"Little Big Planet" Sony stoppt Spiel wegen Koranversen im Soundtrack

Es sollte der Blockbuster für die Playstation 3 zum Weihnachtsgeschäft werden - nun werden wohl Hunderttausende "Little Big Planet"-Scheiben in den Müll wandern. Grund: Im Soundtrack des Spiels kommen Verse aus dem Koran vor. Hat Sony überreagiert?

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Hamburg - Im Videospiel "Little Big Planet" kann der Spieler sich die Spielwelt so basteln, wie er sie gerne hätte - im Rahmen der Möglichkeiten eines Editors. Kleine Männchen aus Jute hüpfen und rennen durch eine leicht psychedelisch anmutende Welt, zusammengezimmert und -geklebt aus Pappe, Holz, Glas, Kork, Gummi. Aus solchen Grundstoffen können die Spieler auch eigene Level basteln. Das Sony-Management hätte momentan vermutlich selbst gern ein paar ähnliche Eingriffsmöglichkeiten für die wirkliche Welt - denn das als Jahres-Blockbuster fest eingeplante "Little Big Planet" kommt vorerst nicht auf den Markt. Wegen eines Religionsproblems.

In einem Level des Spiels kommt das Stück "Tapha Niang" des westafrikanischen Musikers Toumani Diabaté vor. Und dieses Stück, ein verschachteltes, orchestrales Werk (hier zu hören auf Diabatés MySpace-Seite), enthält neben Text in einem senegalesischen Dialekt auch zwei Zeilen auf Arabisch - und die entstammen dem Koran. Bislang hat das offenbar niemanden gestört. Nachdem "Little Big Planet" (LBP) in den USA aber vergangene Woche auf den Markt kam, bemerkte jemand das gesungene Koranzitat. In einem Forum wies ein eigenen Angaben zufolge muslimischer Spieler darauf hin.

"Zutiefst beleidigend"

"Wir Muslime empfinden die Vermischung von Musik mit Worten aus dem Heiligen Koran als zutiefst beleidigend", schrieb er ins Forum, "wir hoffen, dass sie das Stück sofort durch einen Online-Patch aus dem Spiel entfernen werden und sicherstellen, dass künftige Lieferungen des Spiels es nicht mehr enthalten."

Genau das tut Sony jetzt - und noch mehr. In Europa kommt das Spiel nicht wie geplant ab Donnerstag in den Handel, das Startdatum wird verschoben. Bislang ist noch unklar, wie lange. In den USA werden noch nicht verkaufte Exemplare offenbar zurückgerufen.

Teuer wird die Sache auf jeden Fall: Die Blu-ray-Disks mit "Little Big Planet" waren hierzulande schon seit Ende der vergangenen Woche auf dem Weg zu den Einzelhändlern. Lastwagenweise müssen sie nun zurückgeholt und vermutlich eingestampft werden.

In den USA bereits verkaufte Versionen von "Little Big Planet", die das zwei Jahre alte Musikstück des Grammy-Preisträgers Diabaté noch enthalten, werden schon jetzt bei Ebay zu überhöhten Preisen weiterverkauft - als Sammlerstücke. Einer der Wiederverkäufer will für das Spiel 250 Dollar haben, bei einem Neupreis von 60 Dollar. Viele Gebote verzeichnen die Krisengewinnler bislang allerdings nicht.

Koranverse als Klingelton sind gang und gäbe

Für Sony ist die Verschiebung deshalb besonders schmerzhaft, weil man mit einem gewaltigen Verkaufserfolg für den Exklusivtitel rechnet. Das Spiel ist von der Fachpresse sehr gut bis euphorisch besprochen worden, und die knuddelige Optik könnte dem Konzern neue Zielgruppen erschließen. Bislang gilt die Playstation 3, im Gegensatz zu Nintendos Wii, eher als Gerät für den Hardcore-Gamer denn als Familienkonsole. Bei Sony hoffte man auf LBP als "System Seller", also als Titel, dessentwegen sich Konsumenten die Konsole gleich dazu kaufen würden.

Möglicherweise hat man bei Sony mit der Rückrufaktion aber auch einfach ein bisschen überreagiert. Das japanische Mutterhaus des Konzerns entschuldigte sich sogar. Dabei sind gesungene Koranverse, ganz im Gegensatz zu dem, was der Forenposter schrieb, gar nichts prinzipiell Problematisches. In der arabischen Welt ist es beispielsweise gang und gäbe, gesungene Zeilen aus dem heiligen Buch als Handy-Klingelton zu verwenden, melodiöse Koran-Rezitationen laufen auch im Radio. Strenggläubige Muslime reagieren nur allergisch, wenn Nichtmuslime aus dem Koran zitieren oder Koranverse in einen beleidigenden Kontext gestellt werden.

Dass aber "Little Big Planet", ein fröhliches, gewaltfreies Spiel mit kindlich anmutender Optik einen Muslim beleidigen könnte, erscheint eher unwahrscheinlich. Der aus Mali stammende Musiker Toumani Diabaté, der mit seinem "Symmetric Orchestra" das Stück aufgenommen hat, ist selbst gläubiger Muslim.

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