Netbook hat einen Bildschirm von maximal zehn Zoll in der Diagonale, eine Festplatte mit höchstens 160 Gigabyte Speicherplatz und ein Gigabyte Arbeitsspeicher. Außerdem steckt Intels Atom-Prozessor drin, es läuft Windows XP darauf und ein optisches Laufwerk gibt es nicht. Hersteller, die sich nicht an diese Vorgaben halten, müssen möglicherweise Aufpreise für die nötigen Mikrochips bezahlen oder bekommen von Microsoft keine Windows-Lizenzen geliefert.

Kein Wunder also, dass sich die aktuellen Modelle aller Hersteller verblüffend ähneln, oft nur durch den Akku unterscheiden. Je mehr Zellen der hat, desto länger hält so ein Netbook ohne Steckdose durch. Ansonsten bleibt den Produzenten eigentlich nur, sich durch ungewöhnliches Design ein wenig Individualität zu verschaffen. HP hat es mit knallroten Netbooks im Asia-Look versucht, Asus mit dem flachen EeePC S101 und Sony mit dem besonders schlanken VaioP.

Lieber Linux oder wieder Windows?

Eine Möglichkeit, die Hardware gegenüber dem Standard zu verbessern, wäre es, Linux zu verwenden. Die ersten EeePCs nutzten ein solches System, dem eine eigene Oberfläche übergestülpt war. Das sah gut aus und funktionierte bestens. Außerdem war dieses Linux billiger als Windows und passte prima zu dem ursprünglichen Netbook-Konzept. Die Netbooks wurden als billige Mini-Notebooks für Schüler und Studenten angepriesen.

Aber diese Idee hat sich längst überholt. Netbooks kauft heute jedermann, sei es als Zweitgerät, als Mobilspielzeug oder gar als Firmen-Laptop. Und da wollen viele Anwender eben Windows drauf haben. Also bekommen sie das auch, selbst wenn es die Auswahl an Hardware einschränkt oder den Preis nach oben treibt.

Manche wollen den Atom-Ausstieg

Dabei gibt es mittlerweile Linux-Versionen, die speziell an Netbooks angepasst wurden. Den Ubuntu Netbook Remix  beispielsweise, ein Linux, das sich mit vier Gigabyte Speicherplatz begnügt und trotzdem ein komplettes Software-Paket inklusive Office-Programmen, Multimediaplayern und Internet-Anwendungen mitbringt - all diese Software ist vollkommen kostenlos.

Auch an Alternativen zu Intels Atom-Chip, der derzeit fast alle Netbooks antreibt, mangelt es nicht. Eine günstige Variante hat beispielsweise der Chip-Hersteller Via mit dem Nano-Prozessor im Angebot. Selbst Samsung hat sich bereits an einem solchen Gerät versucht, bietet das Netbook NC20 mit Via-Chips an. Dessen deutlich sichtbares Unterscheidungsmerkmal gegenüber Standardgeräten: Es hat einen 12,1 Zoll großen WXGA-Bildschirm, den man bei keinem Atom-getriebenen Gerät finden würde.

Grafik-Nachbrenner für Intels CPU

Eine andere Variante wäre es, anstelle der sonst in Netbooks genutzten und für ihre lahme Grafik verschrienen Intel-Chipsätze nVidias neue Ion-Technik zu verwenden. Ion-Netbooks brauchen zwar immer noch einen Atom-Prozessor von Intel, sind dafür aber mit einem vergleichsweise fixen Grafikchip ausgestattet.

Der macht ein Netbook nicht nur zum HD-Videoplayer, sondern auch in Maßen spieltauglich. Vor allem aber könnte man auf Ion-Netbooks auch Windows Vista installieren. Noch aber gibt es kein einziges Beispiel für ein solches Gerät. Und auch über die Preise für ein solches Gerät herrscht noch großes Rätselraten.

Was macht also ein Netbook aus? Sind es wirklich die drei Dinge, die man den Geräten üblicherweise andichtet - also, dass sie klein, sparsam und günstig sein sollten? Oder gehören mittlerweile auch ganz andere Geräte zu den Netbooks?

Lesen Sie auf den folgenden Seiten, wie sich PC-Hersteller die nächste Generation der billigen Mini-Mobilrechner vorstellen:

Das Android-Netbook

Einige Hersteller suchen offenbar nach einem anderen Ausweg aus der Uniformität. Auf Linux mögen die allerdings nicht setzen. Offenbar schätzen viele Firmen die Hemmschwelle der Anwender hier sehr hoch ein. Das offene Betriebssystem ist für Otto-Normal-User eben noch ein unbekanntes Wesen.

Stattdessen hat es derzeit den Anschein, als könnte Googles Handy-Betriebsystem Android sich zum künftigen Netbook-Oberbefehlshaber emporschwingen. Nachdem Asus-Europachef Eric Chen bereits auf der Cebit bestätigt hatte, seine Firma teste den Einsatz von Android auf Netbooks, legte jetzt der HP-Manager Satjiv Chahil nach. Gegenüber dem " Wall Street Journal " sagte er, man sei dabei zu "überprüfen, inwieweit sich Android für den Einsatz in der Computer- und Kommunikationsbranche" eigne. Mit anderen Worten: Auch HP bastelt an einem Android-Netbook.

Die Beweggründe für ein solches Unterfangen liegen auf der Hand:

  • Android ist günstig. Mitglieder der Android-Entwicklergemeinschaft können das System beliebig modifizieren, kostenlos auf ihren Geräten installieren.

  • Android ist für einen Always-on-Betrieb konzipiert. Es kann permanent Kontakt zum Netz halten, beispielsweise, um E-Mails abzufragen, Termine zu prüfen oder Chats aufrecht zu erhalten.

  • Android unterliegt keinen Hardware-Beschränkungen. Android-Netbooks können beliebig mit großen Festplatten oder alternativen Prozessoren ausgestattet werden.

  • Und vor allem: Auch wenn es nicht von Google allein entwickelt wird, gilt Android als Google-Betriebssystem. Und Google umgibt die Aura des Einfachen. Ein Netbook, das sich so leicht bedienen lässt wie Googles Web-Suche oder Googles Online-Applikationen, davon träumen sicher viele PC-User.

Das Notebook-Netbook

Jetzt aber versuchen sich immer mehr Hersteller von der Konkurrenz abzusetzen, indem sie Netbooks bauen, bei denen man sich fragen muss, ob das wirklich noch Netbooks sind. In Taiwan hat das Unternehmen Asus Ende März ein neues EeePC-Modell vorgestellt, das mit den Regeln bricht. Der EeePC 1004DN enthält als erster seiner Art ein optisches Laufwerk. Damit sollen sich DVDs und CDs nicht nur lesen, sondern auch in allerlei Formaten brennen lassen.

Mehr noch: Auch ein Express-Card-Steckplatz soll mit an Bord sein, über den sich Erweiterungskarten, beispielsweise UMTS-Modems, einstecken lassen. Solche Eigenschaften waren bisher den herkömmlichen Notebooks vorbehalten. Doch der EeePC 1004DN ist in seinem Herzen ein Netbook geblieben und entsprechend sparsam ausgestattet. Atom-Chip, ein Gigabyte Arbeitsspeicher und 120-Gigabyte-Festplatte zusammen mit einem 10-Zoll-Display sind typische Netbook-Attribute.

Aber mit knapp 1,5 Kilo Gewicht bewegt sich der neue EeePC schon deutlich in Richtung Laptop. Das unterstreicht auch der Preis: 590 Dollar (450 Euro) soll das Gerät angeblich in den USA kosten. Ob, wann und zu welchem Preis dieser Netbook/Notebook-Hybrid nach Deutschland kommen wird, ist derzeit allerdings noch vollkommen offen.

Das Handy-Netbook

In eine vollkommen andere Richtung zielt dagegen das Firstbook, ein von dem OEM-Hersteller Wilstron entwickeltes Netbook. Das ist, im Gegensatz zu Standard-Netbooks, sehr dünn und leicht, erinnert vom Formfaktor ein wenig an das VaioP von Sony. Der wichtigste Unterschied zur Masse ist allerdings sein Mikroprozessor.

Bei dem handelt es sich um den Snapdragon-Chip von Qualcomm, der eigentlich als Handy-Chip konzipiert ist. Im Sommer soll mit dem Toshiba TG01 das erste Mobiltelefon mit dem neuen Ein-GHz-Chip in den Handel kommen und dank der hohen Leistung des Snapdragon vor allem durch hohe Bildschirmauflösung und tolle Grafik glänzen.

Auch wenn Details zu dem Gerät noch ausstehen, ein paar Daten gibt es schon. So soll es mit einem 11-Zoll-Breitbild-Display daherkommen und Linux als Betriebssystem nutzen. Zudem ist ein 3G-Funkmodul, etwa für den Internet-Zugang per Mobilnetz, ebenso integriert wie Bluetooth und W-Lan. Die Ausstattungsdetails könnten das Gerät vor allem für Mobilfunkanbieter interessant machen. Die sorgen schon jetzt mit Bündelangeboten für enorme Netbook-Umsätze.

So verkauft sich das Acer Aspire One bei T-Mobile offenbar wie geschnitten Brot. In Kombination mit der Daten-Flatrate web'n'walk Connect L kostet es nur einen Euro. Hinzu kommt allerdings eine Grundgebühr in Höhe von knapp 40 Euro pro Monat, die über 24 Monate zu zahlen ist. Für die Anbieter ist so ein Deal auf jeden Fall ein gutes Geschäft. Ob es das auch für die Käufer ist, hängt davon ab, ob sie eine solche Mobilfunk-Daten-Flatrate überhaupt brauchen und nutzen.

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